Weichenstellung schon unter Adenauer

Hannover  1959 schlugen zwei Forscher vor, Atommüll in Salzstöcken einzulagern. Bald schaute man nach Niedersachsen.

Bei einer Konferenz in Monaco wurde die Einlagerung von Atommüll in unterirdischen Salzkavernen zum ersten Mal vorgeschlagen.

Bei einer Konferenz in Monaco wurde die Einlagerung von Atommüll in unterirdischen Salzkavernen zum ersten Mal vorgeschlagen.

Foto: Jochen Lübke/dpa

Hinterher waren sich alle einig. Auch Klaus Kühn, lange wissenschaftlicher Leiter des „Forschungsbergwerks“ Asse und als deutscher „Endlagerpapst“ gefeiert, räumte 2009 als Zeuge vor einem Untersuchungsausschuss des niedersächsischen Landtags ein: „Wenn ich nach heutigem Wissensstand noch einmal zu entscheiden hätte, würde ich keine radioaktiven Abfälle dort einlagern.“

„Es wäre angesichts der begleitenden Umstände töricht, von dem Beginn eines goldenen Zeitalters zu sprechen.“
Atomminister Franz Josef Strauß am 26. Januar 1956

Die Vorgeschichte der Asse als Endlager für Atommüll beginnt spätestens im Jahr 1959. Bei einer internationalen Konferenz in Monaco grübeln Naturwissenschaftler und Juristen über Atommüll und dessen beste Beseitigung. 1957 ist in Deutschland der Forschungsreaktor München in Betrieb gegangen, 1960 das Kernkraftwerk Kahl als erster kommerzieller „Leistungsreaktor“. 1959 hat der Bundestag mit Zustimmung des Bundesrats das Gesetz über die friedliche Verwendung der Kernenergie beschlossen.

Gängiger Weg der Entsorgung von Atommüll ist international das Versenken im Meer, insbesondere Großbritannien setzt auf diese Praxis. Bei der Konferenz in Monaco ist die Meeresverklappung ein großes Thema – und heftig umstritten. Doch auch Alternativen stehen auf der Tagesordnung des Treffens.

Zwei Wissenschaftler der deutschen Bundesanstalt für Bodenforschung, Rudolf Wager und Wolfgang Richter, schlagen bei der Monaco-Konferenz in ihrem Vortrag über „Beseitigung radioaktiver Abfälle im Untergrund der Bundesrepublik Deutschland“ das Einlagern des Atommülls in unterirdischen Salzkavernen vor. „Enorm“ nennt der Wissenschaftler Detlev Möller in seiner Dissertation über die „Endlagerung radioaktiver Abfälle in der Bundesrepublik Deutschland“ (2007) die Bedeutung dieser Position für die weitere Entwicklung der Endlagerung. Politik, Wissenschaft und vor allem der Behördenapparat in den Ministerien arbeiten intensiv an einer Lösung des Problems Atommüll.

Im Januar 1960 spricht sich dann der „Arbeitskreis III/IV-1“ der Arbeitsgruppe 4 der Deutschen Atomkommission gegen die Oberflächenlagerung von Atommüll und für das Einlagern in Salz aus, da es billiger sei und schneller gehe. Der Arbeitskreis berät das 1955 gegründete Bundesministerium für Atomfragen, aus dem später einmal das Bundesministerium für wissenschaftliche Forschung werden wird.

„Andere Endlagerkonzepte wurden gar nicht betrachtet“, kritisiert die Linken-Fraktion des Landtags in ihrem Asse-Abschlussbericht. „Es gab ein Geflecht an interner politischer Bereitschaft, die Atomenergie zu fördern und der Atomindustrie ihren Atommüll zu beseitigen“, sagte der Historiker Möller als Sachverständiger vor dem Ausschuss des niedersächsischen Landtags.

„Die Kernforschung war politisch nicht nur wegen des Versprechens unerschöpflicher Energieressourcen attraktiv“, beschreiben die Grünen im niedersächsischen Landtag die Rahmenbedingungen. Auch die Chance auf ein deutsches Atomwaffenprogramm habe eine Rolle gespielt. Bundeskanzler ist Konrad Adenauer, erster deutscher „Atomminister“ wird 1955 Franz Josef Strauß , und Gerhard Stoltenberg ist von 1965 bis 1969 Bundesminister für wissenschaftliche Forschung. Zuständiger Mann für Endlagerfragen im Atom-Ministerium ist Georg Straimer.

In einer Sitzung der Arbeitsgruppe am 5. Mai 1960 werden konkrete Forschungs- und Entwicklungsaufträge zur Endlagerung in Salz vorgeschlagen. Bis zum Juli 1961 soll dann ein Bericht für den Bundesatomminister Siegfried Balke, Nachfolger von Strauß, vorliegen.

Im Juli legte der Arbeitskreis dann eine klare Empfehlung für Salz vor. „Besonders geeignet erscheinen Salzstöcke oder aufgelassene Salzbergwerke“, heißt es. Niedersachsen gerät wegen seiner Geologie, aber auch politisch schnell in den Fokus: Da die Salzstöcke in Bayern wegen des dortigen Tourismus kaum in Frage kämen, wie es heißt, empfiehlt der Arbeitskreis dem Bund, doch beim Oberbergamt in Clausthal-Zellerfeld nach möglichen Bergwerken zu fragen.

Im Januar 1962 wird die Empfehlung der Arbeitsgruppe 4 der Deutschen Atomkommission veröffentlicht. Darin wird noch einmal betont, dass zur Langzeitlagerung radioaktiver Abfälle nur unterirdische geologische Schichten in Frage kämen und dabei Salzstöcke oder aufgelassene Salzbergwerke besonders geeignet seien. Zeitweilig war gar diskutiert worden, den Müll in Behältern ins Polareis einzulagern. In der internen Debatte um die Endlagerung spielen nicht nur Kosten eine Rolle: Die oberirdische Lagerung von Atommüll etwa wird auch wegen der Bevölkerungsdichte und Umweltgefährdungen verworfen. „Salz – ein Stoff mit vielen Talenten“, heißt es 2006 in einer Broschüre des damaligen Asse-Betreibers GSF - Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit.

Als eine treibende Kraft, das Atommüll-Problem anzugehen, sticht im Geflecht der Ministerien und Verwaltungsebenen Straimer hervor. Der Diplom-Ingenieur kommt 1956 wohl auf Betreiben von Strauß zum Bundesministerium für Atomfragen und wird dort Ende 1959 für Strahlenschutz zuständig. Straimer war es, der den AG-Mitgliedern „den Weg wies“, wie der Historiker Möller in seiner Dissertation nach umfangreichem Aktenstudium schreibt. Dass dabei große Probleme und viele offene Fragen zu bewältigen seien, das verhehlte Straimer allerdings keineswegs.

„Es wäre angesichts der begleitenden Umstände töricht, von dem Beginn eines goldenen Zeitalters zu sprechen“, hatte Minister Strauß am 26. Januar 1956 vor der Atomkommission gesagt. Es gelte aber, einen 10- bis 15-jährigen Rückstand aufzuholen. Ohne Konkurrenzfähigkeit auf dem Gebiet der Atomwissenschaft und Atomwirtschaft drohe Deutschland die Deklassierung, sagte Strauß. Damit ist klar, dass für die Entsorgung um fast jeden Preis eine Lösung gefunden werden muss. Und Niedersachsen und seine Behörden sind bereits im Fokus.

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