Flugreise ins Rossini-Glück

Hannover  Die Staatsoper Hannover spielt „Die Reise nach Reims“ als reizend-komödiantisches Spektakel auf dem Flughafen.

Flughafenpersonal und Mitreisende haben es bei Rossini mit exzentrischen Fluggästen zu tun.

Flughafenpersonal und Mitreisende haben es bei Rossini mit exzentrischen Fluggästen zu tun.

Foto: Jörg Landsberg

Anschnallen, zurücklehnen, genießen: Die Zuschauersitze in der hannoverschen Staatsoper werden für Gioachino Rossinis muntere „Reise nach Reims“ zum Flugzeugsessel, und ab geht die Post in ein ungetrübtes Opern-Vergnügen.

Es verbindet akkurate Modernisierung mit witzig-spritziger Personenführung im Rhythmus von Rossinis mal vorantreibender, mal in kunstvollen Verästelungen auf der Stelle tretender Musik. Da findet Regisseur Matthias Davids immer wieder verblüffende Motivierungen auch für die vertracktesten Koloraturen, wenn man etwa der ohnmächtigen Contessa (Nette Or) zur Wiederbelebung an den Füßen killert.

Martina Hellmann, die früh verstorbene Ausstatterin, hat ein typisches Flughafen-Ambiente auf die Bühne gezaubert, mit Empfangstresen, Sitzecke, Fernsehern und Abflugtafeln. Eine goldene Lilie als Wappen erinnert noch an das gleichnamige Wirtshaus, in dem Rossini 1825 die Reisenden aller Herren Länder auf dem Weg zur Königskrönung nach Reims stranden ließ. Da keine Pferde für die Kutsche zu bekommen sind, ist warten angesagt, und so fangen sie an zu singen.

In Hannover fallen nun eben die Flüge aus, was den Vorwand für dieselben Arien – und manch erotische Kontaktaufnahme bietet. So intensivieren sich die Begegnungen mit der polnischen Marchesa in Mezzo-Koloraturen (Hanna Larissa Naujoks): auch wenn Sung-Keun Park ihren russischen Conte di Libenskof mit etwas einfarbigem Tenor singt und man dem Spanier Don Alvaro in Gestalt des Basses Jin-Ho Yoo die Glut nicht ganz abnimmt. Aber als sie nun doch auf dem Flughafen übernachten müssen, kommt es zu Sex in the Lounge, dem die anderen mehr oder weniger verstohlen, teils durch ein Loch in der Zeitung, teils durch Grünzeug getarnt, zusehen.

Der Altertumsforscher Don Profondo klaut derweil aus sämtlichen Koffern irgendwelche Kuriositäten, die ihn zu herrlichen Satiren über Nationalklischees anregen, auch musikalisch von solchen Nationalstilen geprägt. Frank Schneiders macht daraus eine köstliche Szene mit warmem Bariton. Und der deutsche Baron (Shavleg Armasi) veranstaltet gar ein Musik ist der Trumpf der typischsten Lieder jedes Volkes: Während er „Einigkeit und Recht und Freiheit“ anstimmt, lassen die Franzosen eine Art Chanson hören, der coole Brite aber „God save the Queen“. Tobias Schabel gibt auch in der flötenbegleiteten Arie mit seinem kraftvoll-markanten Bassbariton eine stolze Farbe ins Ensemble.

Auch die Opernsängerin Corinna gehört zu den Gestrandeten. Ihre Arie aus der Flughafenhalle wurde sogar auf den Anzeigetafeln übertragen. Nun muss sie wie die anderen warten und will ein Lied nach deren Wunsch singen: wie zufällig wird eine Arie aus „Il viaggio a Reims“ ausgelost, also die von Rossini hier vorgesehene. Natalie Karl bringt dafür einen lyrisch blühenden, so flexiblen, wie rund und geschmeidig klingenden Sopran mit. Dazu nur mit Harfe begleitet, ein Juwel.

Benjamin Reiners bringt im Übrigen das hannoversche Opernorchester gehörig in Schwung, die Ensembles blitzen. Eine Kultinszenierung.

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