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Was Vergesslichkeit mit neuen Baugebieten zu tun hat

Er sagte: „Über welche Kompetenzen verfügen Sie noch?“ Ich überlegte kurz und antwortete: „Ich kenne Braunschweig“.

Während meines Studiums an der TU Braunschweig bewarb ich mich um einen Studentenjob in einem Institut. Nachdem der Assistent sich nach meinen fachlichen Kenntnissen erkundigt hatte, sagte er: „Über welche Kompetenzen verfügen Sie noch?“ Ich überlegte kurz und antwortete: „Ich kenne Braunschweig“. Er lachte und seine Kollegen, die das Büro mit ihm teilten, brachen ebenfalls in Gelächter aus. Meine Antwort war aber kein Scherz, ich hatte drei Jahre als Kurier-Radfahrer gearbeitet und über diesen Weg Braunschweig kennengelernt. Es gab damals noch kein Navigationsgerät, man musste die Straßenkarten lesen können. Das war meiner Meinung nach eine Kompetenz.

Eine Woche nach dem Vorstellungsgespräch habe ich den Job bekommen. Der Assistent sagte später, dass er mich eingestellt habe, weil ich diese originelle Antwort gegeben hätte: „Ich kenne Braunschweig.“ Mittlerweile ist die Stadt gewachsen. Ich habe in den vergangenen Wochen viele neue Baugebiete entdeckt, auf eine Weise, die ich Ihnen heute erzählen möchte. Vor der Coronakrise war ich zwar ein Wirt, aber ein Wirt der besonderen Art. Ich hatte keine festen Öffnungszeiten und zielte hauptsächlich auf die Gesellschaften ab. Wenn jemand am Montag Geburtstag hatte und bei mir feiern wollte, organisierte ich die Feier. Die Gaststätte war flexibel genug. Solange das, was der Gast wollte, legal war, ließ ich es geschehen. Ich wollte nur teure Leerläufe vermeiden. Ich muss zugeben, dass am Anfang einige Menschen Schwierigkeiten hatten, das Konzept zu verstehen: „Wann haben Sie auf? Ich möchte wissen, wann ich ein Bier trinken kann?“ „Ich richte mich nach Ihnen. Rufen Sie mich an, wir vereinbaren einen Termin.“ Nun kam die Coronakrise, was sollte ich machen? Die Kosten bleiben gleich, der Umsatz ist weggebrochen. Ich beschloss, wie viele andere Gaststätten, einen Abholdienst anzubieten. Eine Umstellung, die am Anfang nicht leicht war, aber ich bekam viel Unterstützung in der Bevölkerung.

In der zweiten Woche sprach mich eines Tages ein Abholer an: „Erkennst du mich noch?“ „Nein.“ „Ich habe den 18. April gebucht. Ich wollte bei dir feiern. Die Feier kann leider nicht mehr stattfinden.“ Wir unterhielten uns eine Weile. Dann ging er. Kurze Zeit später bemerkte ich, dass er ein verpacktes Essen vergessen hatte. Ich ging schnell ins Büro und suchte seine Daten im Rechner. Danach stieg ich ins Auto und brachte es ihm nach Hause. Dort sah ich, dass viele neue Häuser in der Straße gebaut wurden. Als ich hier mit dem Fahrrad entlanggefahren war, gab es nur alte Häuser. Ich klingelte und übergab seinem Sohn das Essen.

Einige Tage später vergaß ich, einer Dame gebratene Kochbananen in die Kiste zu tun. Nachdem sie weg war, fiel mir der Fehler auf. Ich nahm die Box und fuhr zu ihr nach Hause. Wieder eine Gegend, die ich nicht kannte. „Braunschweig ist gewachsen“, dachte ich, während ich auf die Klingel drückte. Sie öffnete die Haustür: „Oh! Die Kochbananen. Danke, dass du sie vorbeigebracht hast. Ich hatte keine Lust nochmal zu dir zu fahren. Komm herein!“ „Nein“, entgegnete ich, „ein anderes Mal. Ich muss schnell wieder zurück. Außerdem dürfen wir nicht, wegen des Kontaktverbots.“ „Das stimmt. Vielen Dank.“ Ich weiß nicht, woran es lag, ich vergaß immer häufiger etwas: den Salat, die Pommes oder eine andere Beilage. Von einem Kunden habe ich sogar aus Versehen zu viel Geld kassiert. Leider kenne ich seine Anschrift nicht, sonst wäre ich zu ihm gefahren. Seit zwei Wochen warte ich darauf, dass er wieder kommt, damit ich ihm sein Geld zurückgeben kann.

Nun habe ich am Samstag vergessen, die Kochbananen zu salzen. Das fiel mir auf, nachdem der Kunde in sein Auto gestiegen und weggefahren war. Meine Kollegin sagte: „Willst du hinter ihm herfahren, um das Essen zu salzen?“ Ich dachte kurz darüber nach, ob ich den Salzstreuer in die Hand nehme und hinter ihm herfahre. Dann fiel mir ein, dass ich seine Telefonnummer hatte: „Hallo ich bin’s. Bitte salzen Sie die Kochbananen nach. Ich habe das Salz vergessen.“ Nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte, dachte ich: „Wann kommt endlich ein Heilmittel? Ich will mein altes Geschäft zurück.“

Luc Degla studierte im Benin Mathematik, in Moskau und Braunschweig Maschinenbau. Der freie Autor lebt in Braunschweig. In der Kolumne beschreibt er sein Leben mit den Deutschen.

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