Berlin. Industriepräsident Russwurm ist in großer Sorge um Deutschland. Klartext dieser Art ist man von Wirtschaftsvertretern nicht gewöhnt.

Wirtschaftsführer und Verbandsvertreter überlegen sich in der Regel zweimal, zu welchen politischen Fragen sie sich in der Öffentlichkeit äußern. Dafür gibt es nachvollziehbare Gründe. Arbeit und Soziales, Standortbedingungen, Handel oder Energie: Alles kein Problem, das gehört zum Wirtschaftsleben – weshalb sich dessen Repräsentanten zu Themen dieser Art nicht nur einlassen sollen, sondern müssen. Sobald es aber um Parteien und Wahlentscheidungen geht, werden sie gemeinhin schmallippig. Mal denken sie ans Geschäft, mal geht es um Rollen und das eigene Selbstverständnis. Mal wollen sie es sich nicht mit den Mächtigen und potenziell Mächtigen verderben.

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Umso bemerkenswerter sind deshalb die jüngsten Äußerungen von Industriepräsident Siegfried Russwurm. Der langjährige Siemens-Manager ist ein eher unkonventioneller Typ, dem das Verdienst zukommt, den Industrieverband BDI weit für das Thema Klimaschutz geöffnet zu haben. Jetzt sagt Russwurm im Gespräch mit unserer Redaktion, wie sehr ihn der Aufstieg der rechten AfD beunruhigt.

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„Eine politische Bewegung, die die Wende rückwärts zu Nationalismus beschwört, ist schädlich für dieses Land: für die Wirtschaft und für Ansehen und Erfolg Deutschlands im globalen Kontext.“ Die AfD zu wählen, sei kein harmloser Protest, meint der BDI-Chef. „Es geht nicht um die Frage, wähle ich die eine oder andere demokratische Partei. Sondern bei der AfD geht es um die Frage, Schaden von unserem Land fernzuhalten und den Menschen dafür die Augen zu öffnen.“

AfD: Auf Bundesebene würde fast jeder Vierte für die Rechtsaußen-Partei stimmen

Das ist an Eindeutigkeit nicht zu überbieten. Einer der mächtigsten deutschen Verbandsvertreter warnt explizit davor, die AfD zu wählen und setzt damit sämtliche Chef-Etagen hierzulande unter Zugzwang. Viele Top-Manager haben die Alternative für Deutschland längst als Standortrisiko ersten Ranges identifiziert. Nur trauen sie sich nicht, das auch öffentlich zu sagen.

Politik-Korrespondent Thorsten Knuf
Politik-Korrespondent Thorsten Knuf © Funke Foto Services | Reto Klar

Dabei wäre es höchste Zeit: Auf der lokalen Ebene fährt die Partei zunehmend Erfolge ein, erst am vergangenen Sonntag eroberte sie das Amt des Oberbürgermeisters im sächsischen Pirna. Im kommenden Jahr finden Europawahlen und Landtagswahlen in drei ostdeutschen Bundesländern statt. Nach Lage der Dinge wird die AfD überall triumphieren. Selbst auf Bundesebene könnte die Partei aktuellen Umfragen zufolge auf fast ein Viertel der Stimmen kommen, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre.

Deutschland lebt wie kaum ein anderes Land von seiner internationalen Vernetzung. Abschottung und ein Rückzug ins Nationale sind keine Alternative für ein Land, dessen Unternehmen die Märkte der Welt seit Jahrzehnten mit ihren Produkten fluten und das seinen Wohlstand zu einem erheblichen Teil ausländischen Investoren verdankt.

Zuwanderung: Deutschland ist auf Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen

Ohne internationale Einbettung wäre Deutschland schwach und verletzlich – ökonomisch, politisch, militärisch. Keine einzige Universität hierzulande könnte ohne ständigen Austausch mit Wissenschaftlern aus aller Welt Spitzenleistungen in der Forschung erbringen. Und ja: Deutschland ist bereits jetzt dringend auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. Kommen die nicht, zerbröselt der Wohlstand hierzulande.

Man darf gespannt sein, ob sich nach dem BDI-Chef nun auch verstärkt Firmenvertreter aus der Deckung wagen werden. Unternehmen, egal ob groß oder klein, schmücken sich ja gern damit, dass sie Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen. Vor den anstehenden Wahlen können sie zeigen, wie ernst sie es damit meinen.