Berufsschulen in Niedersachsen fehlen mehr als 500 Lehrer

Hannover.  Die Unterstützung für die Berufsbildung durch die Politik sei zu gering, klagen Verbände seit langem.

Angehenden Metallbauer üben in einem Bildungszentrum der Handwerkskammer Leipzig in Borsdorf das Schweißen.

Angehenden Metallbauer üben in einem Bildungszentrum der Handwerkskammer Leipzig in Borsdorf das Schweißen.

Foto: ARCHIVFOTO: Waltraud Grubitzsch / dpa

Ob von Gewerkschaften, Handelskammern oder Unternehmerverbänden: Seit langem stehen Lehrermangel und Stundenausfall an vielen Berufsschulen in der Kritik. „Eine gute berufliche Bildung ist das Fundament für Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes“, hatte Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) im Landtag erklärt. „Wir fühlen uns seit Jahren als fünftes Rad am Wagen der Bildungspolitik“, sagt dagegen der Wolfsburger Ralph Böse, Vorsitzender des Berufsschullehrerverbandes Niedersachsen.

Schlechte Unterrichtsversorgung

„Während die Unterrichtsversorgung an Gymnasien und Grundschulen bei über 100 Prozent liegt, müssen sich die Auszubildenden an den Berufsschulen mit unterdurchschnittlichen 90,7 Prozent begnügen“, erklärte 2019 Hildegard Sander von den Handwerkskammern Niedersachsen. Massive Kritik kam auch von DGB und Unternehmerverbänden. Rechnerisch fehlen laut Verbänden rund 1000 Lehrer an den berufsbildenden Schulen in Niedersachsen, andere reden vorsichtiger von 500 bis 1000 wie der SPD-Landtagsabgeordnete Christoph Bratmann aus Braunschweig. „500 Berufsschullehrer mehr – damit könnten wir leben“, sagt auch Verbandschef Böse zu der Diskussion. Die Zahl der Lehrkräfte sei seit vielen Jahren relativ konstant. Aus einer Landtagsdrucksache geht hervor, dass 2017 der Saldo von eingestellten und ausgeschiedenen Lehrern an den berufsbildenden Schulen – gerechnet in Stellenanteilen – ausgeglichen war. 2018 ging es dann laut Ministerium mit 21,3 mehr besetzten Stellen leicht nach oben. Im Sommer dieses Jahres kündigte die Koalition an, dass 260 Planstellen für Lehrkräfte und 50 für sozialpädagogische Mitarbeiter dauerhaft gesichert würden. Diese Stellen aus Sonderprogrammen sollten ursprünglich Ende dieses Jahres entfallen.

Streit um Budget geht weiter

„Eine weitere Stärkung ist das Ziel“, sagte Tonne am Freitag im Kultusausschuss des Landtags an die Adresse der berufsbildenden Schulen. Der Minister verwies neben den verbleibenden Stellen auf „flexible Lösungen“ für die Berufsschulen. Der Hintergrund: Bisher finanzierten die Berufsschulen befristete Vertretungslehrer aus Haushaltsresten. Um deren verfügbare Höhe gab es zur Jahreswende 2018/2019 einen erbitterten Streit mit dem Ministerium. Nach einem Proteststurm besserte das Land nach. Tonne bestätigte nun eine Systemänderung. Denn statt die Vertretungslehrer über Haushaltsreste zu finanzieren, ist im Haushalt 2020 ein eigener Ansatz vorgesehen. „Es gelingt erstmals, das Budget strukturell zu verbessern“, erklärte Tonne. Eine „strukturelle“ Verbesserung mag das zwar sein. Der Haken: Die 7,5 Millionen zum „Aufstocken“ des Budgets, die den Berufsschulen laut Haushaltsplanung 2020 nun fest zur Verfügung stehen sollen, seien nur die Hälfte des Bedarfs. Das sagte die FDP-Abgeordnete Susanne Schütz, das bestreitet im Grunde auch die Koalition aus SPD und CDU nicht wirklich. Der SPD-Abgeordnete Bratmann kämpft mit anderen Abgeordneten darum, dass der Etat der BBSen um 15 Millionen aufgestockt wird statt nur um 7,5 Millionen Euro. „Es geht dabei um die Kompensation früherer Einsparauflagen und Kürzungen“, betont Bratmann. Sie stammten noch aus Zeiten der CDU/FDP-Regierung. Auch beim Koalitionspartner CDU setzt man darauf, noch Geld nachzuschieben. Das geht in der Regel über eine „politische Liste“ mit Wünschen der Fraktionen. 15 Millionen seien allerdings nur die „absolute Minimalstforderung“, dieses Geld reiche gerade mal so, betont Verbandschef Böse. Laut Ministerium waren auch 2019 letztlich 15 Millionen Euro für Vertretungen zusätzlich zur Verfügung gestellt worden. Der FDP-Bildungspolitiker Björn Försterling rechnet damit, dass die Koalition die 7,5 Millionen auf 10 Millionen Euro aufstockt.

Zwar sind die Werte der Berufsschulen zur Unterrichtsversorgung nicht direkt mit denen an anderen Schulen vergleichbar. Die teilweise sehr kleinen Klassen binden sehr viel Personal. Doch der Wert - das Verhältnis von Ist und Soll - stieg von 88,1 im Jahr 2016/2017 auf zuletzt 90,7 im Jahr 2018/2019. Das sei doch positiv, wenn auch nicht ausreichend, sagte der SPD-Abgeordnete Stefan Politze am Freitag. Dass die Situation sich verbessern muss, bestreitet niemand. Die berufsbildenden Schulen seien kaputtgespart worden, so die Grüne Julia Hamburg einst im Landtag.

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