„Öko-Heuchelei“ – Wie deftig sollte ein Meinungsbeitrag sein?

Ausriss des umstrittenen Zwischenrufs von Johannes Kaufmann „Öko-Heuchelei im Wald“ vom 11. Oktober.

Ausriss des umstrittenen Zwischenrufs von Johannes Kaufmann „Öko-Heuchelei im Wald“ vom 11. Oktober.

Foto: Jürgen Runo

Leser Karl-Erich Fehr aus Braunschweig schreibt zum Beitrag „Zwischenruf: Öko-Heuchelei im Wald“ auf der Debattenseite vom 11. Oktober:

Selbst bei einem als eigene Meinung gekennzeichneten Text muss man argumentieren, nicht diffamieren, verunglimpfen oder Rufmord betreiben, auch Fakten dürfen nicht falsch dargestellt werden. Der Text ist voll von unzulässigen Verallgemeinerungen, von Diffamierungen, von Beleidigungen, die man gar nicht alle aufzählen kann, deshalb nur eine kleine Auswahl: „…, wenn wohlstandsverwahrloste Stadtkinder aus ideologischer Verblendung sich nicht nur vom Rechtsstaat, sondern gleich aus der Zivilisation verabschieden“; „gewaltbereite Linksextremisten, die im Hambacher Forst gegen den bösen Kapitalismus kämpfen“; „Aktivisten in ihrem Fanatismus“; „die mangelnde Distanz der Verbände zu fäkalienwerfenden Fanatikern und der Versuch, den Kohleausstieg an allen demokratischen Prozessen vorbei herbeizudemonstrieren“.

Herr Kaufmann schreibt im ersten Abschnitt: „Da twitterte Linken-Chefin Katja Kipping von jeglicher Sachkenntnis unberührt: ,Die Bäume im Hambacher Forst sind 12.000 Jahre alt.‘“ Aber genau das wird in allen Internet-Informationen übereinstimmend festgestellt, die Gegend ist seit 12.000 Jahren bewaldet. Dass Frau Kipping nicht weiß, dass ein Baum keine 12.000 Jahre überleben kann, wird Herr Kaufmann ihr bestimmt nicht unterstellen, obwohl, er hat ja schon behauptet, sie sei von jeglicher Sachkenntnis unberührt.

Im zweiten Abschnitt führt er aus, Frau Wagenknecht habe behauptet, es ginge hier dem letzten großen Mischwald Europas an den Kragen. Aber auch Frau Wagenknecht hat sich im Internet informiert, da steht an mehreren Stellen fast wörtlich, dass „der Hambacher Forst mit dem einzigartigen Ökosystem zu den letzten großen Mischwäldern Mitteleuropas zählt.“ In allen Infoquellen wird deutlich hervorgehoben, dass es sich beim Hambacher Forst um ein ganz besonderes Ökosystem handelt.

Manchmal, verehrter Herr Kaufmann, haben Bäume auch etwas Symbolisches und Prägendes, Herr Wohlleben spricht in seinem Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“ sogar davon, dass die Wälder die besseren Menschen seien. Doch weg vom Philosophischen, hin zum Pragmatischen vor Ort: Ohne die seinerzeitige Bürgerinitiative in Riddagshausen würden, obwohl auch schon hier die Kettensäge geölt war, die Pappeln an den Teichen nicht mehr stehen – ohne den Einspruch der Anwohner der Jasperallee würden die Alleebäume wohl schon zerkleinert auf dem Stapel liegen.

Der Autor des Zwischenrufs, Johannes Kaufmann, nimmt Stellung:

In meiner Polemik zum Hambacher Forst bediente ich mich einer deftigen Wortwahl, da ist es verständlich, dass dies einigen Lesern sauer aufgestoßen ist.

