Hamburg. Autoimmunerkrankungen können das Leben schwer beeinträchtigen. Wer gefährdet ist und wie man gegensteuern kann, erklärt Dr. Riedl.

Das Immunsystem will gehätschelt werden. Sonst kann es passieren, dass der Körper gegen sich selbst kämpft. „Das Immunsystem des Körpers ist dazu da, sich Feinde vom Leib zu halten, schnell zu erkennen und zu attackieren“, sagt Dr. Matthias Riedl. „Wenn dieses System körpereigene Oberflächen verwechselt mit Feinden, dann attackiert es diese, und dort kommt es dann zur Entzündung. Das ist total fatal“, sagt der Ernährungs-Doc im Podcast „Dr. Matthias Riedl. So geht gesunde Ernährung“ über Autoimmunerkrankungen.

Im Ergebnis gehe der Körper mit aller Macht gegen ein Gewebe vor, beispielsweise gegen die Haut, gegen Gelenke oder auch gegen das Herz. Noch fataler sei es, wenn die Niere betroffen sei, weil sie so empfindlich sei und eine Entzündung überhaupt nicht gut vertragen könne – ebenso wie die Leber oder die Gallenwege.

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Ernährungs-Doc: Wer eher zu Autoimmunerkrankungen neigt

„Letztlich kann der Körper alles Mögliche attackieren, wenn er es mit Fremdem verwechselt, und das ist total schlimm, weil dann in diesen Organen eine chronisch schwelende Entzündung ist – wenn wir Glück haben. Wenn wir Pech haben, ist es eine akute Entzündung, die diese Organe ruiniert“, so Riedl.

Frauen neigten eher zu Autoimmunerkrankungen wie zum Beispiel Hashimoto, die Entzündung der Schilddrüse. Eine genetische Veranlagung sei vorhanden, äußere Umstände könnten diese genetische Veranlagung zum Ausbruch bringen. „Das ist das Problem. Wir alle haben in uns bestimmte Krankheiten, sozusagen Sollbruchstellen.“

Die Lebensweise und viele Einflüsse wie Stress hätten einen entscheidenden Einfluss. Da müsse man das ganze Leben betrachten. „Ist dieser Mensch einer starken Stressreaktion ausgeliefert gewesen? Hat er vielleicht auch im Mutterleib Stress gehabt. Und wie ist es mit der Ernährung? Hat er eine entzündungsfördernde Ernährung gehabt, ein entzündungsförderndes Leben mit wenig Schlaf, mit viel Stress?“ Auch wer Gewalt erfahren habe, sei gefährdet, später eine Autoimmunerkrankung zu entwickeln. „Sein Inneres, seine Psyche sind beschädigt, und daraus kann alles Mögliche entstehen.“

Experte: Unsere Lebensweise können wir beeinflussen, ganz aktiv

Unsere Lebensweise könnten wir beeinflussen, sagt der Experte, wir müssten es aber auch aktiv tun. „Viele sagen, wenn ich das gewusst hätte, dann wäre dieses Schicksal möglicherweise nicht eingetreten. Aber das ist ja dann vergossene Milch. Das Gute ist, dass man was tun kann, und das müssen wir uns klarmachen.“

„Wir sind Tausenden von Keimen ausgesetzt, die wollen uns umbringen oder in uns leben oder Krankheiten verursachen, und deshalb brauchen wir ein Immunsystem, das an den Grenzen echt aufpasst“, sagt der Ernährungsmediziner.

Und das sei das Problem. Je älter wir werden, desto unschärfer werde dieses System, und je schlechter wir leben, desto ungenauer wird es. „Es kann sein, dass ich durch mein Leben diese Entzündungsbereitschaft erhöhe. Und dann habe ich plötzlich nicht mehr Soldaten, die an der Grenze gründlich kontrollieren und patrouillieren, sondern ein paar Dussel, die erst mal losballern und dann fragen, was los ist. Mit meinem Leben kann ich dieses Militär an den Grenzen schusselig machen, ungenau und vor allen Dingen überreaktiv. Dieses kann man auch wieder justieren.“

