Sozialausschuss fordert „Runden Tisch Sexarbeit“ in Braunschweig

Braunschweig.  Der Antrag kommt von der Gruppe P². Im Gespräch ist auch eine Beratungsstelle, um Prostituierten den Ausstieg zu erleichtern.

Normalerweise wohnen und arbeiten in der Bruchstraße rund 120 bis 130 Frauen, berichtete die Gleichstellungsbeauftragte Marion Lenz. Momentan ist Prostitution angesichts von Corona verboten.

Normalerweise wohnen und arbeiten in der Bruchstraße rund 120 bis 130 Frauen, berichtete die Gleichstellungsbeauftragte Marion Lenz. Momentan ist Prostitution angesichts von Corona verboten.

Foto: Stefan Lohmann / regios24

In der Politik ist der Wunsch groß, Prostituierten mehr Hilfe und Beratung anzubieten. Der Sozialausschuss hat sich jetzt ausführlich mit dem Thema befasst. Auslöser sind die Debatte um den geplanten bordellartigen Betrieb in Gliesmarode und die Notlage vieler Prostituierter angesichts der Corona-Pandemie.

Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, Marion Lenz, gab in der Sitzung einen Überblick über die Lage in Braunschweig. Demnach stammen sehr viele Frauen aus Bulgarien. An zweiter Stelle folgen Frauen aus Deutschland mit einem Anteil von rund 20 Prozent. Weitere Herkunftsländer sind Rumänien, Ungarn, Lettland, Tschechien, die Karibik und Südamerika.

„Schätzungsweise 50 Prozent aller Prostituierten in Deutschland sind Zwangsprostituierte“, so Lenz. Wie viele Prostituierte sich in Braunschweig aufhalten, lässt sich nicht exakt sagen. Die Frauen sind überwiegend nur einige Tage oder Wochen hier, bevor sie in eine andere Stadt wechseln oder gebracht werden. Die meisten Aktivitäten gibt es Lenz zufolge freitags: Dann seien im Schnitt 150 bis 180 Prostituierte in der Stadt tätig.

Wohnen und arbeiten in der Bruchstraße

Schwerpunkt ist bekanntermaßen die Bruchstraße. Wie Lenz schilderte, halten sich dort zu normalen Zeiten 120 bis 130 Frauen auf. Sie wohnen und arbeiten in den rund 30 Häusern. Neben dem „Arbeitszimmer“ muss es immer auch noch ein „privates“ Zimmer geben. Außerdem müssen die Frauen unter anderem die Möglichkeit haben, im Haus zu duschen.

Lenz wies darauf hin, dass sich mit dem Inkrafttreten des Prostituiertenschutzgesetzes 2017 einiges verbessert habe. Erst seitdem haben die Behörden die rechtliche Handhabe, von Bordellbetreibern und anderen Prostitutionsstätten-Betreibern das Einhalten von Mindeststandards einzufordern. Vorher habe es sich teilweise um Bruchbuden gehandelt, so Marion Lenz – verschimmelt, feucht, schmutzig. Die schlimmsten Missstände seien nun behoben.

Den meisten fehlt Geld für die Krankenversicherung

Ihr zufolge verdienen die Frauen im Durchschnitt jeweils um die 2000 bis 2400 Euro im Monat. „Davon bleiben gerade mal 400 Euro“, sagt sie. „Den Rest brauchen sie für die Miete und zum Leben. Und von den verbleibenden 400 Euro schicken sie in der Regel noch die Hälfte nach Hause.“

Eine Krankenversicherung könne sich eine Prostituierte für gewöhnlich nicht leisten. „Das Geld verdient das Umfeld. Auch die Stadt hat letztlich gute Steuereinnahmen durch das, was die Frauen an die Vermieter zahlen.“ Und: Etliche hätten aufgrund ihrer prekären Situation Suchtprobleme.

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Ehrenamtliche kümmern sich um die Frauen

Durch das corona-bedingte Verbot von Prostitution sind viele der Frauen in eine Notlage geraten. Dies führte auch zu verbotener Prostitution in Parks und Parkhäusern . Das Problem ist Lenz zufolge, dass die meisten keinen Anspruch auf finanzielle Unterstützung durch den Staat hätten. Das scheitere schon daran, dass es an einer postalischen Adresse mangele.

Ein ehrenamtliches Netzwerk hatte daher bereits im Frühjahr zusammen mit dem Gesundheitsamt schnell eingegriffen und für das Nötigste gesorgt. Teilweise durften die Frauen in der Bruchstraße auch vorübergehend umsonst wohnen.

„Ein leicht zugängliches Angebot möglichst nah an der Bruchstraße“

Marion Lenz schilderte, dass Prostituierte für Sozialarbeiterinnen meist nur schwer erreichbar seien. In der Bruchstraße funktioniere dies noch am besten, anders als bei der vereinzelten Wohnungsprostitution. Dennoch: Eine intensive Beratung sei bislang nicht machbar. Vor allem der Ausstieg aus dem Milieu müsse viel länger begleitet werden, als das zurzeit möglich sei.

Die bestehenden Beratungsstellen und Ansprechpartner in Braunschweig, die jeweils einzelne Themenfelder bearbeiten, sind Lenz zufolge mit den vielfältigen Bedürfnissen und Problemen von Prostituierten überfordert. Viele der Frauen sind Analphabetinnen, sprechen kaum deutsch, haben keinerlei Ortskenntnis. „Wir brauchen eine spezielle Beratungsstelle vor Ort“, sagte Lenz. „Ein leicht zugängliches Angebot möglichst nah an der Bruchstraße.“

Im Sozialausschuss traf dies grundsätzlich auf Zustimmung. Heidemarie Mundlos (CDU) betonte: „Prostitution ist menschenverachtend. Und auch wenn nur bei schätzungsweise 50 Prozent der Frauen Zwangsprostitution vorliegt, kann ich nicht glauben, dass es für die anderen 50 Prozent ein Traumberuf ist. Viele sind da reingerutscht und möchten gerne raus, aber sie wissen nicht wie. Dass man sie dabei unterstützen und begleiten soll, ist etwas, wozu wir alle ja sagen.“

Das Ziel: Ab sofort regelmäßig über das Thema sprechen

Der Ausschuss empfahl schließlich die Einrichtung eines Runden Tisches „Sexarbeit“. Dort sollen alle relevanten Beteiligten mitreden können – und dort könne Konkreteres geplant werden. Die Initiative dazu kam von Maximilian Hahn (Die PARTEI / Gruppe P²).

Er hatte außerdem auch ein Modellprojekt für ein Bordell in Selbstverwaltung beantragt. Damit könnten die Arbeitsbedingungen verbessert und die legale, selbstbestimmte Sexarbeit unterstützt werden, argumentierte Hahn. Frauenhandel, Ausbeutung und Kriminalität würden zurückgedrängt. Er verwies beispielhaft auf ein Modellprojekt in Amsterdam.

Von diesem Vorschlag hielten die anderen Ausschussmitglieder allerdings nicht viel und lehnten ihn ab. Maximilian Hahn hatte damit wohl schon gerechnet. Er sagte abschließend, mit der Einrichtung des Runden Tisches habe er bereits ein wichtiges Ziel erreicht: „Mir geht es darum, dass wir ab sofort regelmäßig über das Thema sprechen.“

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