Schlechte Zeiten für gute Menschen

Braunschweig  Michael Thalke brilliert mit Brechts „Sezuan“ am Staatstheater.

Bea Brocks als Shen Te, die den Vetter Shui Ta spielt.

Bea Brocks als Shen Te, die den Vetter Shui Ta spielt.

Foto: Volker Beinhorn

Die Götter swingen. Showtime. Mit strahlendem Lächeln suchen sie die Erde heim auf der Suche nach guten Menschen. Um zu beweisen: man kann auch in dieser Welt gut und glücklich sein. Nach den ersten Auskünften des Wasserverkäufers, der vergeblich ein Quartier für sie sucht, entgleiten schon manchmal die Gesichtszüge, aber noch siegt die Contenance.

Dass es am Ende eine Prostituierte, die liebe Shen Te, ist, die ihnen Obdach gibt, übersehen sie gütig. Ebenso wie Barbara Steiners ruinöse Hochhauslandschaft im Hintergrund. Hauptsache ihre Weltsicht bekommt keinen Knacks. The show must go on.

Michael Thalke, der in Braunschweig schon zwei Opern überzeugend im Showbusiness angesiedelt hat, gelingt auch mit Brechts klassischem Parabelstück vom „Guten Menschen von Sezuan“ ein treffendes Beispiel aufklärerischer Unterhaltung. Wobei ihm Brechts Ideen, durch Masken, Schilder, Rollen- und Geschlechtertausch bloßes mitleidiges Einfühlen zu verhindern, dankbare Vorlagen liefern. Doch trotz manch komischer Effekte wird dabei nichts verulkt, der Konflikt tritt hart und deutlich hervor.

Das Augenmerk der Zuschauer soll auf den Fakten und Situationen liegen, der Fall ist zu analysieren, so will es Brecht, die Menschen dagegen sind austauschbar. Das geht natürlich nie ganz auf, da einem Shen Tes redliches Mühen, auch in widrigen Zeiten Mensch zu bleiben, schon nahegeht. Wenn Bea Brocks in der Titelrolle zusammengekauert wie ein Embryo auf dem Hochzeitstisch liegt, vom Bräutigam verraten und mit Alkohol übergossen, ist das schon ein anrührend trostloses Bild. Hier gewinnt sie tragische Größe, während sie zuvor doch etwas zu sehr den naiven Tonfall pflegt. Wo natürliche Güte einen natürlich direkten Ton verlangte.

Die Gutmütige aber wird ausgenutzt. Von schmarotzenden Bekannten, der neidischen Witwe Shin, sogar dem Flieger, in den sie sich verliebt, der aber seine Karriere für wichtiger nimmt. Verkleidet als strenger Vetter Shui Ta muss sie sich dann immer wieder aus den Nöten der Nächstenliebe befreien. Böse Menschen?

Für Brecht nicht, denn die Verhältnisse, die sind nicht so, dass man gütig sein könnte. Guten wie Bösen aber fehlt das Bewusstsein, dass und wie die Verhältnisse zu ändern sind.

Ohne dies aber geht die Parabel in die Endlosschleife, wie Thalke zeigt, wenn die Schauspieler am Ende die Rollen neu vergeben zur nächsten Runde desselben Stücks. Mit Philipp Grimm als Shen Te könnte man sich das gut vorstellen, ist er als Flieger doch auch eher netter Kerl als verwegen. Wenn sich die beiden unterm Regen umarmen, gönnt die Liebe auch in der Inszenierung dem Sozialkonflikt mal Pause.

Wenn Grimm aber das Lied vom trostreichen Sankt-Nimmerleinstag rausrockt als Hasslied, spürt man endlich die von Brecht gewünschte Rebellion.

Auch das übrige Ensemble besticht durch ständigen Ton-, Gesten- und Kostümwechsel in Mehrfachrollen. So Martina Struppek mit ihrem handfesten Ton als Schmarotzerin, Tobias Beyer als säuselnde Hausbesitzerin, Nientje Schwabe als neugierige Witwe Shin, Raphael Traub als bärmelnder Schreiner und Mathias Bleier als betrogener Wasserverkäufer, auch so ein guter Mensch von Sezuan.

Begeisterter Applaus und Bravos für eine aufrüttelnde Show.

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