Arbeit essen Seele auf

Braunschweig  Der Braunschweiger Theaterabend „Polnische Perlen“ über osteuropäische Pflegerinnen geht unter die Haut.

Dramatische Szene zwischen Pflegerin (Fanny Staffa) und Patientin (Lisa Stepf).

Dramatische Szene zwischen Pflegerin (Fanny Staffa) und Patientin (Lisa Stepf).

Foto: Volker Beinhorn

Es ist ein Heldengesang. Ein Heldinnengesang. Frauen, die kaum jemand wahrnimmt, weil sie 24 Stunden am Tag in Privathäusern gebrechliche Menschen pflegen, erscheinen im Bühnenlicht. Frauen aus Osteuropa, von der Not hierhergetrieben.

Sie bekommen für ihren Rund-um-die-Uhr-Job rund 1500 Euro im Monat. Sie hausen in winzigen Kammern. Sie verrichten eine Arbeit, die hart ist, oft eklig, aber notwendig. Dafür erfahren sie wenig Anerkennung. Sie müssen sich oft demütigen lassen von senilen Patienten und deren Angehörigen.

„Polnische Perlen“ ist eine Produktion der freien „Werkgruppe 2“ im Staatstheater. Die Gruppe hat eine Reihe von Pflegerinnen (und einen Pfleger) interviewt und deren Aussagen zu einem Textbuch komprimiert. Dies hat Julia Roesler mit Schauspielern des Hauses wie ein Theaterstück inszeniert. Zum Auftakt der Themenwoche Interkultur wurde es im Kleinen Haus uraufgeführt.

Warum aber der Aufwand? Warum nicht die „Perlen“ gleich selbst auf der Bühne von ihrem Schicksal erzählen lassen? Und: Was macht diese Theaterform anders als ein Monitor-Beitrag?

Nun, es packt den Zuschauer auf andere Weise. Die Schauspieler, diese Profis der Einfühlung und des Ausdrucks, schöpfen so viele Facetten der Würde aus den Aussagen der armen Frauen, dass sie uns tatsächlich wie Heldinnen eines großen Dramas erscheinen. Heldinnen der Hingabe an ihre Patienten, des Aushaltens. Erynnien des Furors über ihre Arbeitsbedingungen und der Selbstbehauptung. Tragödinnen der Sehnsucht und des Heimwehs. Dabei wirkt das radebrechende Deutsch der Darsteller nicht diskriminierend, sondern wie eine zusätzliche Hürde im deutschen Alltag.

Das Stück ist oft deprimierend: Wenn es um übervolle Windeln geht, um greisenhafte sexuelle Begierden, um kleinkrämerische Schikanen und herrenmenschen-mäßige Bosheit. Sind die Deutschen, fragen wir uns beklommen, die solche Pflegerinnen einstellen, wirklich so fies?

Aber es gibt auch Momente der Annäherung, des Humors: Spazieren, Lachen. Freude am Sinn der Arbeit. Es ist eben auch eine Theaterqualität, den quälend schweren Stoff mit Poesie zu überwölben, ohne ihn zu verharmlosen. Auch das Teppichklopfen oder das Verkriechen unterm Teppich sprechen beklemmend von Zorn und Angst. Das Singen und Tanzen in hübschen Kleidern bebildern anrührend die Sehnsucht.

Wunderbar gelöst ist die Besetzung der Patienten mit drei Geigerinnen. Während die kranken Menschen wie weggetreten erscheinen, ist ihre Musik eine andere Form von Kommunikation: Sie spricht von Agonie, Nervosität, innerem Chaos, Aggression, Besänftigung, Wohlgefühl.

Ein großes Drama ist es natürlich in Wirklichkeit nicht. Es schlägt sich ganz auf die Seite der Perlen. Lässt uns mit deren Aussagen allein. Was bewirkt es? Erschrecken. Scham. Großen Respekt. Das ist nicht wenig. Der Applaus war lang und heftig.

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