Schwarzrotgold

Die Geschichte einer ganz besonderen Wohngemeinschaft

Den Durst zu löschen und sich gleichzeitig anzubrüllen, passen nicht gut zusammen, deshalb kam der einzige Junggeselle unter ihnen auf eine Idee.

Es war einmal – so fangen viele Märchen an – ein Stammtisch in Deutschland. Dem gehörten fünf gestandene Männer, die sich einmal im Monat in ihrem Stammlokal trafen, an. Das waren wahre Kameraden! Wenn einer von ihnen Hilfe brauchte, waren alle zur Stelle. Ein Fremder, der sich mit einem anlegte, hatte es mit der ganzen Mannschaft zu tun. Der Stammtisch war Pflicht, deshalb fand er bei jedem Wetter statt. Die Ehefrauen waren prinzipiell nicht ausgeschlossen, einige nahmen auch in der Vergangenheit an manchen Sitzungen teil. Leider fanden sie kein Interesse an den hochbrisanten Themen, die ausführlich debattiert wurden. Dabei konnte man feststellen, wie wortreich die deutsche Sprache ist, denn die Auswahl der Wörter für denselben Inhalt hing davon ab, ob eine Dame mit am Tisch saß oder nicht.

Irgendwann erfasste eine Pandemie das Land. Zwar kam die Krankheit damals aus Asien, aber hierzulande wütete sie mit vielen englischen Ausdrücken: Man sprach von Lockdown, Shutdown und dergleichen. Während des Lockdowns blieben alle Gaststätten und Restaurants geschlossen, und selbstverständlich auch das Stammlokal dieser fünf Männer. Als einige Wochen später der Lockdown gelockert wurde, war es nur Mitgliedern desselben Haushalts erlaubt, zusammen an einem Tisch zu sitzen. Man konnte sich zum Beispiel mit dem Nachbarn über den Zaun unterhalten, aber man durfte nicht mit ihm ins Restaurant. Aus diesem Grund konnte der Stammtisch nicht stattfinden.

Zuerst überlegten die Männer, fünf verschiedene Tische zu reservieren. Aber den Durst zu löschen und sich gleichzeitig anbrüllen, passen nicht gut zusammen, deshalb kam der einzige Junggeselle unter ihnen auf eine Idee. Er rief seine Kameraden an und schlug ihnen vor, sich unter seiner Adresse umzumelden, damit sie einen gemeinsamen Haushalt bilden konnten.

Vorsichtshalber würde er vier Matratzen in sein Wohnzimmer legen, damit sie im Falle einer Kontrolle die Ordnungshüter mit zu sich nach Hause nehmen konnten, um zu beweisen, dass sie tatsächlich zusammen wohnten. Da die letzten zwölf Wochen niemand das Dorf verlassen hatte, waren die Männer sicher, dass sie sich gegenseitig nicht anstecken konnten. Der Stammtisch war gerettet!

Ein Haushalt im herkömmlichen Sinne besteht meistens aus zwei Erwachsenen und eventuell auch aus Kindern. Aber wenn fünf gestandene Männer behaupten, in demselben Haushalt zu leben, kann man nur staunen. So marschierten sie gemeinsam, kerzengerade vor Stolz, in ihr Lokal. Der Wirt sah sie durchs Fenster kommen, eilte nach draußen und bezog vor der Eingangstür Position: „Ihr kommt hier nicht herein. Ich möchte keine Strafe riskieren. Ihr dürft nicht zusammen an einem Tisch sitzen.“ „Jawohl! Aber wir gehören demselben Haushalt an. Wir haben unsere Vorkehrungen getroffen, schau dir unsere Ausweise an, wir wohnen jetzt zusammen. Wir stellen für dich kein Problem dar, wir haben sogar ein Hilfspaket für dich beschlossen: Ab sofort kommen wir nicht mehr monatlich, sondern wöchentlich zu dir.“ Ohne Widerworte trat der Wirt zur Seite und ließ die Männer passieren. Sie setzten sich und rieben sich die Hände: „Bier bitte! Wir haben Durst.“ Die Freude war groß, sich nach zwölf Wochen am Stammtisch wiederzutreffen. Hoch die Tassen! Sie hatten viel zu erzählen und viel zu lachen.

Eine Ehefrau ging mit dem Hund Gassi und traute von der Straße aus ihren Augen nicht. Wie konnten die fünf Männer trotz Verbots da sitzen? Sie riskierten alle eine saftige Strafe! Und der Wirt auch. Sie ging in das Lokal und fragte: „Was macht ihr da? Das ist doch verboten.“ „Nein, wir gehören demselben Haushalt an!“, riefen alle zusammen. Sie schaute ihren Mann an: „Sag mal, bist du ausgezogen?“ „Offiziell schon. Aber ich liebe dich immer noch. Wir sehen uns später.“

Luc Degla studierte im Benin Mathematik und in Moskau und Braunschweig Maschinenbau. Der freie Autor lebt in Braunschweig. In seiner Kolumne beschreibt er sein Leben mit den Deutschen.

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