Kinderbücher sind in der Corona-Krise stark gefragt

Braunschweig.  Die Pandemie wirkt sich auch auf den Buchmarkt aus. Regionale Händler geben einen Überblick. Gibt es eine Renaissance des gedruckten Buchs?

Im Corona-Lockdown haben die Menschen vermehrt Kinder- und Jugendbücher gekauft. (Symbolbild)

Im Corona-Lockdown haben die Menschen vermehrt Kinder- und Jugendbücher gekauft. (Symbolbild)

Foto: Jan Woitas / dpa

Restaurants, Bars, Sporthallen, Theater und Kinos – alles geschlossen. Aufgrund von stark angestiegenen Corona-Infektionszahlen gilt im November wieder ein Lockdown. Nicht ganz so hart wie im Frühjahr – allerdings sind die meisten Einrichtungen für Freizeit und Vergnügen wieder zu. Was soll man also zum Zeitvertreib tun? Für einige Menschen war diese Frage während des ersten Lockdowns einfach zu beantworten: „Ich lese ein Buch.“ Doch hat die Corona-Pandemie zu einem generellen Aufschwung der Buchbranche geführt? Wir haben uns bei Buchhändlern in der Region und Experten umgehört.

„Es wird mehr gelesen“, sagt Joachim Wrensch. Er ist Geschäftsführer bei der Braunschweiger Buchhandlung Graff. Gerade in Zeiten des Lockdowns sei dies den Kunden wichtig gewesen. Während der vorübergehenden corona-bedingten Schließung im Frühjahr und auch danach hätten die Kunden vermehrt im Internet bestellt. „Wir haben während des Lockdowns sehr intensiv Bücher zu den Kunden gebracht“, berichtet Wrensch. Besonders stark seien Kinder- und Jugendbücher nachgefragt worden. Auch Belletristik sei gut angenommen worden. „Der Spiele- und Puzzle-Bereich hat sich während des Lockdowns im Absatz verdoppelt“, sagt der Geschäftsführer.

Kunden nehmen das ein oder andere Buch mehr mit

Auch Michael Sopper von der Buchhandlung Franz G. Sopper in Vorsfelde berichtet: „Es sind viele Kinderbücher, Beschäftigungsbücher, Vorlesebücher und Schulbücher gekauft worden.“ Zudem hätten Wander- und Fahrradkarten aus der Region zugelegt – internationale Reiseführer seien zurzeit eher Ladenhüter. Allerdings habe die Nachfrage nach Lesestoff nicht unbedingt zugenommen. „Wir hatten vier Wochen zu. Danach gab es einen Nachholbedarf“, erzählt Sopper. Einige Kunden hätten das ein oder andere Buch mehr mitgenommen. „Buchhandlungen sind die Apotheken für die Seele“, meint Sopper. Aber der Buchhändler stellt auch fest, dass die Kunden gezielter einkaufen: „Das Bummeln fällt wegen Corona weg.“ Insgesamt hätten die wirtschaftlichen Corona-Auswirkungen die Buchbranche nicht ganz so hart getroffen wie beispielsweise die Gastronomie.

Der Buchumsatz in Deutschland ist zwischen Januar und September 2020 laut Marktanalyst Media Control um 4,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum eingebrochen. Bei der Wiedereröffnung der Läden im April betrug er noch minus 14,9 Prozent. „Seit Ende des ersten Lockdowns ist die Nachfrage nach Büchern groß. Die Buchumsätze liegen seit Juni jeweils über denen der Vorjahresmonate. Somit kann der Buchhandel den Umsatzrückstand aus dem Lockdown Monat für Monat verkleinern“, teilt Thomas Koch mit. Er ist Pressesprecher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Allerdings stehe das für die Branche wichtige Weihnachtsgeschäft noch aus. Deshalb können noch keine Aussagen zum gesamten Jahr gemacht werden.

Kinder- und Jugendbücher verzeichnen als einzige Warengruppe ein Wachstum

„Generell können wir bestätigen, dass das Kinderbuch- und Spielwarensortiment von der Corona-Krise profitiert hat. Gerade im Lockdown war die Nachfrage nach Beschäftigungsmaterial für Kinder und Jugendliche besonders groß“, teilt auch Deutschlands größte Buchhandlungskette, Thalia Meyersche, auf Nachfrage mit. Die Gruppe beschließt das Geschäftsjahr 2019/2020 mit einem Umsatz von einer Milliarde Euro, ein Plus von rund 2 Prozent zum Vorjahr. Nach Daten von Media Control haben die Kinder- und Jugendbücher in Deutschland als einzige Warengruppe zwischen Januar und September ein Wachstum von 6,2 Prozent zu verzeichnen.

„Dass Corona zu einer Renaissance des Buches führt, können wir aktuell zumindest an den bislang verfügbaren Marktdaten nicht ablesen“, sagt Harald Rau im Gespräch mit unserer Zeitung. Er ist Professor für Kommunikationsmanagement an der Ostfalia-Hochschule in Salzgitter. Nach aktuellen Zahlen hat rund jeder zweite Deutsche in den vergangenen zwölf Monaten mindestens ein Buch gekauft. Der Medien- und Kommunikationswissenschaftler der Ostfalia bleibt mit Blick auf den Buchhandel und einen nachhaltigen Aufschwung am Buchmarkt eher skeptisch. Wenn man auf das gesamte Budget der Mediennutzung blickt, dann ist die Konkurrenz gerade durch Streaming-Angebote groß. „Die Entkoppelung der Bewegtbildformate von einer linearen Nutzung ist meines Erachtens auch auf Kosten des gedruckten Buches gegangen“, sagt Rau.

Bingewatching löst bei jungen Menschen das Bücherlesen ab

Das bestätigt auch eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) aus dem Jahr 2018. Danach ist gerade bei jüngeren Menschen an die Stelle des Bücherlesens das „Serien-Bingewatching“ gerückt, also das Schauen von mehreren Folgen einer Fernsehserie am Stück. Durch veränderte Mediennutzungsgewohnheiten ist Lesen somit nur noch eine Option von vielen.

Diese Konkurrenz zeigt sich laut einer aktuellen GfK-Analyse auch in der Corona-Pandemie. Danach nutzen 38 Prozent der Befragten seit Beginn der Corona-Pandemie häufiger Streaming-Angebote als zuvor. 7 Prozent nutzen diese seltener als vor der Krise. Das ergibt einen saldierten Zuwachs von 31 Prozent.

Von den Leserinnen und Lesern griff ein Fünftel in der Pandemie häufiger zum Buch als davor, knapp ein Zehntel las seltener. Hier beträgt der saldierte Zuwachs 13 Prozent. Medienwissenschaftler Rau bilanziert: „Ich habe die Vermutung, dass diejenigen, die schon buchaffin sind, auch diejenigen sind, die in der Pandemie mehr lesen.“

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