Braunschweiger Impfzentrum startklar, nur der Impfstoff fehlt

Braunschweig  Die Einsatzkräfte in der Stadthalle können pro Tag bis zu 1600 Menschen impfen. Aber bislang kann es noch nicht losgehen.

 Prof. Dr. Karl Wessel, medizinischer Leiter des Impfzentrums, zeigt die Vorbereitungen zum Aufziehen des Impfstoffes.

Prof. Dr. Karl Wessel, medizinischer Leiter des Impfzentrums, zeigt die Vorbereitungen zum Aufziehen des Impfstoffes.

Foto: Bernward Comes

Wo sonst große Banner für Musicals und Comedyshows werben, hängt jetzt an der Fassade der Stadthalle der unübersehbare Hinweis: Impfzentrum Braunschweig. Ein paar Meter links vom Haupteingang geht’s rein, zumindest theoretisch. Praktisch ist das Impfzentrum noch geschlossen. Zwar ist drinnen alles startklar, aber seit der ersten kleinen Lieferung für Pflegeheime an Silvester gab es bislang noch keinen weiteren Impfstoff. Und die Stadtverwaltung weiß derzeit nicht, wann das Land die nächste Lieferung schicken wird.

Dennoch: Bei einem Presse-Rundgang erläuterten die Verantwortlichen am Montag schon einmal alle Abläufe und Bereiche. Die beiden Chefs vor Ort sind Peter Kropf, Abteilungsleiter bei der Berufsfeuerwehr, und Prof. Dr. Karl Wessel, der bis vor wenigen Monaten die Neurologie des Städtischen Klinikums geleitet hat und inzwischen im Ruhestand ist. Kropf kümmert sich um alles Organisatorische, Wessel ums Medizinische.

Die beiden ziehen den Vergleich, dass sie es hier sozusagen mit einem mittelständischen Unternehmen zu tun haben: Wenn alle Impfstrecken einmal in Betrieb sind, genügend Impfstoff vorausgesetzt, dann müssen rund 70 bis 80 Funktionsplätze pro Schicht besetzt werden. Zwei Schichten pro Tag sind geplant.

Mehr als 100 Ärztinnen und Ärzte wollen helfen

Da geht es natürlich um Ärzte, bis zu 16 pro Schicht. Etwas mehr als 100 Ärztinnen und Ärzte haben sich Kropf zufolge schon als freiwillige Helfer gemeldet. Außerdem bedarf es vieler weiterer Helfer, die impfberechtigt sind. Vor allem die großen Hilfsorganisationen sorgen diesbezüglich für Personal, auch die Bundeswehr beteiligt sich. Des Weiteren sind etliche Mitarbeiter der Stadtverwaltung und des Stadthallen-Teams im Impfzentrum im Einsatz und kümmern sich zum Beispiel um Organisatorisches wie Dienstpläne, Materialbestellung, korrekte Abrechnung gegenüber dem Land, ordentliche Dokumentation, Archivierung und vieles mehr. Auch der Einsatz der mobilen Teams wird hier koordiniert: Seit Silvester fahren sie in Alten- und Pflegeheime – rund 1000 Impfdosen standen mit der ersten Lieferung zur Verfügung.

Nicht zu vergessen: der Sicherheitsdienst. Der Impfstoff wird streng und lückenlos bewacht, auch per Videokamera. Darüber hinaus sorgen Sicherheitsleute im gesamten Impfzentrum für problemlose Abläufe. Ebenfalls unverzichtbar: Reinigungskräfte.

Lieferung bei minus 70 Grad im Trockeneis

Kropf und Wessel schildern beispielhaft den Ablauf von der Lieferung bis zur Impfung. Los geht’s stets mit einem DHL-Paket. „Der Impfstoff wird in kleinen Pizzakartons geliefert, die bei minus 70 Grad in Trockeneis liegen“, sagt Kropf. Bei der ersten Lieferung waren 195 Glasampullen in dem Karton – jede Ampulle reicht für fünf bis sechs Impfungen. Die Temperatur werde während des Transports kontrolliert, betont Kropf.