Allerdings diffamiere und verunglimpfe ich nicht, wenn ich Menschen, die mit ihren Fäkalien auf Polizisten werfen, als „fäkalienwerfende Fanatiker“ bezeichne. Das ist auch keine Verallgemeinerung, denn diese Bezeichnung ist ziemlich eindeutig mit ihrem Bezug auf ein ganz bestimmtes Verhalten. Ich hätte aber in einem Halbsatz noch einmal betonen können, dass damit selbstverständlich nicht die vielen tausend Menschen gemeint sind, die friedlich Transparente tragend gegen die Rodung des Hambacher Forsts demonstriert haben. Was die Politiker betrifft, so betrachte ich es nicht als meine Aufgabe als Journalist, Falschaussagen so zu interpretieren, dass sie irgendwie doch noch stimmen könnten. Die verbreiteten Falschaussagen zum Alter der Bäume und zur Größe des Forsts wären mit einer Google-Suche von wenigen Sekunden vor Absetzen des Tweets oder Facebook-Beitrags zu verhindern gewesen. Wer dies nicht für nötig hält, ist von der Richtigkeit seines Standpunkts offenbar so überzeugt, dass eine Faktenprüfung sich erübrigt. Es ist diese Form des moralbesoffenen Überlegenheitsgefühls, das meines Erachtens heftige verbale Gegenwehr rechtfertigt. Ob es besser wäre, wenn die zitierten Politiker es im Dienst der guten Sache ganz bewusst mit der Wahrheit nicht so genau genommen haben, mag jeder selbst entscheiden. Aber auch eine Lüge im Dienst der guten Sache bleibt eine Lüge.

Meine Kritik bezieht sich im Übrigen auf den Versuch, die Rechtslage durch die Besetzung des Forsts und öffentliche Massenempörung zu unterlaufen, nicht auf die Klagen vor Gericht. RWE hat sich während des gesamten Verfahrens, anders als so mancher Vertreter der Gegenseite, an Recht und Gesetz gehalten. Angesichts der moralischen Aufladung des Kohleausstiegs und der daraus abgeleiteten Legitimation des „Widerstands“ sind Fragen der Besitzverhältnisse, der Rechtmäßigkeit und auch der Methoden der Gegner in der Berichterstattung für meinen Geschmack etwas zu kurz gekommen. Daher mein polemischer Zwischenruf.

Der Ombudsrat schreibt:

Es ist generell begrüßenswert, wenn ein Meinungsbeitrag aus der Zeitung Reibung erzeugt und Leser zur Äußerung ihrer eigenen Meinung anregt. Wie zugespitzt ein Journalist seinen Meinungsbeitrag formuliert, ist seinem Geschmack und dem seiner Chefredaktion, die die publizistische Verantwortung trägt, überlassen. Dass ein veröffentlichter Meinungsbeitrag nicht die Grenzen der Meinungsfreiheit etwa durch Beleidigungen verletzen darf, ist selbstverständlich – und steht im vorliegenden Fall auch nicht zur Debatte.

Wissenschaftsredakteur Johannes Kaufmann bezeichnet seinen „Zwischenruf“ selbst als „Polemik“. Polemik meint laut Duden einen „scharfen, oft persönlichen Angriff ohne sachliche Argumente im Bereich der Literatur, Kunst, Religion, Philosophie, Politik oder Ähnlichem“. Insofern ist die vom Autor selbst gewählte Bezeichnung für den Text zu weitreichend, denn Kaufmann führt sehr wohl sachliche Argumente an. Gleichwohl unterscheidet sich der Beitrag durch die einseitige Positionierung und die Schärfe der Wortwahl vom Grundton vieler anderer Kommentare und Leitartikel, die auf der Debattenseite dieser Zeitung erscheinen. Angesichts der erodierenden Debattenkultur und des sich verschärfenden politischen Klimas in unserem Land sind lösungsorientierte Ansätze eher angezeigt als polarisierende.

Der Ombudsrat teilt die Kritik des Lesers, dass der Beitrag zu viele Verallgemeinerungen enthält, die viele tausend friedliche Demonstranten bis hin zu im Naturschutz engagierten Menschen in der Region mit Gewalttätern oder Fäkalienwerfern gleichstellen.

Angebracht erscheint uns hingegen die klare Kritik des Autors an den Social-Media-Äußerungen der Linken-Politikerinnen Kipping und Wagenknecht: Spitzenpolitiker sollten nicht einfach unreflektiert Kurzbotschaften in die Welt twittern, die der Komplexität der Probleme nicht gerecht werden. Wer Social Media nutzt, ist Publizist und steht damit grundsätzlich auch in der besonderen publizistischen Verantwortung. Das gilt umso mehr für Personen der Öffentlichkeit, die sich der Tragweite ihrer Veröffentlichungen sehr wohl bewusst sind.

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