„Ich werde auf jeden Fall mit einem Lächeln gehen“

Wolfsburg.  Josuha Guilavogui, Kapitän des VfL Wolfsburg, im Geburtstags-Interview vor dem Bundesliga-Start gegen Bayer Leverkusen.

Herzlichen Glückwunsch! Josuha Guilavogui feiert am Samstag seinen 30. Geburtstag. Doch wegen einer Sperre verpasst der Kapitän des VfL Wolfsburg den Bundesliga-Auftakt gegen Bayer Leverkusen.

Herzlichen Glückwunsch! Josuha Guilavogui feiert am Samstag seinen 30. Geburtstag. Doch wegen einer Sperre verpasst der Kapitän des VfL Wolfsburg den Bundesliga-Auftakt gegen Bayer Leverkusen.

Foto: Darius Simka / regios24

Seit sechs Jahren spielt Josuha Guilavogui inzwischen für den VfL Wolfsburg, ist ein echtes Urgestein und Aushängeschild des Klubs geworden. Am Samstag feiert der lebenslustige Franzose seinen 30. Geburtstag, einen Tag später beginnt für den VfL die neue Bundesliga-Saison mit dem Heimspiel gegen Bayer Leverkusen (18 Uhr). Da jedoch wird der Kapitän fehlen, weil er am letzten Spieltag der vorherigen Spielzeit Gelb-Rot gesehen hatte. Im Geburtstags-Interview mit Sportredakteur Leonard Hartmann spricht Guilavogui über seine Entwicklung als Mensch, seine Rolle als Anführer der Wolfsburger und sein Karriereende.

Josuha Guilavogui, Sie werden am Samstag 30 Jahre alt…

Was soll das? Was ist das für ein Start ins Interview? (lacht)

Haben Sie etwa Angst vor Ihrem 30. Geburtstag?

Nein, Angst nicht. Aber 30 klingt schon ziemlich alt. Ich habe das Gefühl, dass ich gestern noch 20 Jahre alt war. Ich kann mich noch so gut an mein erstes Training bei den Profis von Saint-Étienne erinnern. Aber in meiner Karriere liegt nun viel mehr hinter mir als noch vor mir. Das ist schon eine besondere Zeit, die man genießen muss. Damit kein bitteres Gefühl in mir aufsteigt, wenn ich irgendwann meine Karriere beende.

Ignacio Camacho musste seine Karriere wegen einer Verletzung beenden. Wie haben Sie den unfreiwilligen Abschied Ihres Kollegen erlebt?

Es war keine große Überraschung mehr, weil er seit zwei, drei Jahren fast nur verletzt oder in der Reha war. Wenn man alles gegeben hat, bis nichts mehr geht, und der Kopf dann irgendwann „Stop“ sagt, dann muss man das akzeptieren. Für einen Sportler ist es das Schlimmste, wenn man wegen seines Körpers aufhören muss. Nicht, weil man müde, alt oder lustlos ist. Sondern weil der Körper die Entscheidung trifft. Das tut weh. Aber ich kenne ihn: Ignacio ist motiviert, er wird etwas finden, das ihm gefällt.

Denken Sie ans Karriereende?

Häufiger als noch vor drei oder vier Jahren. Ich hoffe, dass ich noch ein paar gute Jahre vor der Brust habe. Wenn es soweit ist, werde ich auf jeden Fall mit einem Lächeln gehen.

Sie sind vor zehn Jahren Profi in Saint-Étienne geworden. Wie haben Sie sich seitdem als Fußballer verändert?

Ich denke, ich bin noch immer derselbe. Für mich war es schon immer schön, zum Training zu kommen, mit den Jungs zu sprechen und Spaß zu machen. Und das ist heute noch so. Dass ich immer positiv bin, ist sicher eine meiner Stärken. Ich spreche derzeit viel mit Maxence (Lacroix, 20 Jahre alter Neuzugang aus Sochaux, Anmerkung der Redaktion) und sage ihm, dass er die Zeit genießen soll. Ich hätte diese Phase zu Beginn meiner Karriere bewusster erleben müssen. Denn da ist man noch frei. Irgendwann kommt der Druck von außen dazu. Auch das Leben wird anders, wenn man für seine Familie da sein muss. Es war zweifelsohne die schönste Zeit für mich, als ich Profi wurde und einfach nur Fußball gespielt habe. Und jetzt gebe ich Maxence und anderen jungen Spielern diesen Rat. Denn ich habe die Phase nicht genug genossen.

Wie haben Sie sich in den zehn Jahren als Mensch verändert?

Früher war ich öfter wild und habe hier und da verrückte Dinge getan. (lacht) Aber mittlerweile bin ich ruhiger und erwachsen geworden. Ich bin stolz auf das, was ich als Mensch erreicht habe. Ich habe eine Familie mit zwei tollen Kindern, dazu habe ich ein Waisenhaus in Guinea gegründet. Das ist doch eine sehr gute Entwicklung.

Mit 30 Jahren steht nun auf dem Fußballplatz eine Veränderung für Sie an. Sie werden aller Voraussicht nach als Innenverteidiger in die neue Saison gehen. Ist es leichter, als junger Spieler eine neue Position zu lernen oder als erfahrener Spieler?

