Tel Aviv. Nach 50 Tagen in Gefangenschaft kommt das irische Mädchen frei – doch sie wirkt völlig verändert. Und was sie erzählt, erschüttert.

Lange Zeit hat Thomas Hand geglaubt, seine Tochter Emily sei tot. Er hatte sie zum letzten Mal am 6. Oktober gesehen, bevor sie sich verabschiedete, um ihre Freundin Hila zu besuchen und bei ihr zu übernachten. Später erfuhr der Vater, dass Emily gemeinsam mit Hila und deren Mutter nach Gaza verschleppt und als Geiseln festgehalten werden. Am Samstag, nach 50 Tagen Bangen, konnte Thomas Hand die Neunjährige endlich wieder in den Arm schließen.

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Es war aber nicht dieselbe Emily, wie er sie kannte: Bleich und stark abgemagert sah sie aus, und als sie zum ersten Mal zu ihm sprach, konnte er sie nicht verstehen. „Ich musste mein Ohr ganz nahe an ihren Mund halten, um zu hören, was sie sagte“, erzählt Hand sichtlich verzweifelt im CNN-Interview. Das Mädchen, das in Geiselhaft ihren neunten Geburtstag erlebte, hatte sich angewöhnt, nur noch im Flüsterton zu sprechen. „Das einzige Wort, das sie auf Arabisch gelernt hat, war: Still sein!“

Lesen Sie auch:Geisel-Angehörige – „Druck auf die Hamas sollte viel größer sein“

Seit ihrer Rückkehr weine Emily viel, so der Vater, wolle sich aber nicht von ihm trösten lassen. „Ich glaube, sie hat vergessen, was Getröstetwerden bedeutet.“ Stattdessen verkrieche sie sich unter die Decke ihres Bettes, decke sich zu und weine leise weiter. Auch in einem Video, in dem das erste Wiedersehen von Emily mit ihrer großen Schwester zu sehen ist, zeigt sich, wie traumatisiert das Mädchen ist. Abgesehen von einem „Hallo“, bringt sie kein Wort hervor. Die Umarmung ihrer Schwester nimmt sie still hin.

Den Ort ihrer Gefangenschaft nennt Emily „die Schachtel“

Hunger, Finsternis und Schläge: Immer mehr Details über die Umstände, in denen die von der Hamas nach Gaza verschleppten Geiseln wochenlang ausharren mussten, kommen nun ans Licht. Die Terrorgruppen haben mehr als fünfzig israelische Frauen und Kinder freigelassen, mehr als 160 Geiseln befinden sich aber immer noch in der Gewalt der Hamas.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle befindet sich ein externer Inhalt von X, der von unserer Redaktion empfohlen wird. Er ergänzt den Artikel und kann mit einem Klick angezeigt und wieder ausgeblendet werden.
Externer Inhalt
Ich bin damit einverstanden, dass mir dieser externe Inhalt angezeigt wird. Es können dabei personenbezogene Daten an den Anbieter des Inhalts und Drittdienste übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

Wenn Emily von ihrer Gefangenschaft erzählt, spricht sie von „der Schachtel“ – und bringt damit auf den Punkt, wie beengt die Orte waren, in denen man sie festhielt und in denen sie unter Hunger und Kopfläusen litt. Als ihr Vater sie fragte „Wie lange warst du in der Schachtel?“, antwortete Emily: „Ein Jahr lang.“ Die Tage und Wochen zerflossen, und dass sie nicht wusste, was mit ihrer Familie geschah, machte es noch schlimmer. Als Emily ihren Vater nach 50 Tagen wiedersah, war ihr erster Satz: „Ich dachte, sie hätten dich auch gekidnappt.“

Hamas-Geisel litten unter Hunger, sie verloren viel Gewicht

Von Hunger erzählen auch andere Geiseln, wie die 78-jährige Ruti Munder, die mit ihrer Tochter Keren und Enkelsohn Ohad am Freitag freigelassen wurde. In den ersten Tagen der Geiselhaft habe man noch Huhn und Reis oder Konservendosen bekommen, später nur noch Reis oder Brot – und viel zu wenig davon. Ruti und Keren haben einige Kilos an Körpergewicht verloren. Das Gesundheitsministerium in Israel gab bekannt, dass alle älteren Geiseln stark abgenommen haben – zwischen acht und fünfzehn Kilo in acht Wochen.

Auf diesem von der israelischen Armee zur Verfügung gestellten Foto trifft Emily Hand, ihren Vater. Er dachte zunächst, seine Tochter sei tot.
Auf diesem von der israelischen Armee zur Verfügung gestellten Foto trifft Emily Hand, ihren Vater. Er dachte zunächst, seine Tochter sei tot. © DPA Images | Uncredited

Wenn man die Toilette benutzten musste, hatte man an einer Tür zu klopfen, aber es konnte lange dauern, bis der Wunsch erfüllt wurde – manchmal bis zu zwei Stunden. Manche Geiseln berichten von ständiger Dunkelheit, andere von einem Mangel an Sauerstoff. Ältere Frauen mussten auf Plastikstühlen schlafen und wurden immer wieder geweckt.

Der zwölfjährige Eitan Yahalomi wurde laut Angaben seiner Familie nach seiner Verschleppung nach Gaza von Unbekannten geschlagen. Die Terroristen zwangen den Jungen, sich Videoaufnahmen der Horrortaten vom 7. Oktober anzusehen. Wann immer er oder ein anderes Kind weinte oder schrie, sei es mit Gewehren bedroht worden, erzählt eine Verwandte Eitans. Ruhe war die oberste Maxime – wohl auch, um zu verhindern, dass israelische Bodentruppen auf die Geiseln aufmerksam werden.