OB-Wahl in Braunschweig

Tatjana Schneider: Ich stehe für eine Stadt, die menschennah ist

Lesedauer: 15 Minuten
Tatjana Schneider (47) lebt mit ihrer Familie seit drei Jahren in Braunschweig. Zuvor war sie lange Zeit in Großbritannien tätig.

Tatjana Schneider (47) lebt mit ihrer Familie seit drei Jahren in Braunschweig. Zuvor war sie lange Zeit in Großbritannien tätig.

Foto: Bernward Comes

Braunschweig.  Braunschweiger OB-Kandidatin im Interview: Tatjana Schneider spricht über ihre Ideen von einem klimaneutralen und solidarischen Braunschweig.

Tatjana Schneider will Oberbürgermeisterin werden. Die Architekturprofessorin ist parteilos und wird von den Grünen und den Piraten unterstützt.

Frau Prof. Schneider, wie kommt eine Architekturprofessorin auf die Idee, den akademischen Elfenbeinturm zu verlassen und Oberbürgermeisterin der zweitgrößten Stadt Niedersachsens zu werden?

Ich habe nie etwas mit dem akademischen Elfenbeinturm anfangen können! Meine Arbeit war schon immer eine Arbeit mit der Stadt. Trotzdem ist die Kandidatur ein gewisser Richtungswechsel. Als Wissenschaftlerin geht es mir nahe, dass die warnenden Stimmen so vieler Kolleginnen und Kollegen zum Klimawandel scheinbar verhallen. Deshalb drängt es mich, auch politische Verantwortung zu übernehmen und als Verwaltungschefin ambitionierte Vorschläge zu machen und für Mehrheiten zu sorgen, die uns endlich ins konsequente Umsteuern bringen.

Wofür genau stehen Sie?

Zwei große Themen liegen mir besonders am Herzen: Braunschweig so schnell wie möglich klimaneutral machen und das soziale Miteinander zu stärken. Ich stehe für eine Stadt, die die Quartiere stärkt, in allem, was sie tut, menschennah ist, und alle im Blick hat. Ziel muss es sein, gerechte Voraussetzungen für jede und jeden zu schaffen. Das sind meine Vorstellungen von einem solidarischen, fürsorglichen und um das Gemeinwohl bedachten Braunschweig.

Lassen Sie uns über einige konkrete Punkte reden. Auf Ihrer Internetseite plädieren Sie zum Beispiel für Tempo 30 in der gesamten Stadt abseits der Hauptverkehrsstraßen. Viele fühlen sich bei solchen Forderungen gegängelt.

An vielen Stellen wird doch eh nicht schneller gefahren. Ich sage: Auf kleinen Strecken ausprobieren und dann die Wirkung überprüfen. Studien in anderen Städten zeigen, dass eine Temporeduzierung die Sicherheit und das Sicherheitsgefühl vieler Menschen steigert. Natürlich wäre es einfacher, wenn der Bund die Regelgeschwindigkeit in Städten auf Tempo 30 festlegen würde.

Was halten Sie von einer autofreien Innenstadt? In Hannover hat dieses Experiment des grünen Oberbürgermeisters gerade zu viel Stau und Frust geführt.

Es gab aber auch viel Zuspruch. Man muss es einfach versuchen. Wir sehen es an Städten wie Paris, Oslo oder Barcelona. Die sind dabei, ihre Städte weitestgehend vom Autoverkehr zu befreien. In Braunschweig wäre der erste Schritt, den Bereich innerhalb des Cityrings für den Durchgangsverkehr zu sperren. Dann schauen wir weiter.

Städte vom Autoverkehr befreien, das klingt nach Kampf.

Es geht um eine Prioritätenverschiebung hin auf das, was die Stadt lebenswert macht. Da geht es nicht nur um CO2-Emissionen, sondern auch um Lärm, Feinstaub, Gesundheit. Die Reduzierung des Autoverkehrs ist eine absolute Notwendigkeit. Auch wir müssen das probieren – nicht nur für eine Stunde oder zwei, sondern längerfristig. Und dann analysieren: Wie verändert sich der Verkehr? Wird er weniger? Wird er verlagert? Gleichzeitig gilt es, den ÖPNV zu stärken, Routen für das Fahrrad attraktiver zu machen und Lust auf das Zufußgehen zu machen. Es wird eine Verschiebung in unserer Mobilität geben – und der Raum ist begrenzt. Deshalb müssen Autos Raum abgeben.

