Bericht attestiert Jugendamt Hameln schwere Fehler im Fall Lügde

Hameln.  Das Jugendamt hatte einem der Haupttäter von Lügde trotz Hinweisen auf sexuell übergriffiges Verhalten die Pflegschaft für ein Mädchen übertragen.

Auf dem Campingplatz Eichwald in der inzwischen eingezäunten Parzelle des mutmaßlichen Täters steht der versiegelte Campingwagen. Nach dem massenhaften Missbrauch von Kindern im lippischen Lügde hat eine Sonderermittlerin dem Jugendamt im niedersächsischen Landkreis Hameln-Pyrmont schwere Fehler attestiert (Archivbild).

Auf dem Campingplatz Eichwald in der inzwischen eingezäunten Parzelle des mutmaßlichen Täters steht der versiegelte Campingwagen. Nach dem massenhaften Missbrauch von Kindern im lippischen Lügde hat eine Sonderermittlerin dem Jugendamt im niedersächsischen Landkreis Hameln-Pyrmont schwere Fehler attestiert (Archivbild).

Foto: Guido Kirchner / dpa

Nach dem massenhaften Missbrauch von Kindern im lippischen Lügde hat eine Sonderermittlerin dem Jugendamt im niedersächsischen Landkreis Hameln-Pyrmont schwere Fehler attestiert. Zwar kommt der Bericht zu dem Ergebnis, dass dem Landkreis kein strukturelles Versagen anzulasten ist, eine ganze Reihe von fachlichen Fehlern habe aber dazu geführt, dass die Taten nicht verhindert werden konnten, heißt es in dem vom Landkreis in Auftrag gegebenen Bericht.

Jugendamt Hameln überwies einem der Haupttäter von Lügde Pflegschaft für ein Mädchen – trotz Hinweisen

Das Jugendamt in Hameln hatte einem der Haupttäter von Lügde trotz mehrerer Hinweise auf sexuell übergriffiges Verhalten die Pflegschaft für ein Mädchen übertragen. Mindestens vier Mal habe die Behörde in Hameln Hinweise auf die mangelnde Eignung des Pflegevaters sowie mögliche Pädophilie erhalten, denen nicht ordentlich nachgegangen wurden, heißt es in dem Bericht. Auch Hinweise auf den Kontakt des Pflegevaters zu weiteren Mädchen seien nicht angemessen aufgegriffen worden.

Vielfältig beschäftigten sich Behörden zwar mit der Situation, das belegen die von der Sonderermittlerin gesichteten Dokumente, es wurde aber lange Zeit nicht durchgegriffen. Es gab keinen ausreichenden Informationsaustausch im Jugendamt, Abläufe wurden nicht eingehalten und bei der Zusammenarbeit mit Behörden im angrenzenden Nordrhein-Westfalen hakte es. Die Mutter wurde nach Einschätzung der Sonderermittlerin nicht ausreichend einbezogen und die Inaugenscheinnahme des Kindes nicht im nötigen Umfang vorgenommen oder dokumentiert.

Hundertfacher Missbrauch von Kindern auf einem Campingplatz in Lüdge

In Nordrhein-Westfalen versucht ein Untersuchungsausschuss des Landtags weiter aufzuklären, wie es zu dem hundertfachen Missbrauch von Kindern auf einem Campingplatz in Lüdge kommen konnte, ohne dass Behörden auf die kriminellen Vorgänge aufmerksam wurden. Im Mittelpunkt steht das Leid des kleinen Mädchens, das vom Jugendamt in Hameln zu einem Pädokriminellen auf den Campingplatz gegeben worden war. Da der Mann im lippischen Lügde lebte und die Kindsmutter in Niedersachsen, waren zwei Jugendämter über die Landesgrenzen mit dem Fall beschäftigt.

Im Herbst 2019 hatte das Landgericht Detmold im Missbrauchsfall Lügde zwei Männer zu langjährigen Haftstrafen und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Sie hatten auf dem Campingplatz an der Landesgrenze zu Niedersachsen 32 Kinder jahrelang schwer sexuell missbraucht. Seit Anfang September muss sich vor dem Landgericht Göttingen ein 49 Jähriger wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern verantworten. Es handelt sich um einen Bekannten des Haupttäters von Lügde.

Lesen Sie auch:

Reimann will nach Lügde-Bericht kein Umstrukturieren von Jugendämtern

Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann (SPD) sieht nach dem belastenden Bericht über das Jugendamt Hameln im Zusammenhang mit dem Missbrauchsfall Lügde keinen strukturellen Veränderungsbedarf. Die Jugendämter könnten aus dem Bericht lernen, dass klare Strukturen zum Kinderschutz nötig seien und diese auch gelebt werden müssten, sagte Reimann am Donnerstag nach der Vorstellung des Berichts im Sozialausschuss des Landtags in Hannover. Zu Pannen und Fehlern im Jugendamt des Kreises Hameln-Pyrmont sei es gekommen, weil Richtlinien nicht eingehalten wurden und die Zusammenarbeit mit anderen Ämtern unzureichend war.

Das Land biete den Jugendämtern, die in kommunaler Verantwortung stehen, bereits jetzt umfangreiche Hilfe bei Qualifizierung und Beratung, betonte Reimann. Unter anderem gebe es ein Programm zur Qualitätsentwicklung. Die Lehren, die aus den Pannen im Fall Lügde landesweit zu ziehen seien, sollten den Jugendämtern auf einem Kinderschutzkongress vorgestellt werden, der wegen der Corona-Epidemie verschoben und noch nicht neu terminiert wurde. Mit einer Enquetekommission, über die der Landtag in der kommenden Woche berät, soll außerdem nach weiteren Verbesserungen im Kinderschutz gesucht werden.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder