Darknet – Surfen im Zeichen der Zwiebel

Braunschweig  Unser Autor taucht ein ins Unbekannte und trifft auf illegale Waffen und Drogen – aber auch auf politische Aktivisten.

Mario Krause zeigt die Seite eines Darknet-Waffenhändlers. Im Interview (rechts)spricht der Kriminalhauptkommissar über seine Arbeit im Cyber-Crime.

Mario Krause zeigt die Seite eines Darknet-Waffenhändlers. Im Interview (rechts)spricht der Kriminalhauptkommissar über seine Arbeit im Cyber-Crime.

Foto: Andreas Eberhard

Alle reden übers Darknet – immer dann, wenn mal wieder etwas Schlimmes passiert ist. Meist im selben Atemzug fallen die Worte Drogen- oder Waffenhandel, Kinderpornografie, Terror.

Dabei kennen wohl die Wenigsten das Darknet aus eigener Anschauung. Um das zu ändern, erkunde ich im Selbstversuch, wie es ist, sich in diesem Bereich des Internets zu bewegen – und was es dort zu sehen gibt.

Meine Reisebegleiter sind Thies, Daniel und Klaus, der eigentlich anders heißt. Den Kontakt zu den drei jungen Männern hat der Braunschweiger Verein „Stratum 0“ vermittelt, der im Schimmelhof an der Hamburger Straße ein Hackerspace, eine offene Digital-Werkstatt, betreibt.

Viele Wege führen ins Darknet. Der wohl gebräuchlichste ist der Browser mit Namen Tor. Ich googele den Begriff, klicke auf den ersten Treffer und installiere die deutschsprachige Version des Surf-Programms auf meinem Windows-Laptop. Kinderleicht. „Naja“, sagt Klaus leicht einschränkend: Wer zu 100 Prozent anonym bleiben wolle, müsse weitere Sicherheitsschritte beherzigen: „Darknet für Whistleblower sieht dann doch noch etwas anders aus.“ Aber für meinen ersten Kurztrip soll es reichen.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Benutzeroberfläche von Tor kaum von der anderer Browser wie Chrome oder Firefox. Thies macht mich auf ein unscheinbares Icon neben der Adresszeile aufmerksam, das eine aufgeschnittene Zwiebel darstellt.

Ein Klick darauf zeigt mir an, dass meine Internet-Verbindung einen dreifachen Umweg nimmt: über zwei verschiedene Server in den Niederlanden und einen in Frankreich. Die Zwischenstationen sorgen dafür, dass am Ende nicht mehr zu erkennen ist, dass ich die Seite von einer Braunschweiger IP-Adresse aus aufrufe. Für jeden der Server ist jeweils nur die vorangegangene Station zu erkennen. Wie die Schichten einer Zwiebel verdeckt jede einzelne Relaisstation die vorausgehende. Und die Zusammensetzung meiner Surf-Zwiebel ändert sich bei jedem Seitenaufruf.

Aber wie an Inhalte im Darknet gelangen – ohne Google? Orientierung geben hier Seiten wie das „Hidden Wiki“, eine Sammlung von Links zu Darknet-Angeboten aller, wirklich aller Art:

Los geht es mit Ratgeberseiten darüber, wie man sich und die eigenen Daten beim Surfen schützt. Dann folgen Links zu Darknet Suchmaschinen wie „Grams“. Wer hier im Suchfenster „weed“ – also „Gras“ – eingibt, erhält Suchergebnisse, die denen von „Google Shopping“ ähneln. Anders sind hier nur die Waren: „2 kg Green Monster Weed“, und die Währung des Preises: 1,375 Bitcoin. Eine Einheit der Internet-Währung, die ähnlich anonym wie Bargeld funktioniert, entspricht aktuell rund 6500 Euro.

Thies erinnert sich, vor fünf Jahren einmal 10 Bitcoins besessen zu haben. Als sie noch fast nichts wert waren, seien kleine Mengen gratis ausgegeben worden. Eine Pizzeria in Gifhorn hatte damals eine Promo-Aktion: Eine Pizza für zehn Bitcoins – „aus heutiger Sicht der schlechteste Deal meines Lebens.“

Je weiter ich im „Hidden Wiki“ nach unten scrolle, umso fragwürdiger und krimineller wird es – auch wenn die Überschriften teils so stilvoll klingen wie „Erotica“ oder „Financial Services“. Eine der hier angebotenen „Finanzdienstleistungen“ ist der Verkauf fremder Kreditkartendaten.

Daniel, mein dritter Guide, betont, dass das Darknet neben alldem auch eine politische Funktion erfüllt: Aktivisten könnten sich hier international austauschen, ohne Repression fürchten zu müssen. Als Beispiel nennt er das Portal „Riseup“, hinter dem eine linke Gruppe steckt, die gegen die Kontrolle des Internets durch Staaten oder Unternehmen kämpft. Die Riseup-Seite in Deutschland ist allerdings auch im Clearnet, dem normalen Netz, aufrufbar – nur eben nicht anonym.

„Für Ottonormalbürger“, da sind sich Thies, Daniel und Klaus einig, „gibt es kaum Gründe im Darknet zu sein.“ Es ist langsamer als das normale Netz, die Links führen oft ins Nichts, und viele Inhalte sind wenig erfreulich. „Diese Mühe nimmt nur jemand auf sich, der besondere Gründe dafür hat, weil er sich bedroht fühlt“, sagt Klaus.

Daniel empfiehlt trotzdem jedem einmal einen Blick hinein, um nicht den zahlreichen Mythen über das Darknet aufzusitzen: „Es ist nichts Spezielles, nichts Elitäres. Natürlich sind die Inhalte hier mit Vorsicht zu genießen. Das ist im Clearnet letztlich aber auch nicht anders.“

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