Aber was sagen Sie all jenen, die damit den Einzelhandel und die Innenstadt in Gefahr sehen?

Auch da können wir in andere Städte schauen. Dort zeigt sich: viel wichtiger als Parkplätze direkt vor der Ladentür sind gute Fußwege, Orte des Verweilens, ein Spielplatz mitten in der Stadt, oder wenn es attraktive Grünflächen und Parks in der Innenstadt gibt, wenn Aufenthaltsqualitäten geschaffen werden. Also: Versuchen!

Die autofreie Innenstadt ist kein Schritt, den man von 0 auf 100 fährt, sondern man muss Teile der Stadt für ein Wochenende, eine Woche, drei Monate vom Autoverkehr freimachen – und dann im Realexperiment mit den Menschen die Situationen gestalten. Gleichzeitig müssen wir die Alternativen zum Auto für Pendlerinnen und Pendler ausbauen: ÖPNV und das regionale Radnetz. Mir geht es allerdings in Bezug auf die Innenstadt vor allem darum, dass der öffentliche Raum mehr konsumfreie Angebote hat.

Eine Innenstadt ohne Geschäfte?

Nein, Geschäfte gehören in die Innenstadt – aber sie werden weniger stark dominieren. Die Innenstadt ist ein Treffpunkt. Allerdings hat sie mehr Potenzial: Sie könnte mehr zu einem produktiven Ort werden. Essbare Städte sind zum Beispiel etwas ganz Tolles: Wir pflanzen auf unseren Grünflächen nicht mehr nur Blumen, sondern auch Essbares. Von Fassaden wachsen Früchte oder Kräuter. Auch soziale, kulturelle und gemeinwohlorientierte Einrichtungen gehören dorthin. Insgesamt: Viel mehr Abwechslung und Vielfalt an Nutzungen!

Um die Klimawende zu schaffen, muss aber deutlich mehr passieren. Worauf müssten sich die Bürger bei einer Oberbürgermeisterin Tatjana Schneider einstellen?

Klimaschutz hätte mit mir auf jeden Fall absolute Priorität. Das sehe ich einerseits in einer personellen Stärkung des Klimaressorts, und andererseits in einer inhaltlichen Durchdringung aller Bereiche der Verwaltung, so dass wirklich jede und jeder mit einer Klimaschutzbrille auf alles schaut, was wir tun.

Eine entscheidende Rolle spielt außerdem BS Energy. Das Unternehmen will bis 2035 klimaneutral werden. Mit dem Kohleausstieg und dem Kraftwerksneubau geht es schon einen großen Schritt. Aber das reicht nicht, weil immer noch Gasturbinen im Spiel sind. Wir müssen von den fossilen Energien komplett wegkommen, etwa mit einer Wasserstoffergänzung. Als Oberbürgermeisterin wäre ich Aufsichtsratsvorsitzende und würde das vorantreiben.

Und im Baubereich müssen wir dafür sorgen, dass klimaneutrale oder klimapositive Quartiere entstehen und die bestehenden Stadtquartiere klimaneutral werden.

Was bedeutet klimapositiv?

Das bedeutet, dass ein Gebäude oder ein Zusammenschluss von Gebäuden mit gemeinsam genutzter Technik mehr Energie produziert, als die Menschen dort für Strom, Heizen und Kühlen verbrauchen. Dann kann diese Einheit Energie an andere abgeben.

Im Bereich der Gebäude können wir mit kleinen Eingriffen optimieren. Man muss nicht immer Dämmung ranpacken, und es muss auch nicht immer viel Geld kosten. Ein guter Weg ist zum Beispiel die Umnutzung einer Fassade als produktive Fassade, die Energie erzeugt oder Temperaturen runterdrosselt. Dazu gibt es Modelle in anderen deutschen Städten. Ein weiterer Schritt ist es, unsere Dächer mit Photovoltaik auszustatten. Das hat nichts mit erhöhten Kosten für die Vermieter*innen oder die Eigentümer*innen zu tun, sondern mit innovativen Konzepten.

Aber irgendjemand muss es doch bezahlen.

