Im Braunschweiger Lok-Park wird El Kurdis neues Stück geprobt

Braunschweig.  Das Kindertheater des Staatstheaters Braunschweig spielt für zwei Jahre im Lok-Park – als Erstes die Uraufführung von El Kurdis „Clevergirl“.

Jörg Wesemüller (Staatstheater, links), Carsten Müller-Deutschmann (Verkehrsfreunde, Mitte) und Autor Hartmut El Kurdi im Lok-Park.

Jörg Wesemüller (Staatstheater, links), Carsten Müller-Deutschmann (Verkehrsfreunde, Mitte) und Autor Hartmut El Kurdi im Lok-Park.

Foto: Andreas Berger

An sich ist ja die ganze Anlage der Braunschweiger Verkehrsfreunde im Lok-Park hinterm Hauptbahnhof ein großer Spielplatz für Erwachsene: Da stehen alte Waggons draußen auf den Gleisen, die um die Halle führen, drinnen warten kohlschwarze Dampfloks und gepolsterte Mitropawagen. Als wären Miniatureisenbahnträume Wirklichkeit geworden.

Ab Sonntag dürfen sich hier zwei Jahre lang Kinder tummeln, denn das Kinder- und Jugendtheater des Staatstheaters hat im Lok-Park seine Interimsspielstätte eingerichtet, bevor es hoffentlich pünktlich die neuen eigenen Räume in der Husarenkaserne beziehen kann. Es wird also ein einziger großer Theaterspielplatz, so wie das Projekt in seinen Anfangsjahren unter Thomas Lang mal hieß. Eröffnet wird mit der Uraufführung von Hartmut El Kurdis „Clevergirl“, einem Mutmachstück mit viel angesagter Musik und witzigen Dialogen, so der Probeneindruck. Die Prophezeiung fällt nicht schwer: Die Kids werden Stück und Spielort lieben.

Waggons als Raumteiler und Garderoben

Theater im Lok-Park hat natürlich schon eine Vorgeschichte: Christian Eitner und Peter Schanz waren hier schon sommers mit ihren Braunschweig-Revuen zu Gast. „Wir sind inzwischen von der Stadt als Kulturort anerkannt, werden auch in der neuen Bahnstadt eine Rolle spielen“, erklärt Pressesprecher Carsten Müller-Deutschmann. Sie haben sich selbst dem Staatstheater als Spielort angeboten, als sie in der Zeitung von dem gekündigten Vertrag im Magniviertel gelesen hatten.

Jörg Wesemüller, Leiter des Jungen Staatstheaters, war sofort begeistert. „Der Ort hat einfach viel, was Kinder spannend finden“, sagt er. Eingebaut wurde eine Guckkastenbühne, deren Tribüne sich bei der gelegentlichen Weiternutzung des Raums durch Konzerte aber wegrollen lässt. Bewusst werden Waggons als sichtbarer Raumteiler genutzt, drinnen sind Maske und Garderoben für die Schauspieler untergebracht. Es gibt eine frei gestaltbare Spielfläche dahinter, die sonst das Besucher-Foyer sein kann. Stücke, die auf Ort und Geschichte, Technik und Reisen eingehen, könnten noch entstehen. „Wir wussten ja vor einem Jahr noch nicht, dass wir hier landen. Jetzt finden wir das alles sehr inspirierend“, so Wesemüller.

Angstmän und Clevergirl im Kampf gegen Rollenklischees

Zur Eröffnung haben sie ein Stück mitgebracht, das schon im Corona-Mai hätte herauskommen sollen: Hartmut El Kurdis „Clevergirl“, eine Fortschreibung seines Erfolgsstücks „Angstmän“, das an die 60 Theater gespielt haben. „Das Junge Staatstheater wollte gern ein neues Stück von mir haben“, erzählt der langjährige Braunschweiger, der jetzt in Hannover lebt. „Das hätte genau 20 Jahre nach ,Angstmän’ am selben Ort, dem Theaterspielplatz, Premiere gehabt. Deshalb habe ich dann doch eine Fortsetzung geschrieben, wie sie schon früher oft vom Verlag und von Theatern angefragt worden war.“

Angstmän, der gelernt hat zu seinen Ängsten zu stehen und trotzdem sein Leben zu meistern, ist also wieder dabei. Gemäß dem Thema Gendervielfalt, das den Spielplan des Jungen Staatstheaters vergangene Saison bestimmte, hat er nun eine sehr selbständige Schwester, eben Clevergirl, und beide fügen sich auch sonst so gar nicht den Geschlechterklischees. Angstmän mag Röcke tragen und tanzen und will trotzdem ein Junge sein. Und Clevergirl startet eine Heldinnenkarriere. „Wir brauchen einfach mehr Schattierungen in Genderfragen“, resümiert Wesemüller.

Und El Kurdi betont: „Der Markt setzt zurzeit wieder auf konservative Rollenmodelle, da gibt es tatsächlich Überraschungseier extra für Jungs und für Mädchen. Selbst auf dem Buchmarkt wird nach Piratengeschichten für Jungs und Prinzessinnenmärchen für Mädchen getrennt. Ich möchte Geschichten schreiben, die für Mädchen und Jungs gleichermaßen interessant sind, und auf dem Theater Kinder zeigen, die klaren Rollenzuschreibungen widersprechen, einfach als Angebot, als Option, wie man sein kann.“

In der Familie muss man sich alles sagen können

Nun gibt es in seinem Stück die Gegenposition, die den Kindern das verwehren würde, nicht. Und die Realität ist wohl noch immer die, dass Jungs in Röcken schwerer Spielkameraden finden dürften. „Um so wichtiger ist doch, dass Angstmän und Clevergirl und ihr Vater eine Familie bilden, in der man sich alles sagen darf und zusammenhält“, findet Wesemüller, dazu wären doch Familien da.

„Man könnte die Geschichte auch tragisch erzählen, aber das ist nicht so mein Genre“, sagt El Kurdi. „Ich will die Komödie, ich will den Gegenentwurf: zwei Kinder, die sich was trauen und anderen den Weg aufzeigen. Empowerment nennt man das wohl neudeutsch. Und das kann Kunst leisten, eine Verunsicherung von Rollenmustern und Gewissheiten auf positive Art.“

El Kurdi denkt dabei an seine Schulzeit, als jede Unterrichtsstunde alles in Frage stellte, was er als Zeuge Jehovas gelernt hatte. „Aber so können sich Fenster öffnen – und vielleicht auch Türen, durch die man durchgehen kann.“

Premiere am Sonntag, 13. September, 16 Uhr. Karten: (0531) 1234567.

„Andampfen“ der Verkehrsfreunde und des Jungen Staatstheaters mit historischem Zug vom Hauptbahnhof zum Lok-Park und „Abdampfen“ der Parkeisenbahn am Sonntag, 20. September. Infos: www.vbv-bs.de

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