Rosa Tannenzapfen und mehlige Adretta: Alte Kartoffelsorten

Braunschweig.  Ursula Reinhard setzt sich in unserer Region für die Vielfalt alter Nutzpflanzen-Sorten ein – längst nicht nur bei Kartoffeln.

Nicht keimfrei: Damit Saatkartoffeln im Boden schneller auflaufen, empfiehlt es sich, sie vorkeimen zu lassen.

Nicht keimfrei: Damit Saatkartoffeln im Boden schneller auflaufen, empfiehlt es sich, sie vorkeimen zu lassen.

Foto: Andreas Eberhard

„Ob bei Kartoffeln oder bei Tomaten – der Geschmack ist heute kein Züchtungsziel mehr“: Was Ursula Reinhard unserer Zeitung da sagt, ist eigentlich kaum zu glauben. Denn worum sonst soll es Züchtern gehen, wenn nicht darum, dass gut und charakteristisch schmeckt, was auf unserem Teller landet? Die Ursache dafür, dass das Erlebnis auf unserer Zunge hier kaum eine Rolle spiele, erklärt die Diplom-Biologin damit, dass der Geschmack je nach Standort, Boden oder Witterung bei ein und derselben Sorte unterschiedlich ausfalle und deshalb nicht ohne Weiteres reproduzierbar sei. Der Geschmack entziehe sich so letztlich der objektiven Kontrolle. „Deshalb steht er, anders als der Ertrag, für Züchter nicht im Vordergrund“, sagt sie.

Adretta - die ideale Püreekartoffel

Dafür hat sich die 69-Jährige aus Schandelah im Landkreis Wolfenbüttel die Vielfalt des Geschmacks auf die Fahnen geschrieben. Im deutschlandweiten Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN) kämpft sie seit 25 Jahren für die alten Sorten – auch bei Kartoffeln. Etwa für den Rosa Tannenzapfen, eine 1850 zugelassene festkochende Kartoffelart mit länglichen, roséfarbenen Knollen, deren Aussehen entfernt an Fichtenzapfen erinnert. „Als Pellkartoffel gekocht und von ihrer dünnen Haut befreit, entfalten sie im Kartoffelsalat ein tolles Aroma und nehmen wegen des hohen Stärkegehalts das Dressing gut auf.“ Oder die mehligkochende Adretta, eine DDR-Züchtung aus dem Jahr 1975 mit kugelig-runden Knollen und wohlschmeckendem gelbem Fleisch. Seit dem Auslaufen ihres Sortenschutzes 2005 darf sie ohne Lizenzgebühren angebaut werden. Eine ideale Püreekartoffel. Außerdem gibt es das Bamberger Hörnchen, die Odenwälder Blaue, die Duke of York...

So könnte es ewig weitergehen. Und es ist diese Vielfalt der Sorten, die Ursula Reinhard fasziniert: Vielfalt des Geschmacks, der Kocheigenschaften und der Farben. „Aus den rot- oder blaufleischigen Sorten kann man dann rosa oder lila Kartoffelbrei kochen – für manche sicher gewöhnungsbedürftig, aber lecker.“ Auch Spitzenköche entdeckten die teils vergessenen Kartoffelsorten zunehmend neu.

Liste des Bundessortenamts entscheidet Kartoffelschicksale

Dass manche alten Sorten zum Überleben Anwältinnen wie Ursula Reinhard überhaupt nötig haben, hat den Grund in verschiedenen Gesetzen zum Schutz von Sorten und Saatgut. Diese regeln, welches Saatgut in den Handel kommen darf. So müssen Züchter neue Kartoffelarten in die Sortenliste des Bundessortenamts eintragen lassen, damit diese angebaut werden dürfen. Nach 30 Jahren verfällt der Sortenschutz, und jeder darf die betreffende Kartoffel vermehren und vertreiben, ohne dass Gebühren fällig werden. Zieht der Lizenzinhaber die Eintragung jedoch vor Ablauf der 30 Jahre selbst zurück, verschwindet die Kartoffelsorte sozusagen. 2005 drohte dieses Schicksal der bei vielen Verbrauchern beliebten Linda. Erst nach einer „Rettet die Linda“-Kampagne von Verbraucher- und Biolandbauverbänden stimmte der Rechteinhaber Europlant zähneknirschend einer Neuzulassung der Kartoffel zu.

Ursula Reinhard: „Saatgut ist ein Kulturgut“

Ursula Reinhard hält nichts von Gesetzen, die im Zweifelsfall dazu führen, dass Sorten aussterben. „Ich finde, Saatgut ist ein Kulturgut und sollte grundsätzlich allen zugänglich sein. Das ist auch das Grundverständnis unserer rund 1000 Vereinsmitglieder.“ Ihr gemeinsames Ziel: Dafür sorgen, dass alte Sorten nicht aus den Gärten und von den Äckern verschwinden. Im Prinzip, so Reinhard, könne jeder dazu beitragen.

Der Schandelaherin haben es vor allem die Tomaten angetan. „Der Vorteil: Sie sind einfach zu vermehren. Und anders als Kartoffeln, kann man sie auch in der Stadt anbauen, etwa auf dem eigenen Balkon.“ Etwa 400 Tomatensorten versucht die Biologin zu erhalten. Da Tomatensamen etwa fünf Jahre keimfähig bleiben, muss sie dafür jedes Jahr rund 80 verschiedene Sorten ziehen, um frisches Saatgut zu produzieren und Jungpflanzen an Interessierte weiterzugeben.

Wer Interesse hat, alte und besondere Kartoffelsorten selbst anzubauen, erhält Saatkartoffeln im Internet (zum Beispiel bei Familie Ellenberg unter www.kartoffelvielfalt.de) oder im stationären Handel, in Braunschweig etwa im Samenhaus Knieke. Wer sich für Jungpflanzen (Tomaten, Paprika, Salate, Kürbisse, Gurken, Zucchinis etc.) von Ursula Reinhard interessiert, kann sie per Email kontaktieren unter: ven.nutz@gmx.de

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