Mir ist wichtig, dass es nicht eine richtige Sichtweise gibt

Ich habe mich an ein Buch erinnert, das ich das erste Mal gelesen habe, als ich 16 oder 17 Jahre alt war. Es ist „Die Pest“ von Albert Camus.

Beim Nacharbeiten von Zeitungen – man schafft ja nicht immer alles in der Woche, in der es kommt – begegnete mir ein Artikel von Sigmar Gabriel. Er hat in „Die Zeit“ vom 30. Juli 2020 einen Nachruf auf Hans-Jochen Vogel geschrieben. Er bekennt sich zu einem wie Hans-Jochen Vogel als Vorbild und beschreibt sehr klar und wahrhaftig, wie dessen Reform des Scheidungsrechts ganz persönlich seiner Mutter und damit auch ihren Kindern geholfen hat.

Auch in meinem Leben ist diese Reform mit biographischen Einschnitten verknüpft. Sie fiel in Vogels Zeit als Justizminister ab 1974 im Kabinett von Helmut Schmidt. Aber darum soll es jetzt nicht gehen. Sigmar Gabriel nennt Vogel einen Menschenfreund, obwohl oder weil ihm ein unglaubliches Pflichtgefühl zu eigen war. „Nichts unbeantwortet zu lassen, jedem ohne Ansehen von Person, Stellung oder Herkunft Rede und vor allem Antwort zu stehen war für Hans-Jochen Vogel keine Bürde oder gar Attitude, sondern schlichte Selbstverständlichkeit im Umgang mit Menschen. Dass ihn manche von denen, die er gelegentlich ,mit verstärkter Höflichkeit` an diese Selbstverständlichkeit erinnerte, als Oberlehrer bezeichneten, hat immer mehr über deren eigene Nachlässigkeit und Gedankenlosigkeit ausgedrückt als über Hans-Jochen Vogels Charakter.“

Diese Beschreibung ist wichtig. Denn im nächsten Schritt müssen wir uns den Minister vorstellen, der mit dem Kanzler Schmidt die Entscheidung trifft, der Erpressung der RAF nicht nachzugeben, obwohl diese Entscheidung vielleicht ein Menschenleben kostet. Sie hat ein Menschenleben gekostet: das Leben des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer. Wie wird Hans-Jochen Vogel der Familie von Hanns-Martin Schleyer nach diesem brutalen Mord Rede und Antwort gestanden haben?Dieser Nachruf geht mir nach. Und das hat mit unseren Zeiten zu tun. Nein, ich will nicht im Entferntesten diesen Terror und dieses Leid mit irgendetwas vergleichen, was wir, erst recht wir in Deutschland, heute in der Pandemie durchleben. Und doch gibt es etwas, das gerade jetzt das Nachdenken lohnt. Ich habe mich an ein Buch erinnert, das ich das erste Mal gelesen habe, als ich 16 oder 17 Jahre alt war. Es ist „Die Pest“ von Albert Camus, dem berühmten französischen Schriftsteller. Ich weiß, dass nicht nur ich, sondern viele sich in den Pandemiezeiten wieder an dieses Buch erinnern, auch wenn Camus die Erzählung nach dem Untergang der nationalsozialistischen Diktatur geschrieben hat. Worum geht es? In einer französischen Stadt in Algerien bricht in den 40er Jahren wie aus dem Nichts die Pest aus. Sie dauert von einem Frühjahr bis zum nächsten Jahresanfang. Der Arzt Rieux ist einer, der sehr früh klar sieht und weiß, dass man drastische Maßnahmen ergreifen muss. Das betrifft die radikale Isolation der Kranken, oft gegen den Willen ihrer Familien, und die Quarantäne für die Kontaktpersonen. Und das betrifft die Abriegelung der Stadt. Keiner kommt mehr raus, keiner kommt mehr rein. Und das in Zeiten quasi ohne Telefon, der Briefverkehr ist total eingeschränkt und Internet gibt es natürlich nicht. Tatsächlich gibt es keinen Kontakt mehr zwischen denen, die drinnen sind, mit denen draußen.

Und nun müsste ich den Arzt Rieux erst einmal als Menschenfreund beschreiben, wie Sigmar Gabriel das für Hans-Jochen Vogel getan hat. Denn das ist er, ein zutiefst menschlicher Mensch, ein menschlicher Arzt. Ein Menschenfreund, der weiß, dass er diese Maßnahmen einfach durchziehen muss, obwohl auch seine Frau draußen schwerkrank in einem Sanatorium von ihm getrennt ist. Selbstverständlich versuchen Menschen aus der Stadt herauszukommen. Einer ist der Journalist Rambert, den es ganz zufällig wegen der Arbeit hierher verschlagen hat und der unbedingt zu seiner geliebten Frau zurückwill. Er möchte von dem Arzt ein Attest, das ihm die Ausreise ermöglicht. Der Arzt lehnt ab. „Der andere regte sich auf: „Es ist eine Frage der Menschlichkeit… Vielleicht können Sie sich nicht vorstellen, was eine Trennung wie diese für zwei Menschen bedeutet, die sich gut verstehen.“ Rieux antwortete nicht gleich. Dann sagte er, er glaube, er könne es sich vorstellen. Er wünsche mit aller Kraft, dass Rambert seine Frau wiedersehe und dass alle, die sich liebten, wieder vereint würden, aber es gebe Verfügungen und Gesetzte, es gebe die Pest, und seine Rolle sei es, das Nötige zu tun. „Nein“, sagte Rambert bitter, „Sie können es nicht verstehen. Sie sprechen die Sprache der Vernunft, Sie sind in der Abstraktion…. Gleich werden Sie vom Dienst am Gemeinwohl sprechen. Aber das öffentlich Wohl besteht aus dem Glück jedes Einzelnen.“ (Alber Camus: Die Pest. 97. Aufl. August 2020, S. 100f.)

