Vechelder berichtet über Vertreibung aus Schlesien

Vechelde.  Der Historiker Christopher Spatz sucht Zeitzeugen wie Leonhard-Harry Rother, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verlassen haben.

Leonhard-Harry Rother sieht sich oft seine Heimat Glatz auf der Landkarte an.

Leonhard-Harry Rother sieht sich oft seine Heimat Glatz auf der Landkarte an.

Foto: Archiv

Die Vertreibung aus seiner schlesischen Heimat nach dem Zweiten Weltkrieg – sie bewegt Leonhard-Harry Rother aus Vechelde nach wie vor, auch wenn sie bereits Jahrzehnte zurückliegt. Für ein Forschungsprojekt sucht der Bremer Historiker Christopher Spatz nun Zeitzeugen, die mit ihren Familien in den Jahren 1946 und 1947 aus Schlesien nach Niedersachsen gebracht worden sind.

Zu ihnen zählt Rother: Er ist Jahrgang 1931 und stammt aus Ebersdorf in der Grafschaft Glatz in Niederschlesien. 1946 sei er mit seiner Familie – den Eltern und einem Bruder – aus Glatz vertrieben worden; über einen Ort, den „es wegen des Braunkohleabbaus heute gar nicht mehr gibt“, sowie über Lehre bei Braunschweig sei er schließlich in Wahle gelandet. „Dort haben wir bei einem Bauern gewohnt“, erinnert sich Rother. Seine Mutter habe dem Landwirt geholfen – etwa bei der Rüben- und Kartoffelernte. „Mein Bruder und mein Vater haben in der Konservenfabrik in Vechelde gearbeitet“, ergänzt Rother. Er selbst habe im Wahler Wald Bäume gepflanzt – „Kulturarbeit“ habe das damals geheißen, das habe er getan, um Lebensmittelkarten zu bekommen. Auch als Torfstecher sei er unterwegs gewesen. Später hat Leonhard-Harry Rother eine Ausbildung bei einem Schmied in Vechelde absolviert; danach habe er in einer LKW-Werkstatt in Braunschweig gearbeitet und habe sich zum Meister hochgearbeitet. Seit langem wohnt der 88-Jährige in Vechelde, ist dort in der katholischen Kirchengemeinde aktiv.

„Wer hat direkt nach dem Krieg noch in seiner Heimat Schlesien gelebt und mag davon erzählen?“, fragt Christopher Spatz nach Zeitzeugen: „Mir geht es um den kindlichen Blick auf die Nachkriegsereignisse.“ Der 37-Jährige suche „keine druckreifen Geschichten, aber Menschen mit wachen Erinnerungen“.

Besonders wertvoll sind für ihn Zeitzeugen, die über ihre Erlebnisse bisher nur wenig oder gar nicht gesprochen haben. Betroffene oder Dritte, die solche Gesuchten kennen, bittet Spatz, sich mit ihm in Verbindung zu setzen. Der Historiker hat an der Berliner Humboldt-Universität seine Doktorarbeit über die ostpreußischen „Wolfskinder“ geschrieben, anschließend hat er für die Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ gearbeitet. Das Zeitzeugenprojekt betreibt Spatz als frei arbeitender Wissenschaftler. Kontakt zu Dr. Christopher Spatz ist möglich über: (0176) 63003737 oder unter christopherspatz@gmail.com per Mail.

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