Schwimmbadregel

Göttinger „Oben-ohne-Regel“ wird wohl verlängert

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In den vier städtischen Bädern Göttingens darf seit Mai jede Person an Wochenenden mit nacktem Oberkörper baden. (Symbolbild)

In den vier städtischen Bädern Göttingens darf seit Mai jede Person an Wochenenden mit nacktem Oberkörper baden. (Symbolbild)

Foto: Hauke-Christian Dittrich / dpa

Göttingen.  In Göttingen dürfen seit Mai alle Gäste in Stadtbädern mit nackter Brust schwimmen. So kommt die Regel seitdem an – und das hat die Politik nun vor.

Die Ausnahme soll zur Regel werden: In der Stadt Göttingen sollen auch künftig alle Menschen an bestimmten Tagen mit nacktem Oberkörper Schwimmen gehen dürfen. Der Sportausschuss der Stadt soll in seiner kommenden Sitzung am 15. September eine entsprechende Regelung beschließen, wie die Stadt mitteilte. Seit Mai dürfen alle Menschen in den vier städtischen Bädern der südniedersächsischen Stadt an Wochenenden oben ohne Schwimmen – unabhängig von ihrem Geschlecht.

Auslöser für den Beschluss war eine Person, die sich weder als Frau noch als Mann sieht. Im August 2021 ging sie deshalb „oben ohne“ baden. Das Schwimmbad sah sie als Frau an und sprach deswegen von einem Verstoß gegen die Badeordnung. Anschließend gab es viele Debatten in der Stadt.

Oben ohne im Schwimmbad: Testphase in Göttingen läuft aus

Die Testphase für die neue Badeordnung läuft am Mittwoch aus. Bis zur Sportausschusssitzung am 15. September soll sie übergangsweise fortgeführt werden, ehe sie im Ausschuss voraussichtlich dauerhaft verlängert wird. Auch weiterhin soll die Regelung für das Zeigen nackter Oberkörper nur an Wochenenden gelten. „Festzuhalten ist, dass die Regelung von allen Seiten gut angenommen wurde“, sagte ein Sprecher der Stadt. In den drei Freibädern wurde die neue Möglichkeit demnach öfter als im Spaßbad Eiswiese genutzt – „etwa von vier bis fünf als Frauen gelesenen Personen pro Bad und Tag“. Aus Sicht der Göttinger Sport- und Freizeit GmbH spreche nichts gegen eine Fortsetzung der Regelung.

In der Region Braunschweig-Wolfsburg nachgefragt:

Die Regelung sorgte in den vergangenen Wochen über die Grenzen der Stadt hinaus für Diskussionen und Aufregung. Selbst Medien in Amerika oder Asien berichteten über die Entscheidung aus Göttingen. In einem Bremer Freibad protestierten Frauen im Juli mit entblößtem Oberkörper. Dort müssen weiblich aussehende Menschen bisher ihre Brüste bedecken. Die Stadt Kiel beschloss vor wenigen Tagen eine ähnliche Regelung wie Göttingen. Dort müssen Menschen für das Baden und Schwimmen künftig nur noch mindestens die primären Geschlechtsorgane, also die Lendenregion, bedecken.

Die Braunschweiger Freibäder würden sich dagegen nach wie vor nicht an der neuen Regelung beteiligen. Felix Böttcher, Sprecher der Stadtbad-GmbH, sagte im Mai unserer Zeitung: ,,Bei uns ist das kein Thema“. Nun bekräftigte er den Ansatz und wiederholte, dass es in Braunschweig keine entsprechende Nachfrage gebe.

Das sagen Aktivisten und die TU Braunschweig zur Oben-ohne-Regel

Die Aktivisten-Gruppe „Bündnis Gleiche Brust für Alle“ setzt sich für eine Lockerung der Regeln ein. „Die Testphase seit Mai ist, wie von uns erwartet, ohne größere Probleme vonstattengegangen“, teilte eine Sprecherin mit. In den Freibädern habe es allerdings keine Hinweisschilder gegeben, kritisierte sie. Das Bündnis fordert, die Regelung auf alle Wochentage auszuweiten. Da man auch in Göttingen von einer gut verlaufenen Testphase spreche, gebe es „keine Berechtigung, die Gleichberechtigung in den öffentlichen Schwimmbädern weiter einzuschränken“, hieß es.

Auch das Braunschweiger Zentrum für Gender Studies der TU Braunschweig kommentierte die neue Regelung auf Anfrage unserer Zeitung: ,,Da die Badeverordnung im geschilderten Fall binär nur zwischen Mann und Frau unterscheidet, muss diese dringend überarbeitet werden.“ Zu bemängeln ist aus Sicht des Braunschweiger Gender-Zentrums das Fehlen der dritten rechtlich anerkannten Geschlechteroption des Personenstandsgesetzes – divers. ,,Darüber hinaus sollte sie vorausschauend die existierende Geschlechtervielfalt berücksichtigen, d.h. auch trans* und nicht-binäre Personen“ sagen Jan Büssers und Juliette Wedl, Referenten des Zentrums für Gender Studies. Sie appellieren an eine Reform der Badeverordnungen, um mehr Gleichberechtigung und Selbstbestimmung zu erreichen.

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