Heike Makatsch: Udo Jürgens’ Image mochte ich nicht

Die Schauspielerin spricht über das Film-Musical „Ich war noch niemals in New York“, über Schlager und ihre Lieblingsmusik.

Heike Makatsch (48) wurde in den 90er Jahren als Viva-Moderatorin bekannt. Dann machte sie Karriere als Schauspielerin. Nun mischt sie mit im Musical-Film „Ich war noch niemals in New York“.

Heike Makatsch (48) wurde in den 90er Jahren als Viva-Moderatorin bekannt. Dann machte sie Karriere als Schauspielerin. Nun mischt sie mit im Musical-Film „Ich war noch niemals in New York“.

Foto: Jörg Carstensen / picture alliance/dpa

Heike Makatsch ist nicht unbedingt die erste Wahl für eine Musical-Verfilmung. Und Udo Jürgens ist nicht unbedingt der Musikgeschmack der Schauspielerin. Und doch wollte sie unbedingt mitmachen, als sie hörte, dass das Udo-Jürgens-Musical „Ich war noch niemals in New York“ verfilmt wird. Die Musik-Komödie kommt am 17. Oktober ins Kino. Unsere Zeitung zeigt sie exklusiv bereits heute Abend anlässlich der Eröffnung des Astor-Kinos in Braunschweig – die Veranstaltung ist ausverkauft. Wir sprachen mit Heike Makatsch (48) über ihre Lieblingsmusik und eigene Versuche als Sängerin.

Warum gibt es eigentlich so wenige deutsche Filmmusicals?

Ich weiß nicht. Ein Musical schüttelt man nicht einfach aus dem Ärmel. Und so ein großartiges Liedgut wie das, an dem wir uns bedienen konnten, gibt es auch nicht an allen Ecken. Ein Musical kann auch schnell abrutschen. Musicals bergen ja auch Gefahren: des Kitsches, des Schmalzes, des Bombasts. Bis dahin, dass man sich fragt, wieso fängt der denn jetzt so unvermittelt an zu singen? Und wo positioniert man das Ganze? Regisseur Philipp Stölzl hat dafür eine Kunstwelt erschaffen. Genau das braucht es wohl, aber auch die muss man erst mal glaubwürdig vermitteln.

Was war denn Ihre erste spontane Idee, als Sie das Angebot bekamen? In einem Musical haben Sie ja noch nie mitgespielt.

Ich war sofort begeistert. Ich wollte gleich wissen, wie viele Kolleginnen noch gecastet werden. Ob ich da Chancen habe. Denn ich liebe Musicals. Ich liebe diese überhöhte Form der Emotionalität. Doch, mir war gleich klar, du willst das machen. Und mit der Einstellung bin ich dann auch ins Casting reingewalzt. Und hatte Glück.

Jetzt fragt Sie bestimmt jeder: Wie ist denn Ihr Verhältnis zum Schlager im Allgemeinen? Und zu Udo Jürgens im Besonderen?

Na ja, meine Generation konnte mit dem Schlager ja nicht so viel anfangen. Auch wenn immer gesagt wird, Udo Jürgens ist kein Schlager, das ist Chanson. Trotzdem muss ich sagen, was Udo Jürgens als Image mitbrachte, war nicht meins. Das hat mir den Weg zu seiner Musik auch bestimmt verbaut. Nun wurde das ganze Œuvre für den Film neu arrangiert – und mit der frischen Produktion kann ich den Wert der Melodien, die uns ja alle eingeschrieben sind, und der Texte, die tatsächlich Tiefe haben, viel mehr erkennen.

Und hat das Ihre Einstellung zu Udo Jürgens nachträglich geändert?

Auf jeden Fall sind mein Respekt und meine Wertschätzung gestiegen. Ich sehe jetzt mehr den Künstler als den Schlagersänger.

Haben Sie jetzt Lieblingslieder von Jürgens? Vielleicht auch erst durch diese Arbeit?

Ja. Ein Lied wie „Illusionen“ etwa kannte ich gar nicht. Und wenn Uwe Ochsenknecht „Und immer, immer wieder geht die Sonne auf“ singt und mit Katharina Thalbach über den Tresen tanzt, das ist so schön, da geht mir wirklich das Herz auf. „17 Jahr, blondes Haar“ höre ich sogar gern von Udo, es hat so einen flirrenden Sex-Appeal. Es gibt da einiges zu entdecken.

Was ist denn eigentlich so Ihre Musik?

Ich höre seit 40 Jahren gefühlt immer das Gleiche. Das ist immer alte Musik, Soul, Beat und Pop aus den 60ern, 70ern. Diese megaproduzierten Sachen von heute, das kickt mich nicht so richtig. Ich kriege diese Musik schon mit, ich habe zu Hause ja eine Generation, die nachwächst. Aber ich habe immer schon Sachen gehört, die älter waren als ich. Auch als ich in den 80ern ins Teenie-Alter kam. Ich habe eben nicht A-ha gehört, sondern die Beatles.

Schon in Ihrem ersten Film „Männerpension“ haben Sie gesungen: „Stand By Your Man“. Mussten Sie das eigentlich absichtlich so schräg singen …?

Nee, besser hab ich’s nicht hingekriegt (lacht). Man muss schon verstehen, dass Gesang im Film immer aus den Figuren heraus funktioniert, also vom Schauspiel getragen wird und nicht von einer glasklaren Sängerstimme. Aber da ich Musik und Gesang liebe, bin ich sehr froh, dass ich als Schauspielerin die Möglichkeit bekomme, diese Seite von mir auszuleben. Es sind andere Kriterien anzulegen, wenn ich aus der Figur heraus singe, als wenn ich das Leben einer 1-A-Sängerin darstelle.

