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Ein Museumsbesuch und seine Folge

Ich bin echt beeindruckt von dieser Braunschweiger Sonderschau durch vier Jahrhunderte Druckgrafik.

Immer, wenn ich in mein Büro gehe, komme ich an einem mit Fotobepperln befestigten Holzschnitt vorbei. Gern betrachte ich das Bild, auf dem ein schmales Boot mit drei Ruderern einen See durchquert. Ungleichmäßig gezogene Holzschnittspuren schmiegen sich aneinander und ergeben eine ruhige Wasseroberfläche, nur durchbrochen von drei zarten Wellen. Für mich ist nicht das Boot der Hingucker, sondern die einfach, aber wirkungsvoll linierte Wasseroberfläche, die in einen etwas unruhigen Himmel übergeht. Das Motiv beruhigt mich jedes Mal, bevor es an die Arbeit geht. So weit die Vorgeschichte.

Am letzten Tag vor dem Lockdown wollten mein Mann und ich „noch mal was erleben“ und machten uns ins Städtische Museum auf. Dort wird – zurzeit ohne Publikum – die Ausstellung „Von Rembrandt bis Baselitz. Meisterwerke der Druckgraphik aus der Sammlung des Städtischen Museums Braunschweig“ gezeigt. Wir sind erstaunt, regelrecht begeistert, wie viele Werke das Städtische Museum über Jahrzehnte gesammelt hat – und uns Braunschweigern nun in Ausschnitten präsentiert. Es sind feinste Lithografien beispielsweise von Rembrandt und anderen Künstler*innen zu sehen, deren Namen sich wie die Ausstellungskataloge renommierter Museen lesen: Egon Schieles Akt trifft Johannes Grützkes Selbstportrait, wir stehen vor den großformatigen Amerikabildern unseres Braunschweigers Gerd Winner und Käthe Kollwitz, Ludwig Kirchner sowie Georg Baselitz geben sich ein Stelldichein. Gerhard Richters Alpen-Siebdrucke kontrastieren mit Walter Dexels Charakterköpfen. Über 50.000 Blätter hat die „Graphische Sammlung“ zu bieten! Radierungen von Max Beckmann, Pablo Picasso und Alberto Giacometti, Lithografien von Marc Chagall oder Georges Braque zählen zu den gezeigten Schätzen, viele von ihnen waren selten, einige noch nie zu sehen.

Ich bin echt beeindruckt von dieser Braunschweiger Sonderschau durch vier Jahrhunderte Druckgrafik. Nicht auszumalen, dass diese Werke bisher ein trauriges Dasein in dunklen Kellern fristeten. Und man fragt sich, was es da noch alles zu entdecken geben könnte! Besonders erfreute mich ein ganz spezieller Künstler, nämlich Gerhard Marcks (1889‒1981). Von ihm werden zwei Blätter gezeigt: Holzschnitte auf Japanpapier aus den Fünfzigern. Vor dem quadratischen Blatt „Wintermond“ bleibe ich länger stehen.

Diese handgezogenen Linien des Himmels, das angedeutete flimmernde Meer – irgendetwas regt sich in mir, kommt mir seltsam bekannt vor. Bevor ich aber weiter grübele, an wen oder was mich die Darstellung erinnert, stellt sich mir Marcks´ Statue „Stehende“ von 1960 in den Weg. Warm beleuchtet steht das schlanke Mädchen entspannt da. Das Spielbein hat sie eher schüchtern nach hinten gesetzt, wobei sie sich scheinbar nachdenklich, auf sich selbst besinnend, ins kurze Haar greift. Gerhard Marcks. Ich kenne viele Werke des Bauhaus-Lehrers: zum Beispiel die bekannten Bremer Stadtmusikanten von 1952 in selbiger Hansestadt. Wie viele Tausend Touristen habe auch ich die Nase des Esels gestreichelt.

Doch nicht nur in Bremen ist Marcks prominent platziert – überall in Deutschland stehen seine Plastiken in und vor Museen, in öffentlichen Gebäuden und Parks. So auch in Braunschweig. Angeregt durch die Begegnung mit Marcks in der Ausstellung besuchen wir die „Thüringer Venus“ im Museumspark. Anders als das Mädchen im Städtischen Museum ist diese Frau nicht ganz idealtypisch geformt, sie wurde deshalb auch schon als „Venus von Kilo“ tituliert. Seit 2007 begrüßt sie Parkbesucher mit freundlichem, ein wenig bäuerlichem Gesicht und offeriert uns ein Geschenk: einen Apfel.

Die 90 Jahre auf ihrem Buckel sieht man ihr gar nicht an – und doch erlebte bis dato einige Standortwechsel. Entstanden ist sie 1930 auf der Burg Gibichenstein, an deren Kunstgewerbeschule Gerhard Marcks ab 1928 Direktor in Vertretung war. Seit 1981 durfte sie im Schlosspark ihren Apfel anbieten – bis sie 2005 wegen des Neubaus der Schloss-Arkaden und der Eliminierung des Schlossparks weichen musste und im Städtischen Bauhof für zwei Jahre eine neue Bleibe fand.

Wir verlassen den Park, nicht ohne den Apfel getätschelt zu haben, so wie ich in Bremen die Eselsschnauze streichelte. Etwas stolz, dass Braunschweig eines der wichtigsten „Reifewerke“ des Künstlers besitzt, das oft in einem Atemzug mit seinem Erschaffer Gerhard Marcks genannt wird, gehen wir nach Hause.

Vor meiner Bürotür, vor dem Boot mit den Ruderern, fällt es mir dann wie Schuppen von den Augen. Dieses „Das kenne-ich-doch-irgendwoher-Gefühl“ im Museum wird zur Gewissheit. Ein Blick auf die rechte Bildecke genügt: Ich bin im Besitz eines echten Gerhard Marcks! Mein 29. Druck von 50 Exemplaren bekommt gleich nächste Woche einen gebührenden Rahmen.

Bärbel Mäkeler, 1957 in Stuttgart geboren, ist Autorin, Lektorin und Germanistin. Sie lebt seit 1975 in Braunschweig und widmet sich in ihrer Kolumne den besonderen Dingen des Alltags.

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