Totentanz und Feuerreiter

Braunschweig  Zum Auftakt des Figurentheater-Festivals „Weitblick“ gab es vier furiose Facetten.

Uta Gebert mit ihrer morbiden Anubis-Puppe.Foto.:Jesse Kate Kramer/ Festival Weitblick

Uta Gebert mit ihrer morbiden Anubis-Puppe.Foto.:Jesse Kate Kramer/ Festival Weitblick

Dieses Festival ist eine Liebeserklärung an das Figurentheater. Truppen aus 10 Nationen spielen 30 Vorstellungen in 9 Tagen, alles organisiert vom kleinen Theater Fadenschein. Zum vierten Mal also „Weitblick“, der Nachfolger der internationalen Puppenspielwoche, die 1957 von Harro Siegel ins Leben gerufen wurde. Das Staunen für die Zuschauer jeglichen Alters ist bis heute lebendig geblieben.

So richtete sich auch dieses Festival zunächst an Erwachsene. Der Abend beginnt aus tiefer Schwärze. Allmählich formt sich ein eindringliches Jenseits-Szenario mit einem verrätselten Monolog jener Maskengestalt, mit der die Figurenspielerin Uta Gebert den ägyptischen Richter der Toten, Anubis, imaginiert.

Die unsichtbar geführte Stabpuppe des hundegesichtigen Gottes schwimmt im Nachen ins dunkle Totenreich, wiegt Gut und Böse gegeneinander ab, schwebt, tanzt zu sphärischen Klängen, entkleidet sich, nimmt beschwörend flüsternd Besitz von der Spielerin. Sparsam schafft die Berlinerin eine surreale Welt, deren Stille die Zuschauer kaum durch Beifall aufzubrechen wagen.

Das zweite Stück freilich wirbelt in bester Jahrmarktslaune alle von den Plätzen. Inka Arlt, die sprühende Alleinunterhalterin im barbusigen Kostüm eines frechen Putto hat keine Berührungsängste und fordert jeden zum Mitmachen auf: Schürzenjäger aufgepasst – dem Glück unter den Rock gefasst – fordert sie auf.

Tatsächlich zieht ein Gast aus dem üppigen Ballettröckchen Pop-up-Bücher mit den verrücktesten Bildern und Geschichten, von artig bis schmutzig, schlagfertig, charmant und lachend von ihr kommentiert. „Glückstück“ hat sie ihren fantasiereichen Einfall genannt. Eine umwerfend fröhliche Parodie auf die Suche nach dem Glück.

Die dritte Facette des Abends macht das Glück voll. Ab geht’s in den Keller, wo ein stummer Herr mit großen, sprechenden Augen über eine abstruse Maschinerie verfügt, mit der er die Zuschauer erst blendet, dann aber einen selbstfabrizierten Stummfilm in Bewegung setzt, zugleich ein Bühnenbild auf- und abbaut, Krachgeräusche macht und mit simplen Figürchen eine Liebesgeschichte in Gang bringt, deren Inhalt auf der Leinwand in lapidaren Sätzen erklärt wird.

„L’Aurore“ – der Sonnenaufgang – heißt das Werk von David Gallaire aus Frankreich. In Kleinformat wird die Dreharbeit zum Film von Friedrich W. Murnau aus dem Jahr 1927 verschmitzt nachgestellt, von Klappe und Action-Aufruf begleitet und natürlich alles in Schwarz-Weiss. Das ist Spiel in seiner ursprünglichen ideenreichen, alles verwandelnden Form.

„Phoenix“, ein Feuerspektakel im Museumspark, krönte die Festivaleröffnung. Die Truppe Freaks und Fremde aus Dresden ließen brennende Figuren durch den Nachthimmel tanzen und den Feuervogel aus der Asche lebendig werden.

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