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Tod am Altkleider-Container: Was ist öffentlich, was privat?

Es war ein spektakulärer Fall, einer, der die Menschen aufwühlte. Ein 43-Jähriger war Ende Juni in der Straße Am Bülten in der Einfüll-Luke eines Altkleidercontainers steckengeblieben. Er starb im Krankenhaus. Offenbar hatte der Mann versucht, einen Wohnungsschlüssel wieder aus dem Container herauszuholen, der beim Einwerfen von Altkleidern mit hineingeraten war. Doch in solche Container kann man nicht klettern. Sie haben eine Mechanik, die verhindert, einmal hineingeworfene Gegenstände wieder herauszuholen. Deshalb kann vor solchen Versuchen nur dringendst gewarnt werden, sie sind lebensgefährlich. Entsprechende Warnschilder befinden sich auch auf den Containern.

Das alles berichteten wir, doch wir wussten nicht, wer das Opfer war. Selbst wenn die Polizei unserer Redaktion den Namen mitgeteilt hätte, was sie aber nicht tut, wäre er nicht gedruckt worden. Gründe hierfür sind Persönlichkeitsrechte und die uns vom Pressekodex aufgegebene Sorgfaltspflicht in der Berichterstattung über Opfer. Dies ist nicht nur der Verstorbene, sondern auch seine Familie, seine Hinterbliebenen, Kinder. Es gibt eine strenge Schwelle, die hier zu berücksichtigen ist. Lediglich bei Persönlichkeiten des Zeitgeschehens, zum Beispiel Politikern oder Prominenten, kann sie überschritten werden – und es wird dann kenntlich mit Namen und oft auch Bild berichtet. Warum eigentlich? Die Antwort ist klar: Es besteht ein öffentliches Interesse daran. Ist dieses jedoch nicht gegeben, dann hat die Redaktion das Private zu respektieren und zu akzeptieren.

Und das tut sie auch. Es muss in diesem Fall also reichen, über das tragische Geschehen am Altkleidercontainer zu berichten. Polizei und Staatsanwaltschaft hatten ihn, wie berichtet, anschließend untersucht. Es gab dabei keine Erkenntnisse, die dazu führten, weitere Ermittlungen aufzunehmen. Sie wurden eingestellt. Es war ein Unglück. Auch eine Falsch-Information konnten wir in unserer Berichterstattung noch aufklären: Entsorger Alba hatte zunächst eine unkorrekte Angabe über die Herkunft des Containers gemacht, sich dann aber auf Nachfrage korrigiert. Mit dem tragischen Geschehen hatte dies jedoch nichts zu tun. Es bleibt dabei: Man darf nicht hineinklettern. Punkt.

Interessant wird es nun, wenn der Name des Opfers doch noch auftaucht. Es ist nicht so, dass sich die Regeln ändern, nur, weil nun RTL im TV und die BUNTE Illustrierte darüber berichten. Ohnehin sind sie weit weg. Und unsere Zeitung ist dicht dran, gleich in der Nachbarschaft. Dicht dran an Familienangehörigen, Lebensgefährten, Kind, Mitbewohnern, Mitarbeitern, Freunden, tja, eben allen, die uns zu schützen eigentlich aufgegeben ist. Und was machen wir denn nun? Die Schwester des Verstorbenen war, wie wir nun von Fachjournalisten der Promi-Branche erfahren, bis 2012 eine TV-Moderatorin. Mit dem tragischen Geschehen am Altkleidercontainer in Braunschweig hat dies aber gar nichts zu tun. Und wir haben auch keinen Grund, von unseren guten Regeln abzuweichen. Dies gilt übrigens auch dafür, dass wir nun wissen, welchen Beruf der Mann hatte und für wen er tätig war. Es bleibt Privatsache.

Und warum steht dann oft aber doch Privates auch in unserer Zeitung? Zum Beispiel unser heutiger Aufmacher über den 27-Jährigen, der nach einem Badeunfall querschnittsgelähmt ist und nun verzweifelt Pflegepersonal sucht? Das hat drei Gründe. Erstens: Mit diesem Artikel können wir Hilfe leisten und Menschen zusammenführen. Zweitens: Der Mann, um den es geht, vertraut uns und vertraut uns Persönliches an. Und drittens: Für unsere Leser ist dies eine von jenen Geschichten, die sie gern lesen möchten und von denen sie sich bewegen lassen. Jedes dieser Argumente ist zu bedenken. Und jedes ist abzuwägen.

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