Wichtig: Gute Ernährung, Stressvermeidung und genug Zeit in der Natur

Dabei spiele Ernährung eine große Rolle, aber auch Stressvermeidung, Achtsamkeit im Leben, Meditation, Sport wirke entzündungsregulierend. Auch Ruhe und der Aufenthalt im Grünen, in der Natur seien wichtig. „Unsere Lebensumgebung ist für uns Menschen eigentlich lebensfeindlich, ohne dass wir es uns richtig bewusst machen.“

Zu den verbreitetsten Autoimmunerkrankungen zählen neben Schilddrüsen-Erkrankungen laut Riedl Diabetes Typ 1, was vor allem bei Kindern immer stärker zunehme, aber auch Darmentzündungen, multiple Sklerose und rheumatische Erkrankungen im weitesten Sinne. Schuppenflechte als sehr häufige Hauterkrankung gelte ebenfalls als eine rheumatische Erkrankung.

Autoimmunerkrankungen: Wann sie auftreten und wie sie verlaufen

Autoimmunerkrankungen treten laut Riedl üblicherweise vom jungen Erwachsenenalter bis zum mittleren Alter auf. „Mir sagte einmal ein Rheumatologe, laut seiner Erfahrung sei es so: Wie die Krankheit beginnt, so geht sie auch weiter. Das heißt, wenn wir einen langsamen, milden Verlauf haben, ist die Wahrscheinlichkeit oder die Hoffnung berechtigt, dass es vielleicht auch langsam milde verläuft.“

Zu den schlimmeren Autoimmunerkrankungen zählen laut Riedl Gefäßentzündungen oder Lupuserkrankungen, bei denen verschiedene Organbereiche betroffen sein können. „Solche Erkrankungen können, wenn sie schwerwiegend verlaufen, tatsächlich sehr, sehr aggressive Formen annehmen. Deshalb ist es wichtig, so was dann auch früh zu erkennen, richtig zu behandeln und in laufender rheumatologischer Betreuung zu sein.“

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Antientzündliche Ernährung – was sie bewirken kann

Antientzündliche Ernährung könne Betroffenen helfen. Matthias Riedl dazu: „Antientzündliche Ernährung besteht darin, Dinge, die entzündungsfördernd wirken, zu reduzieren oder wegzulassen. Und auf der anderen Seite haben wir Lebensmittel, die wirken antientzündlich, und die muss man mehr ins Leben bringen.“

Die westliche Ernährung sei voller entzündungsfördernder Gewohnheiten. Ein Vorteil dabei sei: „Wer viel schlecht macht, kann viel mit der Ernährungsmedizin bewirken. Wir finden auch bei vielen Menschen, die gar keine Autoimmunerkrankung haben, eine erhöhte Entzündungsbereitschaft. Da ist also eine schwelende stille Entzündung, und das betrifft einen Großteil der Bevölkerung – bedingt durch Übergewicht und durch falsche Ernährung. Dadurch altert man schneller.“

Riedl hat folgende Tipps für eine antientzündliche Ernährung – was man essen soll:

  • Ballaststoffe: „Die Ballaststoffe wirken direkt im Darm antientzündlich. Dort laufen sehr viele Prozesse des Immunsystems, denn es ist ja eine Grenze nach außen.
  • Omega-drei-Fettsäuren wie in Fisch oder Fischöl
  • Sekundäre Pflanzenstoffe, die Pflanzen aromatisch machen, beispielsweise die Farbe oder den Geruch geben. „Knoblauch beispielsweise sei ein antientzündliches Gewächs wie die Lauchgewächse überhaupt“
  • Antioxidantien, die in Pflanzen enthalten sind
  • gesunde Pflanzenöle
  • Kräuter und Gewürze
  • Zuckerarme Früchte wie Sauerkirschen, Himbeeren, Blaubeeren, Erdbeeren, Sanddorn

„Wenn wir Patienten antientzündlich behandeln, erleben wir sehr häufig, dass ihre Beschwerden weniger werden“, sagt Riedl. Er sei nicht gegen moderne Medikamente, Ernährungstherapie sei eine ergänzende Therapie, die dazu führen kann, dass man weniger Medikamente braucht.