Im Impfzentrum sind nur drei Mitarbeiter berechtigt, den Impfstoff entgegenzunehmen. Und dann geht’s sofort in den Kühlraum. Die Kühlung ist entscheidend – und ebenso die Zeit: Im Trockeneis ist der Impfstoff bis zu zehn Tage haltbar, aufgetaut bei 2 bis 8 Grad fünf Tage und bei normaler Zimmertemperatur zwei Stunden. In der Küche des ehemaligen Restaurants Löwenkrone wird der Impfstoff zur Injektion vorbereitet: „Die Impfsubstanz muss mit Kochsalzlösung vermischt werden“, erläutert Wessel. Allerdings: Nicht schütteln oder rühren! „Die Eiweißstoffe des Impfstoffs sind sehr anfällig für mechanische Einwirkungen. Man darf das Ganze daher nur vorsichtig schwenken.“

Mit Spritzen wird die jeweilige Flüssigkeitsmenge exakt entnommen. Anschließend bringen Helfer die Spritzen – ohne Erschütterungen! – in die Impfkabinen. Das Ganze läuft quasi „just in time“: Möglichst innerhalb einer Stunde sollen aufgezogene Spritzen verimpft sein. „Den Pieks zu machen, ist das Geringste“, sagt Wessel lachend. Die komplizierteste Arbeit falle vorneweg an.

Bislang können noch keine Termine vereinbart werden

Die Besucher des Impfzentrums müssen dann, wenn hoffentlich bald genügend Impfstoff vorhanden ist und das Impfzentrum startet, den Seiteneingang nehmen – und wirklich erst dann. Das Team des Impfzentrums bittet eindringlich darum, nicht vor dem offiziellen Startsignal vorbeizukommen. „Das bringt nichts, und es werden vor Ort auch keine Termine vergeben“, sagt Kropf. Bislang gibt es noch keine Möglichkeit, Termine zu vereinbaren. Das Land vergibt und koordiniert die Impftermine. Wann die Terminvergabe beginnt, ist offen – das Land wird gesondert darauf aufmerksam machen.

Wer künftig ins Impfzentrum will, kommt nur hinein, wenn die Körpertemperatur unter 38,5 Grad liegt. Am Eingang wird sofort kontaktlos die Temperatur gemessen. Bei normaler Temperatur heißt es dann: Bitte weitergehen! Natürlich nur mit Mund-Nasen-Schutz. Übrigens: Das Impfzentrum ist barrierefrei, also zum Beispiel auch für Rollstuhlfahrer geeignet. Außerdem ist in der Stadthalle eine Begleitung für sehbehinderte und hörgeschädigte Menschen sichergestellt.

Personalausweis und Impfausweis nicht vergessen

Man sollte dann sein Einladungsschreiben bereit halten, das man nach der Terminvereinbarung per Post oder E-Mail erhält. Außerdem wichtig: Personalausweis und Impfausweis. Die Besucher erhalten vor Ort unter anderem einen Aufklärungsbogen und ein Merkblatt mit Hinweisen zur Impfung. Alles liegt mehrsprachig vor. Außerdem wird zum Beispiel erfasst, ob chronische Erkrankungen oder Immunschwächekrankheiten vorliegen.

Weiter geht’s durch einen Wartebereich zum Impfgespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt in abgetrennten Kabinen. Hier können Fragen geklärt werden. Als Nächstes folgt das Impfen, wiederum in eigens dafür hergerichteten Kabinen. Insgesamt 16 Impfkabinen mit Stühlen, Tisch und Liege stehen bereit. „Es ist hilfreich, wenn man sich leger kleidet, zum Beispiel mit einem T-Shirt oder einem kurzärmeligen Hemd, damit man den Ärmel einfach hochschieben kann und nicht erst viel Kleidung ablegen muss“, rät Peter Kropf.

Alle Vorgänge werden ihm zufolge exakt erfasst. Für jeden Geimpften gibt es ein eigenes Datenblatt mit Barcode und Aufkleber der jeweiligen Impfcharge. „Damit wissen wir genau, wer wann mit welcher Impfcharge geimpft wurde“, sagt er. Die Barcodes werden zudem täglich eingescannt, um die Daten ans Land zu übermitteln. Auf diesem Weg wird auch das Robert-Koch-Institut über die Zahl der Geimpften informiert.

Sanitäter stehen vor Ort bereit

Nach dem Pieks gehen die Geimpften in einen Wartebereich, wo sie sich eine Weile aufhalten können. Die ersten Impfungen in den Alten- und Pflegeheimen haben laut Wessel gezeigt, dass es hinterher keine Probleme gibt – mehr als 400 Menschen wurden bereits geimpft. Falls der Kreislauf aber doch mal ein wenig ins Holpern kommen sollte, stünden auf jeden Fall sofort Sanitäter bereit, um einzugreifen. Im Wartebereich soll jeder Geimpfte auch noch einmal auf seinen zweiten Impftermin hingewiesen werden. Denn der bislang zugelassene Impfstoff von Biontech und Pfizer wirkt nur bei zweimaliger Impfung richtig. Im Idealfall liegen zwischen beiden Terminen 21 Tage.

