Kreis Gifhorn verhängt nächtliche Ausgangssperre ab Dienstag

Gifhorn.  Wegen des großen Corona-Infektionsgeschehens arbeitet die Verwaltung an einem Kontaktverbot mit Personen außerhalb des eigenen Haushalts.

Landrat Andreas Ebel (ohne Maske sprechend) kündigte am Montag vor TV-Kameras, Radiomikrofonen und Presse sowohl Ausgangssperre als auch absolutes Kontaktverbot im Kreis Gifhorn an.

Landrat Andreas Ebel (ohne Maske sprechend) kündigte am Montag vor TV-Kameras, Radiomikrofonen und Presse sowohl Ausgangssperre als auch absolutes Kontaktverbot im Kreis Gifhorn an.

Foto: Reiner Silberstein.

Der Landkreis Gifhorn verhängt als erster in der Region wegen der Corona-Pandemie ab Dienstag eine nächtliche Ausgangssperre – das verkündete Landrat Andreas Ebel während der Pressekonferenz zusammen mit Polizei und Stadt am Montagnachmittag. Statt an einer 15-Kilometer Bewegungsbeschränkung arbeite man zusätzlich an einem absoluten Kontaktverbot außerhalb des eigenen Haushalts. Das könnte schon ab Freitag in Kraft treten. Die Infektionslage ist am Südrand der Lüneburger Heide nach wie vor verheerend: Gifhorn ist mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 259,5 weiterhin der Hotspot in ganz Niedersachsen . Kein anderer Landkreis hat über 200 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner.

„Und die Tendenz geht nach oben“, so Ebel vor etlichen TV-Kameras, Radiomikrofonen und Pressevertretern, „die Beschränkungen sind sehr großzügig ausgelegt worden.“„Jetzt zeigen sich die Auswirkungen der vielen Kontakte über Weihnachten“, so Matthias Rüger, Abteilungsleiter für Bevölkerungsschutz. Mittlerweile sei die Datenlage nicht mehr unsicher, sondern in Gifhorn lägen mit den Zahlen „harte Fakten“ vor: Das Infektionsgeschehen nehme weiter zu. Darüber gebe es eine Änderung in den vergangenen fünf Tagen: Die Mehrheit der Infektionen sei bis vor wenigen Tagen in den Pflegeheimen aufgetaucht (bis zu 58 Prozent), nunmehr habe sich die Mehrheit in den Privatbereich verlagert (57 Prozent). „Da hilft nur handeln!“

Nächtliche Ausgangssperre gilt von Dienstag bis Ende Januar

Daher zieht der Kreis gleich mehrere Reißleinen. Erstens: Von Dienstag an bis zunächst zum 31. Januar gilt die nächtliche Ausgangssperre jeweils von 20 Uhr bis 5 Uhr morgens. Ebel: „Auch das Einkaufen und die Inanspruchnahme von Dienstleistungen ist dann nicht erlaubt.“ Konkret ist das Verlassen der eigenen Wohnung beziehungsweise des eigenen Grundstücks untersagt.

Ausnahmen gelten lediglich für „berufliche Tätigkeiten und Fahrten zum Arbeitsplatz“, wie Erster Kreisrat Thomas Walter erklärte, „für die Gefahrenabwehr, medizinische Notfälle, Unterstützung Hilfsbedürftiger und für die Versorgung von Tieren“. Speisenlieferungen gehörten nicht dazu. Zweitens: In Arbeit sei aber auch ein Kontaktverbot: Gifhorner dürften dann keine Person mehr treffen, die nicht mit im eigenen Haushalt lebt. Beratungsbedarf gebe es laut Landrat Ebel aber noch hinsichtlich nötiger Ausnahmen, denn: „mir ist noch kein Fall bekannt, wo solch eine Kontaktsperre verhängt wurde“. So dürfe beispielsweise die pflegebedürftige Oma nicht isoliert werden. Ebel kündigt an, dass dieses Verbot ab Freitag, spätestens ab Montag in Kraft treten könne – „das hängt aber auch vom Infektionsgeschehen ab“.

