Mitten in Braunschweig

Ordnung schaffen im Bücherregal – ein Selbstversuch

Die Stunden vor dem Bücherregal waren wie eine Reise durch mein Leben.

Staubige Hände, trockenes Hüsteln und ein riesiger Haufen Bücher. Was war passiert? Das, was sicherlich auch Ihnen schon im Kopf herumschwirrte: „Hilfe, mein Bücherschrank platzt aus allen Nähten! Lese ich die Bücher denn überhaupt noch einmal?“ Die Antwort: „Wahrscheinlich nicht.“ Und dann die entsetzte Erkenntnis: „Dann muss ich sie ja auch entsorgen!“ Und das dumpfe Gefühl: „Bücher schmeißt man nicht weg.“ Da kämpft die Vernunft mit dem schlechten Gewissen. So stand ich also vor einem meiner Bücherregale, zog mal hier ein schmales Heftchen und da einen dicken Schmöker aus dem Regal und blätterte.

Gelb-verblichene Seiten mit kleiner Schrift, den Inhalt kenne ich nicht (mehr), aber gelesen habe ich das Buch, das weiß ich immerhin noch. Aber interessiert mich das Thema noch? Ehrlich gesagt: nein. Was tun? Ich erinnerte mich an die japanische Aufräumberaterin Marie Kondo, die der hortenden Bevölkerung mit unspektakulären Tipps zu einem aufgeräumteren Leben verhilft. Ihr Rat: Alle Bücher aus dem Regal nehmen und sie auf den Tisch legen. So wird den Büchern zunächst neues Leben eingehaucht und man sieht tatsächlich die komplette Fülle. Nächster Schritt: Nicht entscheiden, was weg soll, sondern – viel effektiver – was bleiben darf. Dafür soll man jedes Buch einzeln in die Hand nehmen und sich fragen, ob es einen noch glücklich macht. Genau das habe ich ausprobiert.

Die Stunden vor dem Bücherregal waren wie eine Reise durch mein Leben: Studium, viele Reisen, geschenkte Gäule und temporäre Steckenpferde, politische Zeiten, romantische, aber auch nachdenkliche Momente. Ich fand meine noch mit der Schreibmaschine getippte Examensarbeit zum Thema „Gewalt in der Ehe“, ich entdeckte Feng-Shui-Tipps neben einem Scheidungsratgeber, Klassiker wie Schiller und Molière, spannende und auch kitschige Belletristik, Faschismus-Sachbücher neben Fotobänden zu Möbeln und Salvatore Dali. Dazwischen jede Menge Reiseführer, die mich u. a. an die malerische Küste Santorinis und an die fremden Bräuche Japans denken lassen. Oder an Kreta 1986, ob das noch aktuell ist? Als schönster Fund entpuppten sich allerdings handgeschriebene Gedichte auf Pergamentpapier von einem verflossenen Liebhaber ‒ Lange Rede, kurzer Sinn: Da konnte was weg und ich tat es.

Frei nach dem Aschenputtel-Motto „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“ sortierte ich die „Guten“ ins Schränkchen und die nicht mehr geliebten ins Säckchen. In dem nun recht übersichtlich gewordenen Bücherregal durften 158 Exemplare bleiben. Die Reiseführer natürlich auch – bis auf das alte Kreta-Handbuch.

Ich sortierte die endgültig zu entsorgenden Bücher in feste Taschen und da standen sie nun ‒ was jetzt anstellen mit den 327 aussortierten Büchern? Alte Rechtschreibung, Widmungen, Eselsohren, Zettelchen und Anmerkungen, es verbarg sich doch eine Menge Erinnerung darin …Der erste Gedanke war, die noch gut erhaltenen, zum Teil gebundenen Bücher sowie die offensichtlich alten und die Klassiker wie Brecht oder Lenz einem Antiquariat anzubieten. Also ran ans Telefon und gefragt. Der Antiquar machte mir wenig Hoffnung auf ein kleines Zubrot. Das Thema Bücherregal aufräumen impliziere ja, dass zumindest ich die Bücher nicht mehr besitzen möchte – warum sollten dann andere Leute sie haben wollen? Die Klassiker gibt’s zuhauf auf Grabbeltischen und Flohmärkten und das Internet tut das Seine dazu.

Was interessiert den Antiquar nun wirklich? Schwer zu sagen. Es gibt keine pauschale Antwort, am besten anrufen und erzählen, was man anzubieten hat. Ich zumindest hatte nichts für ihn. Und ehrlich gesagt, die „guten“ Bücher jetzt alle ins Internet einzugeben, um noch etwas Kleingeld dafür zu bekommen, dazu habe ich keine Lust.

Also bleiben noch Spenden an karitative oder soziale Einrichtungen wie die Lebenshilfe, Oxfam, das Sozialkaufhaus, der Zweimalschön-Shop oder die Lions. Das hieße schleppen …Daraufhin hatte ich die glorreiche Idee, mal eine Tasche zur Probe an die Straße zu stellen … nun, zwei bis vier Bücher fanden wohl einen Abnehmer. Vielleicht ist Lesen ja doch nicht mehr so „in“.

Abends habe ich die Tasche dann wieder mühsam nach Hause gehievt. Nächste Idee: Es gibt ja noch die öffentlichen Bücherregale wie Bücherbänke oder Telefonzellen, um einige Exemplare loszuwerden. Nach kurzer Recherche habe ich auch etliche Stellen in der Stadt gefunden. Da dort aber nur getauscht werden soll, ist das auch nicht die Lösung meines zugegeben nicht existenziellen Problems. Eines weiß ich jedenfalls: In den Container werden die Bücher nicht wandern, zur Not landen die guten Stücke eben wieder in meinem Bücherregal. Ich habe ja nun wieder 327 Stellplätze frei.

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