Braunschweig. Das „Team Wallraff“ hat verdeckt gedreht. Das Heim spricht von einzelnen Fehlern im Umgang mit Bewohnern, die man außerordentlich bedauere.

Seit fast zehn Jahren recherchiert das „Team Wallraff“ für den Privatsender RTL bundesweit in Unternehmen – stets verdeckt und mit dem Anspruch, Missstände aufzudecken. Der Journalist Günter Wallraff (79) ist dabei nicht mehr selbst als Undercover-Reporter im Einsatz, begleitet die Recherchen aber nach wie vor.

Immer wieder steht die Pflegebranche im Fokus, so auch in einem Beitrag, der Ende Juni ausgestrahlt wurde. Darin geht es um drei Heime der Alloheim-Kette in Frankenberg, Cloppenburg – und Braunschweig. Wallraff begründet die Recherchen bei Alloheim damit, dass zu diesem Unternehmen auffallend viele Beschwerden eingegangen seien.

Alloheim betreibt bundesweit 243 Pflegeheime

Die Alloheim Senioren-Residenzen SE, eine Aktiengesellschaft mit Sitz in Düsseldorf, betreibt bundesweit 243 Pflegeheime, 90 Einrichtungen mit betreutem Wohnen und 25 ambulante Pflegedienste. Man habe aus knapp 50 der Heime „Hilferufe“ von Betroffenen erhalten, so Wallraff.

Ihm zufolge geht es vor allem um Pflegemängel, unwürdige Behandlung von Pflegebedürftigen, Überlastung des Personals. Die grundsätzliche Ursache aus seiner Sicht: das Streben nach Gewinnmaximierung.

Im Fokus der Reporter steht die „Junge Pflege“

Der TV-Beitrag befasst sich mit der Abteilung „Junge Pflege“ in der Senioren-Residenz Brunswik im westlichen Ringgebiet. In der „Jungen Pflege“ werden pflegebedürftige Erwachsene versorgt, die unter 65 Jahre alt sind. Nach Auskunft der Alloheim-Zentrale gibt es in der Einrichtung 22 entsprechende Plätze – zusätzlich zu rund 80 Bewohnern im Rentenalter.

Das „Team Wallraff“ war insgesamt mit drei Leuten verdeckt vor Ort. Zum einen hatten sich eine Reporterin und ein Reporter als Angehörige einer Person ausgegeben, die einen Pflegeplatz in der „Jungen Pflege“ braucht. Zum anderen war eine Reporterin als Praktikantin in dieser Abteilung im Einsatz.

Laut dem Unternehmen wohnen in der Alloheim Senioren-Residenz Brunswik zurzeit rund 100 Frauen und Männer, und es gibt ebenso viele Beschäftigte
Laut dem Unternehmen wohnen in der Alloheim Senioren-Residenz Brunswik zurzeit rund 100 Frauen und Männer, und es gibt ebenso viele Beschäftigte © Bernward Comes

Viele Mutmaßungen, aber auch einige Fakten

Was an dem Beitrag auffällt: Es werden viele Mutmaßungen und persönliche, emotionale Wertungen geäußert, insbesondere von der „Praktikantin“. Eine tatsächliche Einordnung ist für die Zuschauer oft nicht möglich. Die gefilmten Szenen und Äußerungen von Beschäftigten sind meistens Momentaufnahmen, deren Kontext im Dunkeln bleibt. Dennoch zeigen die verdeckten Kameraaufnahmen auch einige Fakten, zum Beispiel die folgenden vier.

1. So schildert die „Praktikantin“ einen Pflegefehler, teilweise ist dies auch zu sehen. Einer Bewohnerin wurden demnach zunächst die wunden Füße gewaschen – und danach laut der Reporterin mit demselben, nicht ausgespülten Waschlappen der Intimbereich, der sehr gerötet war.

2. Eine Pflegerin zeigt der „Praktikantin“ beim Waschen einer Person eine Hautreizung – mit dem Hinweis, dass dies eine Folge schlechter Pflege sei.

3. Für Bewohner der „Jungen Pflege“ sind Therapien und Beschäftigungen vorgesehen. Unter anderem deswegen kostet ein Platz in diesem Bereich auch mehr als in der Altenpflege – weitere Gründe dafür sind ein höherer Personalschlüssel und eine höhere Quote an Fachkräften. Die Reporterin hat den Eindruck, dass Therapien und Beschäftigungen sehr zurückhaltend eingesetzt werden, stattdessen aber häufig der Fernseher zur Berieselung läuft.