Und da ist er, der Konflikt, der uns genauso bei unseren Fragen umtreibt. Er muss auch Helmut Schmidt und Hans-Jochen Vogel 1977 umgetrieben haben. Immer geht es darum, ob wir auf einen Menschen schauen, sozusagen in ein Gesicht, oder auf die Gruppe, den Staat, die Menschheit. Es gibt kein Glück, das nicht das Glück eines einzelnen Menschen ist. Und es gibt auch keine Not, die nicht die Not eines einzelnen ganz konkreten Menschen ist. Wenn ich mir die Not eines Kindes auf der Flucht vor Hunger oder einem dieser verdammten Kriege und Terroraktionen auf der Welt vor Augen führe, dann kann ich nichts anderes denken, als dass man für dieses Kind ein besseres Leben ermöglichen muss. Wenn ich dann meinen Blick vom Einzelnen weg auf alles Flüchtlingselend der Welt richte, weiß ich, dass unsere Politiker und Politikerinnen nicht sagen können: Deutschlands Grenzen sind offen, wir nehmen alle Menschen aus solcher Not bei uns auf. Jetzt können Sie wie Rambert antworten: das ist die pure Abstraktion. Das Leben aber ist immer konkret. Es ist mein Leben, es ist dein Leben. Es ist eben nichts Allgemeines, Leben ist immer persönlich. Alles andere ist Ausrede.

Und jetzt schalte ich einige Stufen runter auf unsere Probleme in dieser Pandemie. Da ist die Konkretion: Der einzelne alte Mensch ist isoliert in seinem Heim. Der einzelne Selbstständige geht zugrunde mit seinem kleinen Theaterprojekt, seinem Einzelhandel oder die Wirtin mit ihrer kleinen Kneipe. Und da ist die Abstraktion: Nur der Lock-down, partiell oder generell, ermöglicht die Beherrschung der Pandemie und rettet damit Leben. Nur strikte Regeln ermöglichen uns, die Sicherheit zu schaffen, dass für jeden Schwerstkranken ein Intensivbett mit Beatmungsgerät da ist. Und wieder lautet die Frage: Welche Perspektive ist die richtige?Ich bin sicher, dass Sie von mir nicht die gültige Antwort auf diese Frage erwarten. Und ich kann sie Ihnen auch nicht geben. Ich kann Ihnen nur sagen, was für mich wichtig ist. Mir ist wichtig, dass es nicht eine richtige Sichtweise gibt. Mir ist wichtig, dass man beide Perspektiven offen und öffentlich sagen und diskutieren kann und muss und sich dabei an die geltenden Regeln hält. Mir ist wichtig zu akzeptieren, dass es unterschiedliche Pflichten gibt, die einem mehr Einsatz für den einzelnen Menschen abverlangen oder mehr zur allgemeinen Perspektive zwingen. Wir müssen diesen Streit, so meine Überzeugung, führen, ohne die Gegenseite zu verurteilen. Was also tun? Denn das hört sich doch sehr so an wie: „Schön, dass wir mal drüber geredet haben.“

Ich bin aber überzeugt, dass jeder und jede etwas tun kann, und zwar unabhängig davon, in welcher Rolle wir sind. Von Menschen in politischen Entscheidungsämtern erwarte ist, dass sie sich niemals in der Abgehobenheit einnisten, dass es eben nicht anders geht, auch wenn der einfache Bürger das nicht nachvollziehen kann. Zurück in die Konkretion heißt meine Forderung. Sie haben sich so nah bei den Menschen aufzuhalten, dass sie wissen, welche Wirkung ihre Entscheidungen haben. Von Ihnen und mir erwarte ich, dass wir uns erstens um sachliche Information bemühen, um die allgemeine Perspektive zu verstehen. Und dass wir uns zweitens ganz konkret engagieren, für einen Menschen, für ein Projekt, für eine Idee. Und dass wir alle, auf dem politischen Parkett wie einfach im Leben, bereit sind, Fehler zu benennen und zu korrigieren.

Es geht nämlich nicht ums Recht haben, es geht um das Glück des einzelnen und die Zukunftschance für unsere Gesellschaft.

Ursula Hellert erzählt Geschichten über das lebenslange Lernen.

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