Meine Gedanken

Wenn wir doch alle zu Helden würden

Das erste Mal in der Menschheitsgeschichte kann man Menschenleben retten, indem man faul auf dem Sofa liegt.

Eine Whatsapp-Nachricht zum Schlapplachen, die mir die Freundin da schickte: „Das erste Mal in der Menschheitsgeschichte kann man Menschenleben retten, indem man faul auf dem Sofa liegt und nicht hinaus geht. So leicht werdet ihr nie wieder zum Helden. Lasst euch diese Chance nicht entgehen!“

Denke derzeit viel nach über Helden des Alltags. Als Filmversessene habe ich so oft im Dunklen gesessen und mir in der größten Not, in der Stunde der Entscheidung, am Höhepunkt der Story vorgestellt, wie ich in entsprechenden Situationen natürlich immer zu den Guten gehören, mich auf die richtige Seite schlagen würde. Der Held und ich. Was wären wir für ein tolles Team. In Gedanken funktionierte das immer ganz gut.

Aber jetzt ist Corona, und das ist kein Film. Das ist die Realität, der kein Abspann ein Ende setzt. Jetzt werden wirkliche Helden gebraucht. Keine fotogeshoppten Supermänner und -frauen, sondern Menschen mit gelebtem Mut und echter Empathie.

Mit Krebs in der selbstgewählten strengen Isolation sieht man vieles mit anderen Augen. Hinter mir liegen auch ohne Virus-Bedrohung drei sorgenvolle Monate. Die Chemo ist erst zur Hälfte vollbracht und hat einiges an Kräften aufgezehrt. Auch wenn ich die Chose recht gut vertrage, fühle ich mich manchmal wie eine Hundertjährige.

Aber wie viele Lichtblicke habe ich in den vergangenen Monaten auch erlebt. Durch Menschen, die nicht zur Familie gehören und dennoch meinen Weg in unendlicher Zuneigung unterstützen. Mein Hausarzt und lieber Freund, der nicht müde wird, mich aufzubauen und mir Trost und Zuspruch zu spenden – ein Fels in der Brandung. Mein so bedachter, beruhigender Onkologe. Die stets fröhlichen Onko-Schwestern mit ihren Herzen aus Gold. So viele liebe anteilnehmende Kollegen…

Und natürlich diese unfassbar tollen Freunde! Wie viele Ausrufezeichen könnte ich setzen! Die Freundin, die es auf sich nimmt, mich zu jedem beschwerlichen Termin zu begleiten. Diese Frau ist ein Geschenk! Die andere, die Bronchitis geschwächt und mit krächzender Stimme immer wieder zum Hörer greift. Unbezahlbar! Eine geht stundenlang auf Abstand mit mir spazieren; eine andere schickt nimmermüde behütende Durchhaltezeilen aus Australien.

Die Liste derer, die sich anbieten, für mich einzukaufen, wird immer länger. Dank euch allen aus tiefstem Herzen!

Jede Nachricht, und sei sie noch so kurz, hat mir Kraft gegeben. Unzählige Momente der Freude und Rührung. Die Spreu hat sich längst vom Weizen getrennt. Nicht schlimm. Die beglückenden Momente, die positiven Überraschungen überwiegen bei weitem. Unverbindliche Bekanntschaften haben sich tief entwickelt. Das wird bleiben.

Am Telefon erzählte mir eine Freundin von einem Bekannten mit Multipler Sklerose. Corona kann auch ihn in Windeseile umbringen. So viele Schwerkranke, die jetzt auf Solidarität hoffen. Auf Vernunft und Menschenverstand. Da sind zu Tode verängstigte Menschen auf der ganzen Welt, die bangen, dass es uns gelingt, die individuelle Freiheit dem Allgemeinwohl unterzuordnen und mal unsere Spaßgesellschaft hinten an zu stellen.

Ich bin eine neugierige Journalistin, schaffe es derzeit aber nicht, mich der Nachrichtenflut zu stellen. Die Angst vor noch mehr Beängstigendem ist groß. Ich muss mir einen schützenden Kokon bauen, um den Kopf oben zu behalten. Erschreckend und bedrohlich, dass selbst meinen medizinischen Betreuern keine Atemschutzmasken zur Verfügung stehen. Ich fühle mich ausgeliefert, hoffe weiter und versuche mich ungebrochen in Optimismus.

Da auch ich Filme mit Happy End liebe, male ich mir jetzt oft in schillernden Farben aus, wie wir feiern werden nach diesem Spuk. Um wie viel größer werden für uns die kleinen Dinge geworden sein?! Möge auch diese Krise ihre Chancen bergen.

Die Helden kommen derzeit nicht aus Hollywood und dem Dunkel des Kinos. Manche sind segensreich um uns, geben alles, brauchen ihre Kräfte auf. Die anderen dürfen getrost und mit gutem Gewissen faul auf dem Sofa liegen.

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