Dem Smartphone auf der Spur

Hannover  Landesregierung, Polizei und Experten der TU Braunschweig arbeiten bei einem neuen Projekt zur Unfallforschung zusammen.

Eine Frau sitzt am im Auto am Steuer und liest Nachrichten auf ihrem Smartphone.

Eine Frau sitzt am im Auto am Steuer und liest Nachrichten auf ihrem Smartphone.

Foto: Monika Skolimowska/dpa

Beim Autofahren telefoniert, offenbar einen Radfahrer übersehen und demnächst vor Gericht wegen fahrlässiger Tötung: Die Unfallfahrt einer 25-Jährigen, die im Sommer 2017 in Langenhagen einen Mann überfahren haben soll, ist ein besonders tragischer Extremfall. Kurz vor dem Verkehrsgerichtstag 2018, der sich unter anderem dem Problem Cannabiskonsum im Straßenverkehr widmet, hat Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) eine einjährige Studie zur „Unfallursache Handy“ gestartet. Partner der Polizei sind dabei der renommierte Verkehrspsychologe Mark Vollrath von der TU Braunschweig und sein Team sowie Unfallforscher der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).

„Wer bei Tempo 100 auf der Landstraße nur zwei Sekunden auf sein Smartphone sieht, fliegt fast 60 Meter im Blindflug über die Straße - eine Strecke auf der unheimlich viel passieren kann“, warnt Pistorius. Auch beim Radfahren oder zu Fuß können telefonieren, tippen oder Internet-surfen ein erhebliches Unfallrisiko darstellen. Bundesweit lägen aber bislang keine auswertbaren polizeilichen Daten zur Verkehrsunfallanalyse vor, die diesen Zusammenhang nachwiesen, heißt es im Innenministerium. Ein Problem, mehr Einblicke zu gewinnen, sind hohe rechtliche Hürden zum Auslesen von Handys. Ob ein Fahrer bei einem Unfall telefonierte, bleibt so meist unklar. In den polizeilichen Bearbeitungssystemen werde die Ursache „Ablenkung“ außerdem bislang nicht erfasst, heißt es in einer Mitteilung des Innenministeriums in Hannover. „Mit unserer Untersuchung wollen wir mehr über das Phänomen erfahren“, so Pistorius.

Seit Januar werden daher in den Polizeidirektionen Braunschweig, Hannover und Osnabrück alle Unfälle näher analysiert, bei denen Ablenkung eine Unfallursache sein könnte. Der rechtliche Rahmen bleibt unverändert. Die Polizisten sollen mehr auf Handys achten und bei der Aufklärung der Situation miteinbeziehen. Ein Auslesen des Handys muss unverändert beim Richter beantragt werden – und ist bislang nur bei schweren Straftaten möglich.

Nach früheren Schätzungen des ADAC geht jeder zehnte Unfall auf Ablenkung zurück. TU-Verkehrspsychologe Vollrath und Mitarbeiter erklärten im September 2016 nach dem Beobachten von 2000 Fahrern auf der A2, jeder Zehnte habe dabei sein Smartphone bedient. „Die Beobachtungen erfolgten aus einem fahrenden Auto, die Beobachterin wurde gefahren“, heißt es zur Methodik. Bei dem Niedersachsen-Projekt werden die Polizeierkenntnisse aus Unfällen mit Vergleichsbeobachtungen der TU-Experten im Straßenverkehr wissenschaftlich zusammengeführt. Die MHH-Mitarbeiter dagegen befragen für die Unfallforschung die Beteiligten anonymisiert zum Hergang. „Während der Fahrt eine sms zu schreiben, ist genauso gefährlich wie eine Fahrt mit 1,1 Promille“, hat Vollrath einmal gesagt.

Was genau aus dem Projekt für die Prävention oder auch Gesetzgebung folgt, ist laut einer Ministeriumssprecherin naturgemäß noch offen. Dies hänge von den Erkenntnissen ab. Zum Beispiel, wer in welchen Situationen zum Handy greift. „Ablenkung“ allerdings kann vieles sein: vom Einlegen einer CD bis zum Suchen einer Kinderflasche während der Fahrt.

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