„Der Grundgedanke des Spendens wird aufgegeben“

Organspendeausweise im Scheckkartenformat der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): Die vorgeschlagene Widerspruchslösung bei  Organspenden diskutieren unsere Leser kontrovers.

Foto: David-Wolfgang Ebener / dpa

Organspendeausweise im Scheckkartenformat der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): Die vorgeschlagene Widerspruchslösung bei Organspenden diskutieren unsere Leser kontrovers.

Alle Leserbriefe beziehen sich auf „Jeder soll Organspender werden“ vom 4. September:

Dass der Staat in die Freiheit des Einzelnen eingreift, halte ich nicht für den richtigen Weg. Der Grundgedanke des Spendens wäre damit nicht mehr gegeben. Stellen Sie sich einmal dieses Vorgehen bezogen auf den Datenschutz vor. Sie haben generell sämtlichen Aktivitäten/Daten zugestimmt, es sei denn, sie widersprechen? Undenkbar. Dass es leider zu wenig Organspender gibt, ist unumstritten. Mein Vorschlag wäre, hier nicht alle zu pauschalisieren, sondern die Organspende zu verknüpfen. Beispiel: Jeder, der den Führerschein erwerben möchte, erklärt sich auch bereit, Organspender zu werden. Ich bin seit Jahren überzeugter Organspender. Jeder sollte sich bewusst machen, dass Gesundheit keine Selbstverständlichkeit ist und jeder in die Situation kommen kann, auf einen Spender zu hoffen.

Mario Meißner, Salzgitter

Endlich, sage ich, endlich wird auch in Deutschland über die Widerspruchslösung zumindest einmal nachgedacht und nachfolgend hoffentlich auch diskutiert. Dabei macht es Sinn, diese Problematik zu einer Gewissensfrage jedes Bundestagsabgeordneten zu machen, also ohne Fraktionszwang. Dies will letztlich auch Jens Spahn. Ich bin zu einhundert Prozent für die Widerspruchslösung, da sie den schwerkranken Menschen dient und diesen zu einem wieder lebenswerten Dasein verhilft. Es ist ja kein Zwang, jeder hat das Recht, einer Organentnahme zu widersprechen, was – aus welchen Gründen auch immer – möglich sein muss. Außerdem ist es ja nicht so, dass nun bei jedem sich anbahnenden Sterbefall gleich ein Chirurg mit Skalpell am Bett steht. Auch bei der Widerspruchslösung sind Organtransplantationen immer eine letzte Möglichkeit, den Kranken zu helfen, wie die Zahlen aus anderen Ländern zeigen. Aber gebt den Kranken diese Möglichkeit!

Klaus Hantelmann, Wolfenbüttel

Die von Gesundheitsminister Spahn vorgeschlagene Regelung ist in der Tat die einzige Möglichkeit, die Wartezeiten auf ein Spenderorgan zu verkürzen bzw. überhaupt ein Organ noch zu Lebzeiten zu erhalten. Und wie immer und zugleich auch typisch deutsch: Kaum war der Vorschlag unterbreitet, schon wird eine riesige Diskussion losgetreten. Es wird von Verunsicherung der Patienten gesprochen; doch was die Patienten wirklich verunsichert, ist zuerst die Uneinigkeit selbst innerhalb der Partei! Und wer sich nicht alles zu Wort meldet? Der Ethikrat, natürlich auch die Opposition. Es ist schon erstaunlich, dass sich die Kirche noch nicht dazu geäußert hat. Nun wird wieder – wie üblich – monatelang diskutiert, bis das Thema in Vergessenheit gerät.

Doch all denen, die gegen diesen Vorschlag sind, sei gesagt, dass sie sich künftig überlegen sollten, wo sie ihren Urlaub verbringen. Denn wem etwas Ernsthaftes in Spanien, Frankreich, Italien oder Österreich zustößt, dessen Leichnam kommt nicht vollständig nach Deutschland zurück. In all diesen Ländern gilt, dass generell jeder Organspender ist – auch Ausländer!

Als vor etlichen Jahren die von Minister Spahn vorgeschlagene Regelung in Österreich eingeführt wurde, gab es dort gar keine Diskussion – ganz im Gegenteil. Seit der Einführung hat sich in Österreich die Wartezeit auf ein neues Organ drastisch verkürzt.

Hartmuth Elfenbüttel, Salzgitter

Solange es keine amtlich vereidigte Stelle gibt, bei der die Entscheidung eines Bürgers über die Organentnahme abgerufen werden kann und muss, ist ein Missbrauch niemals ausgeschlossen, zumal bei einer solchen Maßnahme auch Geld eine Rolle spielt.

Ulrich Groß, Braunschweig

Das Vertrauen in die Organspende ist durch die immer wieder auftretenden Unregelmäßigkeiten bei der Zuteilung der Organe verloren gegangen. Wer über genügend Geld verfügt, scheint bei der Organzuteilung bevorzugt zu werden. Jüngstes Beispiel: Niki Lauda bricht wegen einer akuten Sommergrippe seinen Urlaub ab, begibt sich in ein Krankenhaus und erhält sofort eine Spenderlunge. Andere warten Monate oder Jahre auf ein Organ. Wo kommt die Lunge plötzlich her?

Ich hoffe nur, dass bei einer künftigen Widerspruchslösung der Zettel mit dem Widerspruch bei dem Toterklärten gefunden und nicht bei Organbedarf übersehen wird.

Carola Schmidt, Didderse

Endlich hat der Gesundheitsminister angesichts völlig unzureichender Zahlen an Organtransplantationen in Deutschland die Initiative ergriffen. Einerseits ist es wichtig, die Entnahme der Organe auf eine finanziell solide Basis zu stellen – ebenso den Zugang zu Spenderorganen zu verbessern. Die Widerspruchslösung ist der beste Ansatz dazu, schaut man nach Spanien, wo diese lange schon gilt. Man bedenke, Spanien ist katholisch, hier ist es die katholische Kirche, die Bedenken hat, ebenso wie die niedersächsische Gesundheitsministerin. Dafür habe ich absolut kein Verständnis – hier gilt es Leben zu retten statt die Freiheit des Einzelnen einzuschränken!

Hoffentlich wird Bundesgesundheitsminister Spahn sich durchsetzen und das Gesetz in Kraft setzen – jeder Deutsche wird dann bestimmt angeschrieben und kann sich dagegen entscheiden.

Dr. Ulrich Bernd Koch,
Braunschweig

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