Pro Tag können Peter Kropf zufolge bis zu 1600 Menschen geimpft werden, wenn das Impfzentrum voll ausgelastet wird – immer unter der Voraussetzung, dass genügend Impfstoff vorhanden ist. Die Stadt hofft zum einen, dass jetzt schnell Nachschub kommt. „Zum anderen hoffen wir auf einen Impfstoff, der ins ambulante System kann, um das Ganze in die Fläche zu bringen“, sagt Oberbürgermeister Ulrich Markurth. Das heißt: Der jetzige Impfstoff kann aufgrund der hohen Anforderungen an die Kühlung nicht in den Hausarztpraxen geimpft werden. Die Erwartungen richten sich zurzeit auf weitere Impfstoffkandidaten, zum Beispiel von Moderna und Astra-Zeneca.

Markurth: Nachfrage der Bewohnerinnen und Bewohner in Heimen ist groß

Auch wenn noch ungewiss ist, wann das Impfzentrum richtig loslegen kann, appelliert Markurth an die Braunschweiger, sich impfen zu lassen: „Es ist wichtig, dass mindestens zwei Drittel der Bevölkerung einen Impfschutz haben.“ Die Nachfrage der Bewohnerinnen und Bewohner in den Pflegeheimen sei erfreulich groß – und bei den Beschäftigten der Heime setze er auf ein wachsendes Interesse, sagt er.

Übrigens: Die nötige Zweitimpfung für die Bewohner und Beschäftigten in den Heimen, die jetzt geimpft werden, ist gesichert. Das Land hat den entsprechenden Impfstoff bereits gelagert und liefert ihn aus, wenn es soweit ist. Die mobilen Braunschweiger Teams werden also in Kürze noch einmal in den Heimen vorbeikommen, in denen sie schon waren. Ihren täglichen Impfstoff-Vorrat erhalten sie im Impfzentrum. Und um ganz sicherzugehen, müssen sich alle Helferinnen und Helfer der mobilen Teams jeden Morgen einem Corona-Schnelltest unterziehen. Erst bei einem negativen Ergebnis dürfen sie starten. Bislang habe alles geklappt, bekräftigen Kropf und Wessel, die Chefs.

Die beiden loben auch die großen Vorteile der Stadthalle: Sie liegt zentral und gut erreichbar, sie ist groß genug und sie verfügt über Kühlraum und Küche. Insofern ist es jetzt ein Glücksfall, dass sich die anstehende Sanierung immer wieder verzögert hat – denn nach dem ursprünglichen Zeitplan hätte die Stadthalle jetzt schon gar nicht mehr zur Verfügung gestanden. Wie gut, dass es manchmal doch anders kommt, als man plant.

Fakten zur Impfung

Für allgemeine Fragen zum Impfen hat das Land eine Hotline geschaltet: (0800) 99 88 665. Die Hotline steht noch NICHT zur Vereinbarung von Impfterminen zur Verfügung. Demnächst soll es eine Onlineplattform zur Terminvereinbarung geben – aber erst dann, wenn Niedersachsen mehr Impfstoff bekommt. Das Land wird darüber öffentlich informieren und zur Terminanmeldung einladen. Wichtig ist dann: Erst- und Zweitimpfung müssen in einem festgelegten zeitlichen Abstand erfolgen (bei dem jetzigen Impfstoff idealerweise nach 21 Tagen). Um dies sicherzustellen, wird bei der Terminvergabe zugleich der Termin für die Folgeimpfung vereinbart. Eine schriftliche Terminbestätigung erfolgt per E-Mail oder per Post. In dieser wird ein QR-Code mitgeschickt, der beim Impftermin zusammen mit dem Personalausweis vorgelegt werden muss. Zunächst werden alle Alten- und Pflegeheime mit Impfstoff versorgt. Danach werden alle anderen in der ersten Gruppe impfberechtigten Menschen informiert, dass auch sie geimpft werden können – das betrifft Menschen ab 80 Jahren. Impfwillige Menschen, die bettlägerig sind und ihre Wohnung nicht verlassen können, werden von einem mobilen Team aufgesucht.

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