Mitten in Braunschweig

Die Textur der Dinge

Vielleicht gehe ich auch deshalb gern in Klamottenläden, da gibt es so viel anzufassen!

Keine Angst, diese Kolumne wird sich (fast) nicht mit dem allenthalben diskutierten C-Thema befassen. Nein, heute geht’s mir ums Anfassen. Nicht, was Sie denken – oder doch?

Ich fange mal so an. Wenn ich spazieren gehe, streife ich unwillkürlich mit der Hand an den Blättern von Büschen am Wegesrand entlang, berühre Grashalme, ertaste Baumrinden und fasse Steinmauern an. Ich erfühle die Strukturen, das Material, die Textur der Dinge. Als wollten meine Hände ein Lexikon von Oberflächen und unterschiedlichen Stoffen erstellen. Ich bin mir sicher, dass ich die meisten meiner T-Shirts und Pullover mit geschlossenen Augen ertasten könnte. Praktisch wird dieses auf den ersten Blick nutzlose Talent in dem Moment, wenn ich die 37 schwarzen Einzelsocken von der Wäscheleine pflücke, um sie zu Paaren zusammenzuführen. Die Strumpfbündchen, die Hacke, das Gewebe, Muster und Baumwolle oder Polyester, alles hat seine eigene Haptik.

Vielleicht gehe ich auch deshalb gern in Klamottenläden, da gibt es so viel anzufassen! Eben mal kurz an Ärmeln von Blusen entlangstreichen, einen Pulli auseinanderfalten, durch die Hand gleiten lassen, um ihn dann wieder zusammenzulegen. Oder flauschige Schals am Grabbeltisch zusammendrücken – herrlich. Auch Buchläden bieten mir reizvolle Objekte. Buchdeckel aus Leinen, geprägt, lackiert oder perforiert, die haptisch unterschiedlichen Papiersorten – jede fühlbar anders.

Apropos fühlen: Kennen Sie diese Fühlkästen, in die man hineinfasst und überhaupt nicht weiß, was einen erwartet: Glitschiges, Wolliges, Hartes, Stacheliges oder Samtiges? Das bedeutet schon Überwindung … ich jedenfalls fasse lieber Dinge an, die ich sehe und mich dann frage, wie sich das „Ding“ wohl anfühlt. So ging es mir einmal in Sri Lanka; dort hatte ich ein ganz exotisches Greif-Erlebnis: die trockene, ledrige Haut eines Elefanten, gekrönt von 3 bis 4 Zentimeter langen Haaren, die wie weiche Borsten mein Handfläche kitzelten – für mich unvergesslich!

Kritisch wird das Anfassen-Wollen, wenn mein Mann und ich ins Museum gehen. Ich pirsche mich an die Kunstwerke heran, betrachte sie, erkunde die Oberflächen der Gemälde, die Pinselstriche, erfasse die Spachtelverläufe, ich will die Hand ausstrecken … und schon steht mein Mann hinter mir und zischelt mir zu: „Nicht anfassen!“ Ok, ich verstehe. Da geht die Neugierde zu weit. Zum Glück gibt es aber etliche Kunstwerke im öffentlichen Raum, die viel und gern angefasst werden. Wie zum Beispiel die Thüringer Venus von Gerhard Marcks im Braunschweiger Museumpark oder das Besenmännchen in der Mauernstraße, die teilweise schon wie blankgewienert von den vielen Streicheleien sind.

Nicht ganz so tabu wie das Berühren von Kunstwerken ist das haptische Erlebnis, mit den Fingern zu essen. Im besagten Sri Lanka war es normal, bestimmte Gerichte ohne Besteck zu essen. Es bedarf schon einer gewissen Fertigkeit, den Reis mit den Fingern so zu formen, dass damit Gemüse und Soße aufgenommen werden können. Der direkte Kontakt zur Nahrung hilft nicht nur dabei, seine Beschaffenheit und Temperatur zu erfühlen – die Menschen in Asien glauben zudem, dass die fünf Finger des Menschen den fünf Elementen der Natur entsprechen. Nicht umsonst sagt eine dortige Weisheit: Mit den Händen zu essen, nährt nicht nur den Körper, sondern auch Geist und Seele.

Es ist also schon etwas dran am Akt des Anfassens. Heute erfahren ihn Babys sofort nach der Geburt. Die neuen Erdenbürger werden gleich nackt auf den Bauch der Mutter oder des Vaters gelegt. Berührung ist die „erste Sprache“, die wir Menschen (normalerweise und hoffentlich) erlernen. Kleine Kinder werden intuitiv von ihren Eltern gestreichelt, denn das Kindchen-Schema und die weiche Haut verführen einfach zu einer zärtlichen Berührung. Und diese Berührungen sind wichtig, das ist wissenschaftlich erwiesen.

Die Haut ist übrigens das größte Sinnesorgan des Menschen, ihre Sensibilität ist enorm. Wir nehmen kleinste und feinste Berührungen wahr, verlernen dies aber zunehmend, weil unser Leben ärmer an natürlichen haptischen Reizen wird. Die moderne Pädagogik arbeitet vielleicht gerade deshalb vermehrt mit Wahrnehmungsaktivitäten wie Fühl-Parcours und Sinnespfaden. Dort erleben Kinder verschiedene Materialien und Untergründe, seien sie aus der Natur oder dem alltäglichen Leben. Mit verbundenen oder offenen Augen, barfuß oder auf Socken, allein oder Hand in Hand mit anderen.

Das Berühren von Haut verliert – wie wir wissen – auch nach dem Kindesalter nicht an Spannung. In der Jugend bis ins hohe Alter können Berührungen elektrisieren, aufregen, beruhigen – und einfach guttun. Hier lasse ich Sie nun mit Ihren Erfahrungen allein – und hoffe, dass wir alle bald wieder anfassbar sind.

Bärbel Mäkeler, 1957 in Stuttgart geboren, ist Autorin, Lektorin und Germanistin. Sie lebt seit 1975 in Braunschweig und widmet sich in ihrer Kolumne den besonderen Dingen des Alltags.

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