Dr. Riedl: Warum die Studienlage in diesem Fall nicht so entscheidend ist

„Auch wenn wir im Einzelnen noch nicht die Studienlage haben, die die Wirkung beweist, so sehen wir es in der Anwendung bei den Patienten, dass es Besserung bringt. Was wir an großen teuren Medikamentenstudien haben, das werden wir in der Ernährungsmedizin nicht haben. Wer soll es bezahlen? Der Staat, die Gemüsebauern oder sonst wer? Es wird keiner bezahlen.“

Die Ernährung, die er empfehle, habe keine Nebenwirkung. „Im schlimmsten Fall ist die Ernährung gesünder und die Autoimmunerkrankung genauso schlimm wie vorher“, sagt Riedl Wichtig sei bei Autoimmunerkrankungen, den Vitamin-D-Spiegel und auch den Omega-drei-Index zu überprüfen.

Rezept für Loaded Fries mit veganem Cashewdip und Avocado-Tomaten-Salsa

4 Portionen, Zubereitungszeit: ca. 40 Minuten, ca. 20 Min. Backzeit. Pro Portion ca. 550 kcal / 13 g E / 32 g F / 45 g KH / 6 g BST

Loaded Fries aus: Medical Cuisine. Das Anti-Entzündungs-Kochbuch von Dr. Matthias Riedl und Johann Lafer, Gräfe und Unzer.
Loaded Fries aus: Medical Cuisine. Das Anti-Entzündungs-Kochbuch von Dr. Matthias Riedl und Johann Lafer, Gräfe und Unzer. © Gräfe und Unzer / Jan Brettschneider | Gräfe und Unzer / Jan Brettschneider

Zutaten:
150 g Cashewkerne, 1 kg festkochende große Kartoffeln, 4–5 EL Raps- oder Olivenöl, Salz, Pfeffer, 1 Knoblauchzehe, Saft von 2 Limetten, 1–2 EL Hefeflocken, 1 TL Kurkuma, 1 TL Paprikapulver, 2 Tomaten, 1 kleine reife Avocado, 1 rote Zwiebel, 4–5 Zweige Koriander, 1-2 grüne Jalapeñoschoten

Zubereitung:
1. Die Cashewkerne mit 150 ml kochend heißem Wasser in einem hohen Becher geben und ca. 30 Min. einweichen.

2. Inzwischen den Backofen auf 230 Grad (Umluft) vorheizen. Die Kartoffeln gründlich waschen und samt Schale in breite Spalten schneiden. Auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech geben, mit Öl beträufeln, kräftig salzen und pfeffern und gründlich vermengen. 20–25 Min. im Ofen goldbraun backen. Dabei gelegentlich wenden.

3. Währenddessen für den Cashew-Dip den Knoblauch schälen und halbieren. Mit 2–3 EL Limettensaft, den Hefeflocken und je 1 kräftiger Prise Salz, Kurkuma und Paprikapulver zu den eingeweichten Cashewkernen in den Becher geben und alles mit einem Mixstab fein pürieren. Den Dip evtl. mit etwas Wasser verdünnen und nochmals abschmecken.

4 Die Tomaten waschen und in kleine Würfel schneiden. Dabei gleich die Stielansätze entfernen. Die Avocado halbieren, Kern und Schale entfernen und die Hälften in Würfel schneiden. Die Zwiebel schälen und fein würfeln. Koriander abbrausen, trockenschütteln und grob hacken. Alles in einer Schüssel mit dem restlichen Limettensaft vermengen und mit Salz abschmecken.

5 Jalapeñoschote in feine Ringe schneiden. Fries mit Cashew-Dip und Avocado-Tomaten-Salsa auf eine Platte geben und mit Koriander und Jalapeñoringen bestreuen.

Medical Cuisine. Das Anti-Entzündungs-Kochbuch von Dr. Matthias Riedl und Johann Lafer, Gräfe und Unzer.
Medical Cuisine. Das Anti-Entzündungs-Kochbuch von Dr. Matthias Riedl und Johann Lafer, Gräfe und Unzer. © Gräfe und Unzer / Grossmann & Schürle | Gräfe und Unzer / Grossmann & Schürle