Kurzfristig mag manches teurer sein. Klimaneutrale Bauten beispielsweise sind zunächst 10 bis 15 Prozent teurer. Aber langfristig werden Ressourcen und Kosten gespart.

Wie viele neue Baugebiete braucht Braunschweig noch? Bis 2030 sollen weitere 8000 Wohneinheiten gebaut werden. Ist das trotz stagnierender Einwohnerzahl nötig?

Wo wir einen großen Engpass haben, ist im bezahlbaren Wohnraum. Ich glaube aber nicht, dass dieser Engpass ausschließlich durch Neubau gelöst wird.

Neues Planungsrecht muss mit Sorgfalt vorbereitet werden. Und es gilt immer: so wenig wie möglich neu versiegeln. Wir müssen bei den anstehenden Bauprojekten stärker Vorgaben machen: Dort muss bezahlbarer Wohnraum nicht nur nach der Anzahl der Wohnungen entstehen, sondern prozentual bezogen auf die Quadratmeter. Sonst sind zwar Mini-Wohnungen günstig, aber Wohnungen für Familien und andere Wohnformen fehlen.

Welche Quote schlagen Sie für Sozialwohnungen vor? Im Moment müssen in Braunschweig 20 Prozent der Wohnungen im Geschosswohnungsneubau als Sozialwohnungen ausgewiesen werden.

30 Prozent wären das Minimum.

Wie stehen Sie zum Bau weiterer Einfamilienhaus-Siedlungen?

Ich bin nicht pauschal gegen Einfamilienhäuser. Aber ich sehe nicht, dass wir eine große Not in dem Bereich haben. Wir müssen hier flexibler, kreativer denken: Viele ältere Menschen leben in Einfamilienhäusern, die inzwischen eigentlich viel zu groß für sie sind. Da könnte man schöne Tauschangebote machen, denn ältere Menschen profitieren ja von einem engeren städtischen Kontext: Einkaufsnähe, Ärzte… Eine junge Familie könnte also in das Einfamilienhaus älterer Menschen ziehen – und diese wiederum in die kleinere Wohnung der Familie.

Grundsätzlich leben wir alle auf großem Raum. 47 Quadratmeter pro Person sind es im deutschlandweiten Durchschnitt. Das ist viel, und es kostet. Da gilt es, über Pilotprojekte zu zeigen, dass kompakter gut gelebt werden kann, und dass dieses gute Leben sich auch für alle rechnet. Ich plädiere dafür, sehr vorsichtig mit dem Boden, der uns zur Verfügung steht, umzugehen. Tendenziell müssen wir entsiegeln, statt zu versiegeln. Und wenn gebaut werden muss, dann kompakt und vorrangig auf versiegelten Flächen. Die Holwedestraße könnte ein Prestigeprojekt werden, das bezahlbaren Wohnraum mitten in die Stadt bringt. Auch das Viertel vor dem Hauptbahnhof ist ein Bereich, wo ich mir das vorstellen kann.

Bislang war aber bei der Neugestaltung vor dem Hauptbahnhof nicht die Rede davon, dass in größerem Umfang bezahlbarer Wohnraum entstehen soll. Außerdem gibt es Kritik, weil dort Bäume verschwinden sollen – auch wenn geplant ist, mehr Bäume neu zu pflanzen. Wie stehen Sie dazu?

Es ist ja noch nicht ganz festgezurrt, was gemacht wird. Da würde ich ab November gern einen Blick drauf werfen. Ganz klar: Jeder Baum und jede Grünfläche ist wichtig für die Stadt. Es gilt, mit der Natur zu planen, nicht gegen sie. Dass das nicht unmöglich ist, zeigen viele architektonische Projekte. Mein Leitsatz bei allen Planungen: Stadt, Natur und Klimaschutz miteinander und nicht gegeneinander denken.

Die Klimawende wird teuer. Woher kommt das Geld?

Da hilft zum Beispiel schon ein Blick auf die Planung: Die ist häufig furchtbar kompliziert und kostet deswegen wahnsinnig viel Geld. Der Rückbau von Fahrbahnen geht zum Beispiel oft einher mit einer kompletten Umgestaltung der Verkehrsflächen. Aber muss es immer so kompliziert und aufwendig sein? Nein! Wir müssen lernen, mit Übergangslösungen und einer größeren Unordnung in der Stadt zu leben. Dinge können auch erst mal provisorischer sein und so gestaltet werden, dass sie nochmal anpassbar sind.

