Wortschatz

Wörtlich betäubt

Ich merkte mir die Botschaft: Man soll nicht jeden Begriff krampfhaft wörtlich verstehen wollen.

Desk-Chef Harald Likus

Als Sigmar Gabriel ein junger, frecher, aufstrebender Politiker in Goslar war, sagte er über einen CDU-Mann, dessen Name jetzt egal sein soll: „Wer glaubt, dass xy etwas von Wirtschaftspolitik versteht, der glaubt auch, dass ein Zitronenfalter Zitronen faltet.“

Tja, lange her. Aber für mich, damals Volontär, war das Sprüchlein neu – und so merkte ich es mir und seine Botschaft: Man soll nicht jeden Begriff krampfhaft wörtlich verstehen wollen. Und als mir kurz darauf ein erfahrener Redakteur mit dem Argument „Igitt, da muss man daran denken, wie es wäre, Augen zu essen!“ den Gebrauch des Wortes „Augenschmaus“ auszureden versuchte, da habe ich den Begriff in diesem Sinne verteidigt. Kein normaler Mensch, entgegnete ich, denke da ans Augen-Essen, an derlei dächten allerhöchstens drei, vier komische Journalisten…

Diese Bemerkung war nicht nett. Tut mir leid. Ich gehöre ja selbst zur Zunft. Was ist jetzt auch wieder merkte, als ich hinter einem Auto fuhr, auf dessen Rückscheibe Werbung für „Pferde-Inhalation“ zu lesen war. Nein, nein, natürlich geht es dabei nur um die Gesundheit von Stute oder Hengst – und nicht darum, ganze Pferde einzuatmen. Mann müsste schon reichlich gaga bzw. wörtlich betäubt sein, um das so zu verstehen (und ein Blauwal, um es tatsächlich zu tun).

Einigen wir uns also auf diese Maxime: Wer glaubt, alles immer wörtlich nehmen zu müssen, der soll dann bitte auch glauben, dass Pferde Falter schmausen und Sigmar Gabriel Zitronen inhaliert.

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