Obwohl Sie das im Hilde-Knef-Film „Hilde“ ja auch gemacht haben. Und dort sehr beeindruckend die Knef-Lieder interpretiert haben.

Da habe ich auch sehr viel Zeit und Energie investiert. Und ich hatte große Hilfe von vielen: eine tolle Gesangslehrerin, ein Produzent, der stundenlang mit mir die Aufnahmen wiederholte. Wir hatten ein riesiges Orchester. Da kommt alles zusammen, damit Film am Ende das sein kann, was ihn so groß und besonders macht – Illusion. Letztens habe ich das „Hilde“-Album zufälligerweise noch mal gehört und war selbst erstaunt, wie gut es geworden ist.

Nicht nur Ihre Hilde-Lieder sind als Album erschienen, Sie haben auch schon Kinderlieder aufgenommen. Würde es Sie nicht reizen, auch einmal ein Album mit den eigenen Lieblingsliedern aufzunehmen?

Na, das habe ich ja mit den Kinderliedern gemacht. Alles Weitere verschiebe ich mal lieber aufs Altenteil, da kann ich dann noch mal in Ruhe darüber nachdenken. Ich finde es ganz gut, mich in diesem Metier nicht so aus dem Fenster zu lehnen. Ich bin schon ganz froh über all das, was mir da so alles an Spielwiese geschenkt wurde.

Haben Sie zu viel Ehrfurcht vor Musikern? Musik war bei Ihrer Karriere ja von Anfang an dabei, als Moderatorin bei Viva. Wie sind Sie da überhaupt hingekommen? Sie hatten ja eigentlich eine Schneider-Lehre gemacht.

Erst habe ich studiert. Meine Lehre habe ich erst begonnen, als ich merkte, dass ich meinen wilden Lebensstil ein bisschen bändigen musste. Währenddessen habe ich mich aus Spaß, weil es eine Ausschreibung gab, bei MTV beworben. Da kam ich sogar relativ weit, war dann aber bei den Testaufnahmen in London so aufgeregt, dass ich wie erstarrt war. Daraus wurde dann nichts, aber Viva wurde dadurch auf mich aufmerksam und lud mich zu einem Casting ein. Ein deutscher Musiksender, von dem man noch nicht wusste, was daraus werden könnte, das schüchterte mich nicht ein, da konnte ich viel entspannter auftreten. Und so nahm das alles seinen Lauf. Am Ende hat mich Detlev Buck als Schauspielerin entdeckt. Und dann hatte ich Glück, dass „Männerpension“ in einer Zeit, als deutsche Filme im Kino nicht so erfolgreich waren, sehr erfolgreich war.

Sie galten damals als Girlie der Nation. Hat Ihnen das solche Quereinstiege ermöglicht? Oder war das auch eine Bürde, eine Schublade, aus der man sich befreien musste?

Es war natürlich beides. Es wäre vermessen, mich darüber zu beschweren. Dadurch wurde mir eine Aufmerksamkeit zuteil, die mir vielleicht erst „Männerpension“ möglich gemacht hat. Aber natürlich hatte ich dieses Attribut nicht selbst gewählt, irgendwann reichte es mir auch. Mich beschlich zusätzlich die Sorge, dass es mir der Stempel des ,Girlie‘ erschwerte, mich weiterzuentwickeln. Ich habe damals viele Projekte abgesagt, die immer nur das Image untermauert hätten. So konnte ich mich da rauskämpfen. Irgendwann stellte sich dann auch eine Art Trotz ein, ich wollte einfach nicht dem entsprechen, was andere über mich stülpen wollten. Im Erfüllen eines Bildes, dem ich nichts abgewinnen konnte, weil es so fantasielos und künstlich hergestellt war, habe ich mich nicht wohlgefühlt. Tatsächlich hat sich da bis heute nichts geändert.

Verzeihen Sie, wenn ich mit den ollen Kamellen komme. Aber in „Ich war noch niemals in New York“ spielen Sie immerhin eine TV-Moderatorin, die merkt, dass sie ein falsches Leben lebt. Da fragt man sich schon, ob diese Parallele eine Rolle spielte, als man Sie besetzte.

Die Figur der Lisa ist mir nicht fremd. Und auch das Wissen darüber, dass das Leben in der Öffentlichkeit Schattenseiten wie Einsamkeit oder Begegnungsarmut mit sich bringen kann. Nicht, dass ich selbst darunter leiden würde. Ich habe im Gegensatz zu dieser Figur ja meine Familie, mein Umfeld. Aber dass man abgeschnitten ist von zufälligen und alltäglichen Begegnungen, das ist manchmal so. Dafür kann keiner was, aber das entwickelt sich dahin. Da steht man manchmal allein da, ohne es zu wollen. Das kann ich nachvollziehen, das konnte ich in die Figur auch einbringen.

Könnte Heike Makatsch denn auf Kreuzfahrt gehen? Oder ginge das gar nicht, weil Sie ständig Leute angaffen würden?

Dieses Problem habe ich überhaupt nicht. Ich kann überall hingehen. Ich werde selten angesprochen. Ich habe auch nie das Gefühl, da bedrängt zu werden. Ich habe aber, das meinte ich ja eben, so gewisse Scheuklappen. Die dann dazu führen, diese Begegnungen gar nicht erst zuzulassen.

Die einzige Krux von „Ich war noch niemals in New York“ ist ja die, dass das Musical auf einem Kreuzfahrtschiff spielt. Die Dampfer sind spätestens seit der Fridays-for-Future-Bewegung die großen ökologischen No-Gos. Kommt der Film damit zur falschen Zeit?

Glücklicherweise stand unser Kreuzfahrtschiff in einem Studio. Wir haben nicht einen Liter Benzin verbraucht oder ein Quäntchen Müll ins Meer gekippt.

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