Kommentar

Lateinamerikas Wutwelle

„Chile steht für die Misere eines ganzen Kontinents. Eine kleine Oberschicht schwimmt im Luxus. Die große Mehrheit darbt.“

In Lateinamerika findet derzeit eine Gelbwestenbewegung im XXL-Format statt. Chile galt einst ob seiner politischen Stabilität und der relativ guten Wirtschaftszahlen als die Schweiz Südamerikas. Doch die makroökonomischen Daten standen weitgehend nur auf dem Papier. Zwar vervielfachte sich das Pro-Kopf-Einkommen, aber nur wenige merkten etwas davon . Ein Großteil der Bevölkerung verdient um die 500 Euro pro Monat. Importierte Konsumgüter wie Autos oder Kühlschränke sind hingegen so teuer wie in Europa oder den USA.

Vor diesem Hintergrund kann die minimale Erhöhung des Drucks eine maximale Wirkung erzeugen. Das passierte, als kürzlich die U-Bahnpreise in der Hauptstadt Santiago um umgerechnet wenige Eurocent anstiegen. Das klingt wenig. Doch etliche Haushalte müssen alles zusammenkratzen, um über die Runden zu kommen. Viele Bürger machten ihrem Ärger Luft und gingen auf die Straßen.

Auch von anderer Seite nahmen die Belastungen zu. Während der Pinochet-Diktatur (1973 bis 1990) wurde Chile zum Experimentierfeld des Neoliberalismus. Der freie Markt regierte. Bildung, Altersvorsorge und Gesundheit sind weitgehend privatisiert. Nur wer über die nötigen Mittel verfügt, hat Zugang.

Chile steht beispielhaft für die Misere eines ganzen Kontinents. Eine kleine Oberschicht schwimmt im Luxus und verschanzt sich in ihren Nobelherbergen. Die kaum existente Mittelschicht hat Angst, abzustürzen. Die große Mehrheit darbt. Die Schere zwischen Arm und Reich ist in den vergangenen Jahren immer weiter auseinandergegangen.

Die Regierungen haben kein Konzept, wie sie einen rohstoffreichen Kontinent zu mehr Wohlstand bringen. Notwendig wäre die Quadratur des Kreises aus wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und sozialer Balance. Davon ist Lateinamerika leider Lichtjahre entfernt.

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