Der Techniker in der Theatermaschine

Die Regisseurin Anna Bergmann gibt Max Frischs Roman „Homo Faber“ im Staatstheater Braunschweig Zucker.

Gespenstische Dschungelbilder mit Hans-Werner Leupelt (2. von rechts) als Faber und Sandra Fehmer als Braut Hanna.Foto. Volker Beinhorn

Gespenstische Dschungelbilder mit Hans-Werner Leupelt (2. von rechts) als Faber und Sandra Fehmer als Braut Hanna.Foto. Volker Beinhorn

Braunschweig. Ein Roman ist ein Roman. Das ist natürlich banal. Warum soll ein Roman nicht fürs Theater taugen? Seit vielen Jahren ist das gängige Praxis – zumal, wenn so ein Roman auf dem Lehrplan der Oberstufe steht. Aber diesmal?

Max Frischs Roman „Homo Faber“ ist ein betont sachlicher Bericht aus der Perspektive eines Ingenieurs. Jeglichem Mystizismus, jeglicher Romantik oder Schicksalsgläubigkeit abhold, berichtet Faber, wie er seine amerikanische Freundin Ivy verlässt, seinen Jugendfreund erhängt im Dschungel findet und während einer Schiffsreise das Mädchen Sabeth trifft, von dem er später erfährt, dass es seine Tochter ist.

Er macht der unbeschwerten jungen Frau einen Heiratsantrag, reist mit ihr durch Italien. Sie stirbt infolge eines Sturzes. Faber trifft Hanna, die Mutter seiner Tochter, wieder, die er einst verlassen hat. Ihr gemeinsames Kind wollte er damals nicht haben. Am Ende wird auch Faber sterben.

Der Untertitel „Ein Bericht“ ist natürlich nicht für bare Münze zu nehmen. Denn unter der sachlichen Schale rumoren verdrängte Schuldgefühle, lauert die Panik vor dem Wahn der Welt.

Das ist es wohl, was die Regisseurin Anna Bergmann reizt. Sie bricht die Maske des Ingenieurs auf und fördert Abgründe zutage. Sie gibt dem spröden Text Theaterzucker. Manchmal erhellend. Etwa, wenn Faber zu Beginn in fünf gleich aussehenden Ausfertigungen auftritt, die auf selbstgefällige Weise chorisch sprechen und handeln. Da wird die Uniformität einer Manager-Kaste deutlich, wie sie heute die globalen Flughäfen bevölkert. Erst allmählich kristallisiert sich daraus ein Individuum – zunehmend zweifelnd und zerbrechend verkörpert von Hans-Werner Leupelt.

Oder wenn im Dschungel vor der verwesenden Leiche des Freundes sich ein gespenstischer Nazi-Zombie-Reigen um Faber drängt. Oder wenn beim Wiedertreffen mit Hanna die tote Tochter in Form einer Puppe noch einmal zu jenem Kind wird, das Faber versäumt hat.

Aber es ist des Zuckers entschieden zu viel. Es wirkt alles so aufgemotzt! Die karge Fabel verliert die subtile Doppelbödigkeit des Romantextes. Sie wird zugeballert mit Effekten, verdampft in Regie-Einfällen. Viel Pathos, viel Expressionismus. Zu lang. Ausufernd. Videos, Gesang, runtergerissene Vorhänge, umfallende Palmen. Eine Figur mit Hirschkopf tritt bedeutungsschwanger auf. Und nach einer Weile wieder ab. Ein Kellner springt zweimal über einen Koffer. Dann wirft er ihn um. Die Fahrt durch Italien gerät in einer Art Kinderwagen zur Albernheit mit zwei Pinkelpausen und langwierigem „Felicita“-Geschnulze.

Das unheilvolle Vater-Tochter-Erkennen geschieht zunächst nackt in der Badewanne, dann in Badehose und Badeanzug wie im Freibad. Von der Kuba-Episode bleibt vor allem die hektisch geschwungene Flagge in Erinnerung.

Die Schauspieler sind mit viel Engagement dabei. Bea Brocks als geliebte Tochter Sabeth erweist sich mit ihrer leicht angerauten Stimme als charismatische Sängerin ihres eigenen Sterbens. Nientje Schwabe gibt die amerikanische Freundin mit gewohnt weiblich-wuchtiger Präsenz.

Und am Ende, da gibt es dann nach all dem zerfasernden Theatertheater doch noch einen ergreifenden Moment. Hans-Werner Leupelt als Faber und Sandra Fehmer als Hanna, die schon vorher – als weiße Braut, als schwarze Witwe – durch die Inszenierung gegeistert ist, sitzen vor dem Vorhang. Müde gekämpft, lebensmüde, unendlich erschöpft buchstabieren sie noch einmal die Rudimente ihrer verspielten Liebe, ihres verpfuschten Lebens – aneinander vorbei ins Leere.

In diesem Moment kommt das Theater ganz schlicht und leise zu sich selbst. Doch da ist man von dem Abend schon fast erschlagen. Langer Beifall.

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