Berlin. Die Entwicklungen im Iran besorgen Politiker und Experten. Besonders die Atom-Bestrebungen der Mullahs sorgten bei “Lanz“ für Unruhe.

Die brutalen Bilder von den Protesten im Iran schockieren die ganze Welt. Bei „Markus Lanz“ schildert ein iranischer Bürger, der bei einer friedlichen Demonstration von Soldaten schwer verletzt worden ist, seine Erlebnisse.

„Es wirkt deshalb auch ein bisschen skurril“, meinte Sigmar Gabriel vor einigen Wochen im TV-Talk bei Maischberger, „weil natürlich der Rest der Welt uns gerade fast um die Ohren fliegt und wir diskutieren wie üblich über uns selber.“ Ein Satz, mit dem Markus Lanz den ehemaligen Außenminister am Mittwoch begrüßte, als er in seinem Studio Platz nahm. Doch obwohl dieses mahnende Zitat am Anfang der gestrigen Sendung stand, sprachen die Gäste trotzdem wieder einmal ausführlich über die Fehler der aktuellen Bundesregierung, über Wärmepumpen und über den Umgang mit Entschuldigungen. Erst dann kamen sie zum eigentlichen Kern der Sendung: Iran.

„Markus Lanz“ – Das waren die Gäste:

  • Sigmar Gabriel (SPD-Politiker)
  • Kristina Dunz (Journalistin)
  • Kamran Safiarian (Journalist)
  • Erfan Ramizipour (iran. Oppositioneller)

Der Rückzug der USA aus dem Iran habe kein Vakuum hinterlassen, meinte Gabriel. Stattdessen würden andere Kräfte wie Russland, die Türkei oder China versuchen, dort ihre Position zu sichern. „Die Mächte verschieben sich“, bestätigte auch der „heute journal“-Redakteur Kamran Safiarian. Er ist selbst im Iran geboren und aufwachsen, bis er nach der Islamischen Revolution 1979 in die Bundesrepublik übergesiedelte. So würde Russland Kampfflugzeuge an den Iran liefern wollen und China habe vor, in einer jahrzehntelangen Kooperation 300 bis 400 Milliarden Dollar zu investieren. „Wo bleiben da Amerika und Europa?“ Auch interessant: Deutsches Geld erleichtert IS-Kämpfern die Haft in Syrien

Straßenszene aus Teheran: Die Kopftuchpflicht wird seit Mitte April dieses Jahres strenger von der iranischen Polizei kontrolliert, dabei kommt auch Videoüberwachung zum Einsatz.
Straßenszene aus Teheran: Die Kopftuchpflicht wird seit Mitte April dieses Jahres strenger von der iranischen Polizei kontrolliert, dabei kommt auch Videoüberwachung zum Einsatz. © ---/dpa

Iran-Debatte bei "Markus Lanz": Journalist sieht Teheran so nah an Atombombe wie nie zuvor

Angesichts der neuen Partner, die sich derzeit für den Iran auftun, und der Auswirkungen auf die internationalen Machtverhältnisse sei laut Gabriel eigentlich klar, was zu tun sei. „China versucht seine Möglichkeiten zu verbessern. Was wir falsch machen, ist, dass wir nicht gemeinsam mit den Amerikanern dagegen halten.“ Man sei auf einem guten Weg gewesen, kommentierte Safiarian. Als man sich 2015 auf der Zielgeraden zum Atomdeal befunden habe, hätten viele Firmen vorgehabt, Milliarden zu investieren. Doch dann sei Trump an die Macht gekommen und habe den Deal gekündigt. Ein Schritt, den der Journalist als äußerst gefährlich einschätzte: „Jetzt haben wir den Iran so nah an der Bombe wie noch nie zuvor.“

Es sei sogar noch schlimmer, befand Sigmar Gabriel. Trump habe ein klares Signal an den Iran gesendet: Erst kündigte er den Atomdeal auf, danach stattete er Nordkorea einen Besuch ab. Die Botschaft nach Teheran: „Wenn du die Bombe hast, dann kommt Trump und schließt Freundschaft mit dir. Wenn du sie nicht hast, drohen dir Sanktionen.“ Zwar habe Europa versucht, das Abkommen zu retten, sagte Gabriel. „Wir haben alles versucht, um das größte Risiko, nämlich nukleare Entwicklungen, die zu einem Nuklearkrieg in unmittelbarer Nachbarschaft führen könnten, zu verhindern. Dafür haben wir mit dem Iran verhandelt.“

Trotz weltweiter Proteste - die Hinrichtungen im Iran gehen weiter.
Trotz weltweiter Proteste - die Hinrichtungen im Iran gehen weiter. © Jonas Walzberg/dpa

Gleichzeitig müsse man jedoch beachten, dass am Handel mit iranischen Firmen vor allem die iranische Revolutionsgarde mitverdiene, betonte der ZDF-Journalist Safiarian. Die Revolutionsgarde spiele eine Schlüsselrolle bei der gewaltsamen Unterdrückung der aktuellen Protestaktionen und habe dabei auch zahlreiche Menschenrechtsverletzungen begangen. Menschenrechtsaktivisten und einige Politiker fordern die EU seit Längerem auf, die Revolutionsgarde als Terrororganisation einzustufen.

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Iran als Thema bei "Markus Lanz": Junger Mann berichtet von der Brutalität des Systems

Neben Safiarian sitzt ein junger Mann, der am eigenen Leib erfahren musste, wie brutal das Regime und die iranische Revolutionsgarde gegen die Proteste vorgeht. Sein rechtes Auge wird von einer weißen Augenbinde verdeckt. Mit brüchiger Stimme erzählt Erfan Ramizipour, wie er im März vergangenen Jahres mit Freunden und Freundinnen an einer friedlichen Demonstration gegen das Mullah-Regime im iranischen Bandar Abbas teilgenommen habe, bis er von 25 Schrottkugeln getroffen wurde.

Er erzählt, dass die iranischen Sicherheitskräfte dabei gezielt auf die Augen der jungen Menschen gezielt hätten, um sie zu „markieren“. Wegen des Augenpflasters sei er auf der Straße sofort als Regimegegner erkannt worden. Er entging nur knapp einer Verhaftung und floh nach Deutschland, wo er seitdem in einer Geflüchtetenunterkunft in Hessen lebt.

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Besonders eindrücklich sind auch die Berichte von der Solidarität unter den Bürgern. Ramizipour berichtete, dass rund um die Demonstrationen sämtliche Eingangstüren offen gehalten würden, damit verletzte Menschen sofort auf dem Sichtfeld der Garde fliehen und Verwundete versorgt werden könnten. „Die Menschen können nicht in ein Krankenhaus“, sagte Safiarian. Die Mediziner hätten die Anweisung, Verletzte nicht zu versorgen.

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