Überprüfung von Bewegungseinschränkung nur schwer möglich

Der Landkreis habe sich klar gegen einen Bewegungsradius von 15 Kilometer entschieden. Denn die Einhaltung sei nur sehr schwer zu überwachen – schon gar nicht über die Kreisgrenzen hinaus. Ebel: „Ein Kontaktverbot ist wesentlich wirkungsvoller.“ Das und die Ausgangssperre will der Leiter der Polizeiinspektion, Thomas Bodendiek, „mit Augenmaß, aber mit Bestimmtheit“ überwachen: „Unser Personal wird aufgestockt. Die Bürger werden auch mehr Streifenwagen wahrnehmen.“

Drittens: Personal werde auch für eine Taskforce Pflegeheime abgestellt, die auf die Einhaltung der Hygienemaßnahmen in den Einrichtungen achten soll. „In der ersten Welle sind wir von Einschlägen verschont geblieben. So viel kann an den Konzepten nicht falsch gewesen sein“, so Kreisrat Rolf Amelsberg, Dezernent für Jugend, Gesundheit und Soziales. Doch in der zweiten Welle seien sie laut Ebel „nachweislich nicht eingehalten“ worden, zum Beispiel seien Gegenstände wie Tabletts nicht rigoros desinfiziert worden und Besucher und Bewohner hätten sich doch gern mal umarmt. Amelsberg: „Wir wollen unsere Senioren schützen, so dass sie diese Pandemie überleben.“

Viertens: Landrat Ebel sieht auch das Land Niedersachsen in der Pflicht: „Ich fordere eine Verdoppelung der Impfdosen. Das erwarten wir von der Sozialministerin einfach mal.“ Gifhorn war trotz bereits höchster Inzidenz im Land später beliefert worden als Städte und Landkreise mit Werten unter 100. Immerhin: Im Gifhorner Helios Klinikum sind mittlerweile die ersten Impfdosen für das Personal angekommen. Zuerst werden die geimpft, die in Bereichen mit direktem Kontakt zu positiv getesteten Patienten arbeiten, teilte die Klinik am Montag mit. 105 Mitarbeiter können von den Erstimpfungen profitieren.

Ausgangssperren leichter zu überwachen - zusätzliche Polizeikräfte im Einsatz

Kerstin Meyer, die als Erste Gifhorner Stadträtin die Kommunen des Kreises bei der Pressekonferenz vertrat, berichtete von zahlreichen Sorgenschreiben, die die Schulträger von Eltern erhielten. Angesichts der neuen harten Maßnahmen sei zu überlegen, ob Kitas und Schulen überhaupt weiter geöffnet bleiben können. Die Entscheidung darüber werde aber noch vertagt – diese Woche bleibe unverändert, die derzeitigen kleinen Notgruppen und die Abschlussklassen seien vertretbar. Nächste Woche stehen aber weitere Öffnungen beispielsweise der Grundschulen im Wechsel-Präsenzunterricht an. Meyer: „Wir warten ab“, zum 17. Januar sei ein Peak bei den Infektionszahlen zu erwarten. „Nächste Woche gibt es dann vielleicht weitere Einschränkungen. Wir versuchen, das mildeste Mittel zu wählen.“

Mehr lesen: Impfstart im Helios Klinikum Gifhorn

Auch die Kirchen behalten ihr Recht auf Gottesdienste – aber nur unter strengen Bedingungen, die da heißen: Anmeldungen, Masken und Singverbot. „Wir haben das intensiv diskutiert“, so Meyer. Insbesondere Gifhorn habe einige größere Freikirchen, die am Infektionsgeschehen nicht unbeteiligt gewesen seien. „Aber das haben wir jetzt gut unter Kontrolle.“ Dennoch gelte der Appell: „Bitte nicht alles ausnutzen, was möglich ist!“

Hotline für Fragen zu neuen Bestimmungen

Die Erste Stadträtin hofft, „dass die Bevölkerung wahrnimmt, das wir das alles zu ihrem Schutz tun. Wir brauchen die Bevölkerung, nur sie kann eine Senkung der Infektionszahlen erreichen.“ Auch Landrat Ebel appelliert: „Mir ist bewusst, dass die Bürger dadurch eingeschränkt werden. Wir machen uns aber über die Maßnahmen gedanken.“ Und: „Bitte halten Sie sich an die Kontaktbeschränkungen! Es liegt jetzt an jedem Einzelnen.“

Der Landkreis schaltet unter (0800) 8282444 eine Hotline für Fragen zu den neuen Bestimmungen sowie unter (0800) 8282555 eine Hotline für Fragen zu akuten Infektionen.

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