Sie fragt die Pflegekräfte: „Findet Ihr eigentlich, dass die genug beschäftigt werden?“ Die Antwort: „Nee, viel zu wenig.“ Auf die Frage der verdeckten Reporterin, was man denn im Ergotherapieraum alles machen könne, lautet die Antwort: „Alles Mögliche, wenn man dazu kommen würde.“ Sie fragt weiter: „Wird das denn genutzt hier?“ Antwort: „Nee, gerade nicht.“ Der Ergotherapieraum werde gerade für Besprechungen genutzt.

Das „Team Wallraff“ blendet hierzu eine Stellungnahme von Alloheim ein: „Die Unterstellung, der Therapieraum werde kaum bzw. selten genutzt, ist falsch. Richtig ist, dass der Therapieraum entsprechend der Therapiepläne der Ergotherapeuten regelhaft genutzt wird.“

4. Die Reporterin hat den Eindruck, dass nicht alle Beschäftigten mit psychisch erkrankten Bewohnern angemessen umgehen können. Ein Kollege sagt dazu: „Wir sind solchen Situationen eigentlich nicht unbedingt gewachsen.“ Er habe keine entsprechende Ausbildung, auch die anderen nicht.

Am Ende des Beitrags zieht die Reporterin folgendes Fazit: „Fast 6000 Euro monatlich für die ,Junge Pflege’ im Alloheim Braunschweig bei Pflegegrad fünf. Die Bewohner und ihre Angehörigen erhoffen sich Therapien. Sie erhoffen sich ein Stück mehr Lebensqualität. Mein Eindruck: Diese Menschen werden hier in der Jungen Pflege im Alloheim Braunschweig nur verwahrt.“

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Alloheim: Wir haben die erforderlichen Schritte eingeleitet

Was sagt das Heim dazu? Wir haben die Leiterin der Senioren-Residenz um Stellungnahme gebeten. Die schriftliche Antwort schickte dann ein Sprecher der Alloheim-Kette. Er spricht von einigen Fällen individueller menschlicher Fehler im Umgang mit Bewohnern in der Einrichtung in Braunschweig, „die wir außerordentlich bedauern und sehr ernst nehmen“. Die Vorkommnisse seien erst durch den Beitrag bekannt geworden. Dagegen würden „umgehend die erforderlichen Schritte“ eingeleitet. Welche, das blieb trotz Nachfrage offen.

Es seien Einzelfälle, die sich derzeit in der Prüfung befänden, so der Sprecher. „Falls erforderlich, werden wir konsequente Maßnahmen zur Sicherstellung eines dauerhaft hohen Pflege- und Betreuungsniveaus in der betreffenden Einrichtung einleiten und umsetzen.“ Grundsätzlich werde jeder Beschwerde und jedem Hinweis auf Verstöße gegen die Qualitätsvorgaben nachgegangen. Abweichungen von den Vorgaben würden von Alloheim nicht toleriert und sofort behoben, sobald es Kenntnis davon gebe.

Alloheim: Es ist ein falscher Eindruck entstanden

Das Ziel sei und bleibe es, eine einheitlich hohe Pflegequalität in allen Einrichtungen dauerhaft zu gewährleisten, betont er. Am Tag nach der TV-Ausstrahlung seien bereits Vertreter des Management-Teams in Braunschweig gewesen, die die Situation im Gespräch mit den Mitarbeitern analysiert hätten. Erste Maßnahmen seien eingeleitet worden, zu Einzelheiten aber wolle man sich nicht äußern, so der Sprecher.

Alloheim spricht von einem falschen Eindruck, der entstanden sei. Der Beitrag stelle Situationen verzerrt dar, verallgemeinere Einzelfälle, unterschlage Informationen, die dem Sender mitgeteilt worden seien. Welche Informationen das seien, teilte der Alloheim-Sprecher auf Nachfrage nicht mit.

Gesundheitsminister Lauterbach: Das Pflegepersonal gibt alles

Günter Wallraff spricht in dem Beitrag auch mit Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), der zu den strukturellen Problemen Stellung bezieht: „Die Pflege ist in Deutschland unterfinanziert.“ Es sei politisch bereits einiges passiert, die Ausbildung sei aufgewertet worden, so dass sich wieder mehr Menschen für den Beruf interessierten. Zudem solle es eine bessere Vergütung geben und auch die Arbeitsbedingungen sollten verbessert werden.

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Auch müsse sichergestellt werden, „dass Einrichtungen, die große Probleme haben, keine Profite abführen“, so Lauterbach. Er warnte jedoch davor, die Pflege in Deutschland über einen Kamm zu scheren, auch wenn es Missstände gebe. „Die Pflege in Deutschland ist in der Gänze nicht schlecht.“ Das Pflegepersonal gebe alles, aber die Bedingungen seien nicht gut.