Wenn man als junger Spieler eine neue Aufgabe bekommt, nimmt man sie oft mit großer Euphorie und viel Tatendrang an. Wenn man älter ist, erledigt man das mit dem Kopf und der Erfahrung. Ich habe ein paar schlechte Monate hinter mir. Als ich von meiner Knieverletzung zurückgekehrt bin, ist es nicht so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Jetzt bin ich nur froh, wieder auf dem Feld zu stehen. Unser Trainer Oliver Glasner hat schon ganz am Anfang den Gedanken gehabt, mich in die Abwehr zu stellen. Ich bin bereit dafür und freue mich drauf.

Was verändert sich für Sie?

Mir gefällt es sehr, dass ich meine Kollegen von der Position aus noch besser coachen kann. Dazu darf ich kein Risiko eingehen, muss aufmerksamer und immer hellwach sein. Als wir im DFB-Pokal gegen Union Fürstenwalde gespielt haben, einen Viertligisten, mussten wir aufpassen. Als Maxence einmal etwas zu lange gezögert und den Ball verloren hat, habe ich ihm gesagt: willkommen in Deutschland (lacht).

Was nehmen Sie sich vor für die neue Saison?

Wir wollen es besser machen als in der Vorsaison. In die Top 5 zu kommen, wird sehr schwer, weil Bayern, Dortmund, Leipzig, Mönchengladbach und Leverkusen extrem stark besetzt sind. Aber man weiß nie: Wenn wir eine Top-Saison spielen, ist alles möglich. Wir wollen uns wieder fürs europäische Geschäft qualifizieren – und dazu gehört auch die Champions League. Aber es wird schwer. Neben den Topteams gibt es noch Hertha, Frankfurt, Hoffenheim, auch Bremen habe ich auf dem Zettel. Die Relegation kann viel Kraft geben, das wissen wir hier nur zu gut. Es wird spannend. Die Bundesliga ist einfach ein geiler Wettbewerb.

Zum Start gegen Bayer Leverkusen am Sonntag fehlen Sie gesperrt, weil Sie am 34. Spieltag der Vorsaison beim 0:4 gegen den FC Bayern Gelb-Rot gesehen haben. Sie können daher in diesem Spieljahr auf insgesamt 33 Bundesliga-Partien kommen. Schaffen Sie die alle, springen Sie in der Bundesliga-Rekordspieler-Liste des VfL auf Rang 6. Dann fehlt Ihnen nur noch ein Spiel zu Platz 5, den derzeit Miroslav Karhan mit 173 Partien belegt. Bedeutet Ihnen diese Statistik etwas?

Ich wusste das nicht. Mir bedeutet diese Statistik sehr, sehr viel. Ob ich die 33 Spiele schaffe, weiß ich noch nicht. Aber mein Vertrag beim VfL läuft ja noch bis 2023. Bis dahin kann ich es locker in die Top 5 schaffen. (lacht) Das wäre geil.

Nur noch Maximilian Arnold ist länger im Wolfsburger Kader dabei als Sie. Sie sind ein echtes Urgestein geworden. Hätten Sie das gedacht, als Sie vor sechs Jahren von Atletico Madrid nach Wolfsburg gekommen sind?

Nie, nie, nie. (lacht) Ich hatte immer mal Möglichkeiten, den VfL zu verlassen. Aber es war nie besser als hier. Ich glaube an Gott und daran, dass wir alle einen Weg haben. Ich bin sehr, sehr glücklich, hier zu sein. Aber, wer weiß, was die Zukunft bringt. Vielleicht stoppt mich eine Verletzung, vielleicht will der Klub frisches Blut, weil ich zu alt geworden bin – man kann es jetzt noch nicht wissen. Im Moment bin ich in jedem Fall sehr zufrieden.

Sie gehen im dritten Jahr in Folge als Kapitän in die Saison. Zum Ende der Vorsaison waren Sie trotz der Binde nicht gesetzt. Wie wichtig ist Vertrauen für einen Anführer?

Ganz entscheidend. Ich habe ein Interview gesehen von Lars Bender. Der ist als Kapitän von Bayer Leverkusen zurückgetreten mit der Aussage: Ein Kapitän darf nicht auf der Bank sein. Das entspricht auch meinem Verständnis der Kapitänsrolle. Man hat einfach eine besondere Rolle inne und muss sein Team vom Feld aus führen – und nicht von der Bank. Nicht falsch verstehen: Ich erwarte gar keine Startelfgarantie. Vielleicht muss ich sogar mehr investieren, um meine Rolle zu verteidigen.

Im nächsten Heimspiel gegen Augsburg wird die VW-Arena zu 20 Prozent gefüllt sein. Freut Sie das?

Natürlich, wir vermissen unsere Fans. Als wir in Magdeburg vor 1100 Fans gespielt haben, hatte ich das Gefühl, dass das Stadion voll war. Das war so cool. Ich freue mich schon auf die 20 Prozent – und vielleicht bald noch mehr.

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