Berlin. Die junge Generation macht sich keine Illusionen über die Zukunft. Sie setzt lieber auf die Gegenwart – und glaubt rechten Parolen.

Eine bezahlbare Wohnung, ein toller beruflicher Aufstieg, eine sichere Zukunft und gewisser Wohlstand gar mit einer ordentlichen Rente im Alter: alles nicht in Sicht. Die junge Generation erwartet wenig bis gar nichts von der Zukunft. Das ist das Ergebnis der aktuellen Trendstudie „Jugend in Deutschland 2024“. Demnach sind Menschen im Alter von 14 bis 29 Jahren so pessimistisch wie nie, in der Folge politisch unzufrieden und damit empfänglich für rechte Propaganda.

Eine Rolle spielen dabei vor allem soziale Medien wie Tiktok und Instagram. Die jungen Menschen sind zwar gewillt, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen – doch dafür stellen sie Bedingungen. Die siebte Trendstudie „Jugend in Deutschland“ basiert auf einer repräsentativen Befragung von 2042 Personen im Alter von 14 bis 29 Jahren. Sie wird seit dem Jahr 2020 in regelmäßigem Abstand wiederholt. Herausgeber ist Simon Schnetzer, fachlich begleitet wird sie von Kilian Hampel und Klaus Hurrelmann.

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Im Vergleich zu den früheren Studien scheint die Stimmung zu kippen. Das zeigt sich in einem hohen Ausmaß von psychischen Belastungen wie Stress (51 Prozent), Erschöpfung (36 Prozent) und Hilflosigkeit (17 Prozent), die in den vergangenen drei Jahren trotz des Abflauens der Corona-Pandemie weiter angestiegen sind. Es geben elf Prozent der Befragten an, aktuell wegen psychischer Störungen in Behandlung zu sein.

Studie: Die Gen Z ist nicht faul, sondern demotiviert

Auch die wirtschaftliche Lage bedrückt sie. Die Mehrheit der Befragten geht davon aus, dass sich die ökonomische Situation in Deutschland verschlechtern wird. Die Folge: „Jungen Menschen fehlt oft eine Vision, für die es sich lohnt, etwas zu leisten“, sagt Studienautor Simon Schnetzer unserer Redaktion. Arbeite hart, dann kannst du dir ein gutes Leben leisten: An dieses Versprechen glaubten die Jungen nicht mehr. „Also verlagern sie das gute Leben, ihre Work-Life-Balance, ins Hier und Jetzt.“

Ist besorgt über den Rechtsruck der Generation Z: Jugendforscher Simon Schnetzer.
Ist besorgt über den Rechtsruck der Generation Z: Jugendforscher Simon Schnetzer. © privat | Privat

Wer jetzt 14 bis 29 Jahre alt ist, gehört zur sogenannten Generation Z – ebendieser Generation, der nachgesagt wird, sich vor allem um ihr persönliches Wohlbefinden zu kümmern, statt zügig im ersten Job durchzustarten. „Die faule Generation“, heißt es dann schnell. Für den Studienautor eine mehr als oberflächliche Sicht auf die Dinge.

Was sich die Gen Z vom Job erhofft: „Bloß nicht arbeiten bis zum Umfallen“

„Die angebliche Faulheit wird mit Demotivation verwechselt“, sagt er. Die Angst vor dem Zusammenbruch des Rentensystems sei nur ein Aspekt. „Junge Menschen haben während der Pandemie erlebt, wie von einem Tag auf den anderen ihre Freiheit beschnitten wird. Sie erleben, dass das Geld nicht reicht, um eine Wohnung und ein Auto zu finanzieren. Sie trauen sich oft gar nicht mehr, länger als zwei oder drei Jahre zu planen.“

Zukunft der Arbeit: mehr Rücksicht, Flexibilität, Teamgeist

Abgesehen davon seien ganz viele junge Mensch äußerst engagiert. „71 Prozent der Jungen arbeitet gerne, will sogar mehr arbeiten. Aber sie wollen eine andere Motivation“, sagt Schnetzer. Und damit natürlich Aussicht auf ein ordentliches Gehalt, auf gute Arbeitsbedingungen, ein soziales Miteinander im Team und sinnhafte Aufgaben. Und die Chancen, dass junge Menschen mit ihren Forderungen Änderungen in der Arbeitswelt durchsetzen, sind tatsächlich groß.

