Hassparolen zu Stromgitarren

Braunschweig  Peter Ohlendorf zeigte in Braunschweig die verdeckt gedrehte Doku „Blut muss fließen“ über Nazi-Konzerte. Auch in unserer Region ist die Szene aktiv.

Szenenfoto aus dem Film „Blut muss fließen“. Das Konzertfoto aus einer Braunschweiger Bar, das vorher beim Artikel stand, haben wir auf Bitten des Betreibers entfernt.

Szenenfoto aus dem Film „Blut muss fließen“. Das Konzertfoto aus einer Braunschweiger Bar, das vorher beim Artikel stand, haben wir auf Bitten des Betreibers entfernt.

Anfang Dezember, im Winter des Erschauerns über die Morde der Neonazi-Zelle NSU, traten Udo Lindenberg, Peter Maffay und die Ostrock-Legende Silly vor 50 000 Menschen bei „Rock gegen Rechts“ in Jena auf. Eine Region bezog geschlossen Stellung. Dachte man.

Eine halbe Stunde Fahrt östlich von Jena liegt Gera. In zwei Wochen, am 7. Juli, steigt dort zum zehnten Mal „Rock für Deutschland“, eine „Großkundgebung mit musikalischem Rahmenprogramm“. Da treten Bands wie „Oidoxie“ und „Tätervolk“ auf. Bis zu 10 000 Rechtsradikale werden anreisen. Heißt es im Film „Blut muss fließen“, einer Dokumentation über die Neonazi-Rockszene.

Regisseur Peter Ohlendorf stellte sie gestern im ausverkauften Braunschweiger Universum-Kino vor. Wenige Tage nachdem ein geheimes Rechtsrock-Konzert in einem Braunschweiger Kleingartenverein bekanntgeworden war.

In Gera werden Ordner des Veranstalters NPD mehr oder weniger penibel darauf achten, dass keine verfassungsfeindlichen Parolen ertönen. Bei offiziell angemeldeten Festivals sparen sich die Bands Songtexte wie „Wetzt die langen Messer auf dem Bürgersteig, lasst die Messer flutschen in den Judenleib“.

Bei geheimen Rechtsrock-Events oder Konzerten in Regionen, in denen die Neonazis zum Landschaftsbild gehören, werden sie um so lauter vor- und nachgegröhlt.

Ein Journalist, der sich im Film Thomas Kubahn nennt, hat diese Konzerte über Jahre besucht und heimlich gefilmt. Dutzende Stunden Material sind zusammengekommen, in Industrieruinen und Provinzdiskos in den neuen Bundesländern, in Hinterstuben bayerischer Dorfgaststätten. Verwackelte Bilder mit grauslichem Ton, in jeder Hinsicht.

Man sieht reichlich Kerle und auch Frauen in Szene-Klamotten heiser „Sieg Heil“ skandieren in Momenten der Begeisterung, die sie ob des erbärmlichen Bühnengeschehens übermannt. Da punkrocken Gestalten mit geschwollenen Halsadern zu Zeilen wie „Blut muss fließen, knüppeldick. Ich scheiße auf die Freiheit dieser Judenrepublik.“

Peter Ohlendorf hat die Bilder zusammengeschnitten. Und er kombiniert sie mit Szenen, die die vergeblichen Versuche Kubahns zeigen, Behörden wie das bayerische Innenministerium für seine Recherchen zu interessieren.

Auch das gesamte Filmprojekt sei auf Desinteresse gestoßen, sagt Ohlendorf – bei Fernsehredaktionen, Verleihen und Stiftungen. Man habe null Förderung erhalten und Schulden von rund 200 000 Euro. Seit den NSU-Morden allerdings wachse die Beachtung.

Ohlendorf und Kubahn zeigen, wie die konspirative Anreise mittels Internetverweisen und Handybotschaften funktioniert, die für die Anhänger auch einen Reiz ausmache. In manchen Kommunen sei das aber auch gar nicht nötig, die Treffen würden weitgehend geduldet.

Deutlich unbeschwerter noch als hierzulande können die Neonazis im Ausland rocken, belegt der Film mit Konzertszenen aus England, der Schweiz, Österreich und Italien. Vor allem aber Ungarn sei derzeit ein Dorado für Neonazis aus ganz Europa. Ohlendorf zeigt schaurige, auch irgendwie komische Aufmärsche internationaler Ewiggestriger, darunter viele deutsche Kameradschaften, auf dem Budapester Heldenplatz.

Im Anschluss an die ausverkaufte Filmvorführung berichtete David Janzen vom Braunschweiger Bündnis gegen Rechts über Neonazi-Rock in der Region. Mindestens acht konspirative Konzerte hätten in den vergangenen drei Jahren stattgefunden, vor allem im Raum Peine und Salzgitter.

Ein Veranstalter von Rechtsrock-Festivals in Nienhagen bei Halberstadt, Oliver Malina, habe bis vor kurzem von Salzgitter-Bad aus agiert. In Wolfenbüttel gebe es einen Vertrieb für einschlägige Tonträger und T-Shirts. In letzter Zeit fielen aber vor allem zwei Gruppen aus der Region auf, die „Autonomen Nationalisten Salzgitter-Wolfenbüttel“ und eine „Aktionsgruppe 38“.

Sie stünden für den szenetypischen Trend, dass rechtsextreme Jugendliche Kleidungs- und Musikstile anderer, ursprünglich linker oder unpolitischer Szenen übernähmen und dort um so leichter und offenbar auch erfolgreich Sympathisanten rekrutieren können.

Der Artikel über den Film „Blut muss fließen“ und Rechtsrockkonzerte in unserer Region hat zahlreiche Stellungnahmen ausgelöst. Viele bezogen sich auf ein Foto aus einer Braunschweiger Musikkneipe, das im Mai 2011 beim Konzert einer umstrittenen Band aus Sachsen-Anhalt aufgenommen wurde. Das Foto zeigt mehrere kahlköpfige Personen auf der Bühne, eine zeigt den Hitlergruß. Der Betreiber der Bar bat uns, das Foto zu entfernen. Er habe das Konzert unmittelbar nach diesem Vorfall abgebrochen. Weder er noch sein Personal, das ausländische Wurzeln habe, hätten etwas mit der rechten Szene zu tun. Auf weitere Fragen unserer Zeitung wolle er sich nicht äußern. Das angekündigte Interview muss darum entfallen.

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