Todesursache „Grippe“ steht selten auf dem Totenschein

Braunschweig.  Bei der Influenza-Sterblichkeit gehen Schätzungen und bestätigte Fälle weit auseinander.

Stilleben mit Nasensprayflasche. Grippesaisons unterscheiden sich sehr stark darin, wie viele Menschen erkranken oder sogar sterben.

Stilleben mit Nasensprayflasche. Grippesaisons unterscheiden sich sehr stark darin, wie viele Menschen erkranken oder sogar sterben.

Foto: Arno Burgi / dpa

Während im gestrigen Leitartikel die Zahl von 20.000 Grippetoten jährlich in Deutschland genannt wird, ist auf der Titelseite der Braunschweiger Zeitung lediglich von knapp 2000 Toten während der Grippesaison 2017/2018 die Rede. Was stimmt denn nun?

Dies fragt unsere Leserin
Irene Wenzel aus Braunschweig.

Die Antwort recherchierte Andreas Eberhard.

Das neue Coronavirus hat Deutschland erreicht. Wie das bayerische Landesgesundheitsamt am Montag bestätigte, hat sich ein 33-jähriger Mann aus Bayern mit dem Erreger angesteckt. Laut der Behörde ist er auf einer Isolierstation untergebracht, es gehe ihm „recht gut“. In China indes sind bereits mehr als 100 Patienten an der Krankheit gestorben – die meisten davon hatten allerdings schwere Vorerkrankungen.

Spahn: Wünsche mir Corona-Aufmerksamkeit für Grippe

So alarmiert die Weltöffentlichkeit angesichts der Corona-Epidemie reagiert – im Vergleich zur Zahl der Grippetoten wirken diese Zahlen noch immer vergleichsweise gering. Laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) gab es im vergangenen Winter 2018/2019 allen in Deutschland 954 bestätigte Influenza-Todesfälle. „Ich würde mir manchmal eine ähnliche mediale Berichterstattung über die Grippe wünschen, auch über die Impfung, wie derzeit über das Corona-Virus – damit wir das alles richtig einordnen und darauf aufmerksam machen, wie schwer die Grippe ist“, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Dienstagnachmittag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem RKI. Die Virologin Prof. Melanie Brinkmann von der Technischen Universität und vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung Braunschweig hatte sich am Montag in unserer Zeitung ganz ähnlich geäußert: Der Vergleich – Alarmstimmung beim Corona-Virus, tendenzielle Nachlässigkeit beim Grippe-Schutz – zeige, wie lax viele Menschen mit der Gefahr durch Influenza-Viren umgingen.

Die Zahl der Todesfälle schwankt je nach Jahr sehr stark. Gemeinsam haben die Grippewellen aber, dass alte und von Krankheit geschwächte Menschen das höchste Risiko tragen. Eine wichtige Größe für die Beurteilung der Auswirkungen von schweren Grippewellen ist die Zahl der sogenannten Influenza-assoziierten Todesfälle. Diese Zahl, die das RKI alljährlich errechnet, ist eine Schätzung der Todesfälle durch Influenza-Viren.

Rekord-Grippesaison 2017/18 war die tödlichste seit 30 Jahren

Laut der Bundesbehörde war die Grippesaison 2017/18 die tödlichste seit dreißig Jahren. Schätzungsweise 25.100 Menschen kamen in Deutschland in dem Winter durch Influenza-Viren ums Leben. In der Vorsaison 2016/17 waren es schätzungsweise 22.900 Todesfälle, ebenfalls eine sehr hohe Zahl.

Für die zurückliegende Saison 2018/19 hat das RKI bisher noch keine Schätzzahl vorgelegt. Dem RKI-Saisonbericht zufolge haben kurzfristige Auswertungen für die Bundesländer Hessen und Berlin aber einen vergleichsweise moderaten Verlauf und eine niedrigere „Übersterblichkeit“ gezeigt. Als Übersterblichkeit bezeichnet man die Abweichung von der „normalen“ Sterblichkeit im Zeitraum der Grippewelle.

Schätzzahl vs. laborbestätigte Todesfälle

Der Zahl der geschätzten Influenza-Todesfälle steht die Zahl der laborbestätigten Grippetoten gegenüber – in der heftigen Grippesaison 2017/18 waren es 1647. Bei dieser Zahl handelt es sich um die gemäß Infektionsschutzgesetz an das RKI übermittelten Todesfälle. Allerdings wird Influenza, wie das RKI auf seiner Homepage erläutert, im Gegensatz zu vielen anderen Erkrankungen häufig nicht auf dem Totenschein als Todesursache vermerkt, „selbst dann nicht, wenn im Krankheitsverlauf eine Influenza labordiagnostisch bestätigt wurde“. Vielmehr zeige die Erfahrung, nicht nur in Deutschland, dass sich Todesfälle, die der Influenza zuzuschreiben seien, oft hinter anderen offiziellen Todesursachen verbergen könnten – wie etwa Diabetes, Lungenentzündung oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Deshalb sind die bestätigten Grippefälle nur bedingt aussagekräftig.

Die geschätzte Sterblichkeit durch die Grippe wird deshalb mit Hilfe statistischer Verfahren errechnet. Hierfür werden einerseits die Gesamt-Todesfallzahlen und andererseits sonstige Daten zu Todesfällen durch Atemwegserkrankungen herangezogen. Dabei wird laut RKI „typischerweise“ zuerst eine sogenannte Hintergrundmortalität geschätzt, also die „normalerweise“ zu erwartende Sterblichkeit ohne das Auftreten von Influenza. Bei starken Grippewellen ist dem gegenüber ein Anstieg der Sterblichkeit zu beobachten. Diese mehr oder weniger deutliche Differenz gegenüber der Hintergrundmortalität schreiben die RKI-Statistiker der Influenza zu. Diese errechnete Anzahl zusätzlicher Todesfälle, als Exzess-Mortalität bezeichnet, gibt das RKI als Schätzung an.

Zusätzliche Grippe-Sterblichkeit in manchen Jahren nicht messbar

Für manche Grippesaisons – etwa für die Winter 2013/14 und 2015/16 – liegen die Schätzungen der Exzess-Mortalität bei Null. Trotzdem wurden auch in diesen Grippe-Saisons laborbestätigte Grippefälle registriert. Wie ist dies zu erklären? Das RKI verweist auf die statistische Methode: In den betreffenden Saisons wich die tatsächlich gemessene Sterblichkeit von der „Hintergrundmortalität“ in nur so geringem Maße ab, dass eine halbwegs zuverlässige Schätzung der Grippetoten nicht möglich war.

Das bedeutet keineswegs, dass es in diesen Jahren keine Influenza-Toten gab. 2013/14 waren es immerhin 23, 2015/16 sogar 237 laborbestätigte Fälle. Diese Zahlen sind laut RKI jedoch zu gering, um Aussagen über die Gesamtzahl zu treffen.

Für Prognosen für die laufende Saison ist es zu früh

Für Aussagen über die laufende Grippesaison ist es derzeit noch zu früh. Laut der RKI-Arbeitsgemeinschaft Influenza hat die Grippewelle erst Mitte Januar 2020 begonnen. Im Vorjahreswinter 2018/2019 endete sie – nach vergleichsweise moderatem Verlauf – erst mit der 14. Kalenderwoche, also Anfang April. Das längste Stück Weg dürfte damit noch vor uns liegen. Seit Anfang Oktober 2019 hat die Behörde insgesamt 32 Todesfälle durch Influenza-Virusinfektionen gezählt.

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