Aber lassen Sie uns auch auf ganz viele kleine Projekte gucken, die sehr, sehr teuer sind. Ich spreche mal die neuen Toilettenanlagen an, die pro Stück fast 300.000 Euro kosten. Oder die elf Bäume rund ums Schloss: 270.000 Euro. Da wird viel Geld ausgegeben für einen Effekt, der relativ minimal ist, und wo wir mit besseren und klügeren Planungen viel Geld sparen könnten.

Der Toiletten-Effekt ist aber nicht zu unterschätzen. Da gibt’s ein echtes Bedürfnis.

Ja, aber fast 300.000 Euro sind eine heftige Investition. Hätten wir hier nicht einen Leerstand umnutzen und diese Toiletten dort integrieren können?

Das geht vielleicht in der Innenstadt, aber nicht im Inselwallpark oder im Westpark, wo solche WCs auch aufgestellt werden sollen.

Ja, aber dann fängt man eben mal an einer Stelle an. Mir geht es darum, einen neuen Blick auf diese Projekte zu werfen. Schon dadurch könnte Geld gespart werden, das an anderer Stelle fehlt.

Sehen Sie Bedarf, etwa die Gewerbesteuer zu erhöhen?

Nein. Mit Blick auf Unternehmen ist wichtig, dass wir auf ganz vielen Ebenen ein Umfeld schaffen, das es leicht macht, sich hier anzusiedeln. Da geht’s um Anmietung von Raum, um das Beantragen von Fördermitteln, um das Schmieden von Kontakten. Hier kann die Stadt viel beitragen: vielfältigen und finanzierbaren Wohnraum, interessante kulturelle Angebote, gute Schulen, Hilfen für Menschen mit Unterstützungsbedarf, Vielfalt leben.

Wie sieht es mit Flächen für Industrie und Gewerbe aus? Würden Sie einen neuen Anlauf unternehmen, um den zunächst gescheiterten Plan für ein interkommunales Industrie- und Gewerbegebiet mit Salzgitter bei Stiddien wieder aufleben zu lassen?

Kurzfristig sehe ich da keinen Bedarf. Gerade wenn wir die Flächenversiegelung auf Null runterbringen wollen, müssen wir verdichten und existierende Flächen stärker auslasten, bevor etwas Neues versiegelt wird. Beim genannten Projekt würde zudem sehr fruchtbarer Boden versiegelt – auch solche Parameter müssen wir berücksichtigen.

Aber laut der Stadt sind die noch vorhandenen innerstädtischen Gewerbeflächen zu klein und zu nah an Wohnhäusern. Es heißt, der Wohlstand sei gefährdet, wenn keine weiteren großen Flächen ausgewiesen würden.

Leider bleibt diese Diskussion um Gewerbeflächen sehr intransparent. Es ist wesentlicher Teil meiner Idee für die Stadt, dass Prozesse transparenter gestaltet werden müssen. Kann gewerblicher Flächenbedarf auch stärker in der Höhe von Gebäuden abgebildet werden? Besteht die Chance, auch Bürogebäude (bei mehr flexibler Arbeit) in gewerbliche Nutzung umzuwandeln? Gleiches gilt für künftig nicht mehr genutzte Parkhäuser. Und: Wer stellt welche Anträge? Welche Interessen stehen dahinter? Wie ist das mit dem Gemeinwohl vereinbar?

Zum Schluss: Welcher weitere Punkt ist Ihnen noch wichtig?

Wir haben ja über vieles nicht geredet: soziale Gerechtigkeit oder Generationenübergreifende Quartiere. Und: Kultur! Allein in den drei Jahren, in denen ich hier lebe, habe ich das Gefühl, dass sich die freie Szene vervielfacht hat. Es sind viele neue Angebote entstanden. Das macht die Stadt bunter und attraktiver. Mir ist wichtig, dass Kultur nicht differenziert wird in Hochkultur und Subkultur. Allerdings muss anerkannt werden, dass alle unterschiedliche Bedarfe haben und dennoch ähnlich unterstützt werden müssen. Viele in der freien Szene tätigen Menschen konnten während der Pandemie nicht arbeiten, sind aber zugleich verwaltungsscheu. Das müssen wir stärker auf dem Schirm haben und nachsteuern.

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