Die Wildente – Glasklar lebensnotwendige Lügen

Braunschweig  Henrik Ibsens Klassiker "Die Wildente", ein Psychogramm der Lebenslüge, hatte Premiere im Großen Haus des Staatstheaters.

Die Wildente mit Ursula Hobmair, Oliver Simon, Sven Hönig und Andreas Bißmeier.

Die Wildente mit Ursula Hobmair, Oliver Simon, Sven Hönig und Andreas Bißmeier.

Foto: Volker Beinhorn/Staatstheater

Darf man das sagen? Dass die Passion, Münzen zu sammeln oder Promi-Autogramme, dass die Anhänglichkeit an einen Fußballverein oder einen Hund, oder die ewige Computerspielerei nichts als Ausflüchte sind. Vor dem Versagen in der Schule, in der Ehe, im Beruf, im Leben? Selbst wenn's wahr wäre, dürfte man das sagen? Was würde es helfen?

Die Frage hat sich schon Henrik Ibsen gestellt, 1884, in seinem Stück "Die Wildente". Samstagabend hatte es Premiere im Großen Haus des Staatstheaters. Dieses tragikomische Psychogramm der Lebenslüge.

In Ibsens Fall die von Hjalmar Ekdal. Der lebt mit Frau, Tochter und Vater in einer ärmlichen Behausung und arbeitet an einer großen Erfindung. Sagt er. Und sitzt da. Und ist froh, wenn er sich schnell wieder ablenken kann, mit dem irren Hobby seines Vaters.

Der alte Ekdal (Andreas Bißmeier) jagt auf dem Dachboden. Da hält er sich zwischen einigen Tannenbäumen Hühner, Kaninchen - und die Wildente.

Ist doch krank, oder? Denkt sich Gregers Werle, der Sohn des Holzfabrikanten Werle. Der Alte hat neben Geld eine Menge Dreck am Stecken, der etwas mit dem kümmerlichen Dasein der Ekdals zu tun hat. Gregers, der seinem Vater misstraut, will aufdecken, was. Um seinen Freund endlich aufzuklären über sein Elend. Und macht damit alle sorgsam gehüteten Lebenslügen, die zugleich Lebensträume sind, kaputt. Soweit Ibsen.

Kathrin Froschs Bühnenbild ist auch sehr klar und aufgeräumt. Es gibt kaum Requisiten, praktisch nur einen großen, mit Dielen gezimmerten, schräg aufsteigenden Raum.

In dem agieren Ibsens Antihelden mehr neben- als miteinander. Mehr als dass sie sich einander zuwenden, sprechen, deklamieren sie in den Theatersaal hinein, weit auseinander stehend. Die Vereinzelung der Figuren, das Gefangensein dieser Menschen in ihren Illusionen ist groß, zeigt Stephan Rottkamps Inszenierung etwas überdeutlich.

Und doch gibt es Momente des Glücks. Für Hjalmar und den alten Ekdal etwa, wenn sie auf dem Dachboden jagen gehen. Dieser merkwürdige Jagdgrund wird abstrakt mit vier aus dem Hintergrund strahlenden Scheinwerfern in Szene gesetzt. Pures Licht, sonst nichts. In den letzten beiden Akten erlischt auch das. Das ist gekonnt stilisiert.

Auch sonst ist vieles streng strukturiert und so konsequent wie kühl auf das Wesentliche reduziert in dieser Inszenierung, bis hin zum Text.

Gina etwa, die Frau Hjalmars, sitzt viele Zeit nur auf dem Boden und starrt vor sich hin, entweder aufgesetzt fröhlich oder fatalistisch versteinert (intensiv minimalstisch: Sandra Fehmer). Stark ist auch Sven Hönig als selbstverliebter, larmoyant-luschiger Möchtegernerfinder Hjalmar. Oliver Simon verleiht dem eifernden Aufklärer Gregers eine bleiche, angespannte Verkrampftheit. Souverän spielt Tobias Beyer seinen Gegenpart, den versoffenen, kettenrauchenden, aber lebensklugen Doktor Relling, die einzig lockere Figur im tragischen Tableau, das mit dem Selbstmord eines Kindes schließt.

Sie ist schon ein wenig jakobinisch, diese Rottkampsche Inszenierung, und atmet in ihrem unbedingten Willen zur Klarheit ein wenig von dem übereifrigen Aufklärungswillen Gregers Werles. Anderseits ist sie präzise und konsequent durchgespielt, mit einigen starken Szenen und Bildern, gut verzahnt und gut gesprochen. Und mit einer anrührenden, unschuldig eindringlichen Ursula Hobmair als Hedwig selig zusätzlich gesegnet. Kräftiger, anerkennender Applaus.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder