Braunschweiger Wohngebiet: Fast 300 Wohnungen mehr als erwartet

Braunschweig.  Wohngebiet „Heinrich der Löwe“: Es gibt Kritik an der langen Dauer der Arbeiten und am unerwarteten Zuwachs der Wohneinheiten.

Das Wohngebiet „Heinrich der Löwe“ bei Rautheim ist auch zwei Jahre nach Einzug der ersten Bewohner nicht fertig erschlossen.

Das Wohngebiet „Heinrich der Löwe“ bei Rautheim ist auch zwei Jahre nach Einzug der ersten Bewohner nicht fertig erschlossen.

Foto: Henning Thobaben

Vor rund zwei Jahren sind die ersten Bürger im Wohngebiet Heinrich-der-Löwe-Kaserne heimisch geworden. Wer heute durch das Quartier schlendert, sieht schon viele fertige Häuser und neu angelegte Gärten. Doch in anderer Hinsicht ist das Areal noch Baugebiet. An Wohnblöcken wird gearbeitet, viele Straßen sind noch nicht fertig, es gibt bisher weder Kita noch Spielplatz. Auch ein offizieller Schulweg wurde noch nicht ausgewiesen.

„Das hatten wir uns etwas anders vorgestellt“, sagen Jana und Thomas Paulsen. Das Ehepaar bewohnt mit seinen vier Kindern ein Einfamilienhaus und sorgt sich auch aus einem anderen Grund um die Lebensqualität in dem Viertel: Der älteste Sohn muss in die Grundschule nach Rautheim. Oft fährt er per Taxi dorthin – die Stadt ist mangels eines sicheren Schulwegs auf Antrag der Eltern zur Schülerbeförderung verpflichtet. „Gut finden wir das mit dem Taxi nicht. Aber wir nehmen es in Anspruch, damit sich vielleicht schneller etwas tut“, sagt Thomas Paulsen.

Seine beiden Töchter müssen morgens zur Kita in die Innenstadt gebracht werden. „Das machen wir oft mit dem Fahrrad. Damit fährt man gut am Stau vorbei“, sagt der Familienvater. Sein jüngster Sohn liegt friedlich im Kinderwagen und soll ab Frühjahr betreut werden. Aber wo? Nicht weit entfernt vom Haus der Paulsens entsteht der Kindergarten. „Eröffnung sollte ursprünglich 2019 sein“, sagt Jana Paulsen und blickt auf den Rohbau.

SPD im Bezirksrat: Reichen die Kapazitäten der Grundschule?

Es dauert lange, bis alles fertig ist – das ist die eine Seite des Problems für viele Bewohner. Aber es gibt noch eine andere: Die Struktur des Wohngebiets weicht von den Erwartungen ab. Aus diesem Grund hatte die SPD-Fraktion im Bezirksrat kürzlich auch eine Anfrage gestellt: Statt 400 Wohneinheiten entstünden jetzt 695 – eine Steigerung von 74 Prozent.

„Grundsätzlich sind 300 Wohneinheiten mehr ja nicht schlecht“, sagt SPD-Ratsherr Detlef Kühn. Doch weil die Erhöhung nicht mit der Verwaltung abgestimmt worden sei, hätten Planungen für die soziale Infrastruktur nicht angepasst werden können, so Kühn. So sei zum Beispiel die Erweiterung der Grundschule Rautheim gerade erst beschlossen worden. Sollte die erhöhte Zahl an Wohneinheiten nun mit mehr schulpflichtigen Kindern einhergehen, könnten die Kapazitäten der Schule schon bald wieder knapp werden.

Statt 40 Sozialwohnungen nun sogar 80

Verantwortlich für die Erschließung des Baugebiets ist die „Wohnen Heinrich der Löwe GmbH“, ein Gemeinschaftsunternehmen der Kanada-Bau-Gruppe und der MT-Massivhaus-Gruppe. Auf Anfrage unserer Zeitung erklärt Hauke Franke, Geschäftsführer der MT-Massivhaus-Gruppe, dass der von der Stadt erlassene Bebauungsplan Art und Maß der Bebauung regele. Das dem Bebauungsplan beigefügte unverbindliche Bebauungsbeispiel bilde jedoch in keiner Weise Wünsche der späteren Erwerber der Grundstücke ab.

So könnten die Grundstückserwerber beispielsweise statt eines im Nutzungsbeispiel aufgeführten Einfamilienhauses letztlich ein Doppelhaus errichten lassen. Im Geschosswohnungsbau sei es den Besitzern ebenso erlaubt, statt vier Wohnungen mit jeweils 140 Quadratmetern lieber acht Wohnungen zu je 70 Quadratmetern zu realisieren. Weil über die Bebauungsform der Erwerber entscheide, könne der Erschließungsträger auch keine Abstimmung mit der Verwaltung vornehmen.

„Es gibt keine Änderungen oder Neuplanungen im Vergleich zum Bebauungsplan. Es gab auch zu keinem Zeitpunkt eine Festlegung auf eine Maximalzahl an Wohneinheiten für das Gesamtgebiet“, betont Franke. Er versteht die Aufregung nicht.

Durch die erhöhte Anzahl an Wohneinheiten im Geschosswohnungsbau würden statt der prognostizierten 40 Wohneinheiten im sozialen Wohnungsbau nun sogar 80 Einheiten entstehen. „Eine Negativentwicklung vermögen wir darin nicht zu erkennen, im Gegenteil“, meint Franke. Auch städtebaulich sei die Entwicklung zu begrüßen. Schließlich würden ohne weitergehende Eingriffe in Natur und Landschaft deutlich mehr Wohneinheiten geschaffen als einst prognostiziert.

Kita soll im Sommer betriebsbereit sein

Bleibt die Frage nach der Infrastruktur. Dass die Kita immer noch Baustelle ist, will Franke nicht verantworten. „Das Verfahren zur Erteilung der Baugenehmigung hat bei der Stadt Braunschweig acht Monate in Anspruch genommen“, sagt er. Aber: Man sei gewillt, die Einrichtung zum Beginn des nächsten Schul- und Kindergartenjahres betriebsbereit fertigzustellen.

Und auch bei den Straßen gehe es bald los. Aber, so Hauke: Gemäß dem städtebaulichen Vertrag dürfe mit dem Ausbau der Erschließung erst begonnen werden, wenn 75 Prozent der Bauten fertig gestellt seien. Für den weitgehend fertig bebauten östlichen Gebietsteil hoffe man auf eine Genehmigung seitens der Stadt, früher anfangen zu dürfen. Auch die Zahl der PKW-Stellplatzflächen liege über dem von der Stadt vorgegebenen Stellplatzschlüssel – trotz mehr Wohneinheiten.

Anwohner und Lokalpolitiker indes wollen die Entwicklung weiter genau beobachten. Und sie erhoffen sich noch einige Antworten zu weiteren Detailfragen. Familie Paulsen hat sich deshalb zusammen mit einigen Nachbarn in einem Schreiben an Oberbürgermeister Ulrich Markurth gewandt.

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