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Denn die Berufseinsteiger sind auf dem Arbeitsmarkt nicht nur begehrt, sondern mittlerweile hart umkämpft: 24 Prozent der 18- bis 29-jährigen Erwerbstätigen haben bereits Angebote erhalten – auch das ist ein Ergebnis der Studie. „Sie haben einen Machthebel“, erklärt Schnetzer. „Sie akzeptieren häufig die Konditionen nicht, sie sagen, das passt nicht zu meiner Lebensrealität – und setzen dann entsprechende Forderungen etwa nach Homeoffice, bezahlten Überstunden und mehr Flexibilität durch.“

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    Für die Arbeitswelt sei das eine große Chance. „Bessere Arbeitszeiten, insgesamt mehr Rücksicht – davon profitieren alle“, sagt der Studienautor. „Der große Unterschied der Generationen ist ja nicht, dass sie sich unterschiedliche Dinge wünschen. Vielmehr wird etwas, was sich alle wünschen, tatsächlich auch durchgesetzt.“

    AfD-Beiträge „sind unterhaltsam, zugespitzt, und das verfängt“

    Im Hier und Jetzt leben viele junge Leute auch in Bezug auf die Umwelt. Für Klima und saubere Luft auf Flüge in den Urlaub oder regelmäßige Autofahrten zu verzichten – dazu ist nur noch eine Minderheit bereit, so ein weiteres Ergebnis der Studie. Stattdessen erwarten junge Menschen von Politik und Wirtschaft kollektive Ansätze und strukturelle Veränderungen, weil sie hier den wirkungsvollsten Hebel für Veränderung sehen.

    Hat die Studie „Jugend in Deutschland 2024“ begleitet: Klaus Hurrelmann, Professor für Public Health and Education an der Hertie School of Governance.
    Hat die Studie „Jugend in Deutschland 2024“ begleitet: Klaus Hurrelmann, Professor für Public Health and Education an der Hertie School of Governance. © epd | Juergen Blume

    Doch so groß die Erwartungen in dieser Hinsicht sind, so enttäuscht seien die Jungen auch von der Politik. Und das mache sie empfänglich für rechte und rechtsextreme Propaganda, so Co-Autor Klaus Hurrelmann: „Wir können von einem deutlichen Rechtsruck in der jungen Bevölkerung sprechen. Das schlägt sich in den politischen Präferenzen der 14- bis 29-Jährigen nieder. Während die Parteien der Ampel-Regierung in der Gunst immer weiter absinken, hat die AfD besonders großen Zulauf.“

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    Für Schnetzer ist das eine Folge der breiten Propaganda auf Tiktok und Instagram. Erstwähler würden dort mit antisemitischer Hetze konfrontiert sowie mit klar rechtsextremen Beiträgen. „Damit überlassen wir die politische Bildung den Algorithmen einer chinesischen Plattform, statt sie in der Schulzeit umfassend zu informieren.“ Anders als die etablierten Parteien sei etwa die AfD schon lange präsent auf Tiktok. „Sie haben massiv investiert in Kampagnen, sie sind unterhaltsam, zugespitzt, und das verfängt.“

    In dieser Hinsicht hätten die etablierten Parteien viel aufzuholen. Was die Jugend jetzt braucht? „Schule und Elternhaus müssen sie besser auf veränderte Zukunftsaussichten vorbereiten. Der Umgang mit Finanzen, dem knappen und teuren Wohnraum, die unklare wirtschaftliche und politische Lage: Bei all diesen Fragen brauchen die jungen Menschen Unterstützung.“