Braunschweig: Galeria-Mitarbeiter sagen Adieu zu ihren Kunden

Braunschweig.  Am Donnerstag hat das Kaufhaus am Bohlweg geschlossen. Zum Abschied schauten noch einmal viele alte Kunden vorbei.

Zum Abschied winkten die Galeria-Mitarbeiter am Donnerstagmittag ihren treuen Stammkunden zu. Links die Betriebsratsvorsitzende Ute Jordan.

Zum Abschied winkten die Galeria-Mitarbeiter am Donnerstagmittag ihren treuen Stammkunden zu. Links die Betriebsratsvorsitzende Ute Jordan.

Foto: Norbert Jonscher

Als Schmuckverkäuferin Andrea Günter (56) von ihrem ersten Tag erzählt, damals noch in der Schuhabteilung bei Horten, kommen ihr die Tränen – und ihre Kolleginnen heulen mit. An den 1. August 1980 erinnert sie sich noch genau. „Ich weiß es wie heute: Die vielen Leute. Ich hatte regelrechtes Herzklabastern“, erzählt die damals 16-Jährige.

Während eines Schülerpraktikum hatte man sie gefragt, ob sie nicht gleich dableiben wolle, bei Horten lernen möchte? Was für eine Frage.

Um 13 Uhr gingen die Lichter aus

Nun also der letzte Tag. Um 13 Uhr gingen am Donnerstag beim Kaufhaus-Riesen Galeria Karstadt Kaufhof, so heißt er neuerdings, die Lichter aus. Rund 70 Mitarbeiter stehen nun ohne Job da. Immerhin, bis Monatsende sind sie noch damit beschäftigt, ihren Arbeitsplatz aufzuräumen, ihn besenrein an den Hauseigentümer, die Volksbank Brawo, zu übergeben.

„Mit 56 Jahren Bewerbungen schreiben – das ist das Schlimmste“

Das hätte sich noch vor Jahren niemand träumen lassen. Dass sie, sagt Andrea Günter, nun mit ihren 56 Jahren noch das „Arbeitsamt“, wie sie es nennt, von innen kennenlernen, Bewerbungsschreiben aufsetzen würde, das sei „das Schlimmste überhaupt. Und ich dachte immer, ich könnte hier mal in Rente gehen.“

15. Oktober 2020 – zum letzten Tag des Kaufhauses ließen sich noch einmal viele Menschen blicken, ältere Ehepaare Hand in Hand – wohlwissend, dass es hier für sie nichts mehr zu kaufen geben würde. Egal. Ein paar Rest-Postkarten, die niemand haben will, bunte Kinder-Bikinis, die traurig über einem Ständer hängen – das war’s. Schmuck, Uhren, Schuhe – alles längst weg. Eine Ausverkaufsfirma hatte im August das Zepter übernommen und in nur wenigen Wochen für Tabula rasa gesorgt.

„Ich bin sprachlos und traurig, wenn ich das sehe“

„Ich bin sprachlos und traurig, wenn ich das sehe“, sagt uns eine ältere Kundin. Gleich neben dem Eingang hat Betriebsratsvorsitze Ute Jordan Zettel aufgehängt, auf denen Kunden ihre Betroffenheit über die Kaufhaus-Schließung bekunden. „Es ist zum Weinen“, lesen wir auf einem, „ich bin mit Galeria aufgewachsen.“ Auf einem anderen steht: „Das hier ist Teil meiner Kindheit. Ein zentraler Punkt, wo ich alles an einem Ort finde, nicht durch zig Geschäfte gehen muss.“

Ganze Welt auf sechs Etagen

Das war auch die Grundidee damals, im Mai 1974, als das Kaufhaus vom Horten-Konzern eröffnet wurde: „Eine ganze Welt in 6 Etagen“, propagierte man damals. „Auf über 16.000 Quadratmetern breitet sich vor Ihnen aus, was Sie sich nur wünschen können: mehr als 100.000 Artikel aus aller Herren Länder.“

Und heute? Hat König Kunde das alles bequem im Internet. Ohne Rolltreppen fahren zu müssen, kann er daheim nach Herzenslust in aller Welt shoppen, die Waren kommen zu ihm nach Hause. Moderne Zeiten.

Dabei sollte es mal ein Kaufhaus „für die Ewigkeit“ sein, wie sich der frühere Geschäftsführer Friedhelm Unkel (80) erinnert. Auch er war zum letzten Tag erschienen, um sich zu verabschieden. Zum Abschiedsfoto ließ man ihn, wie auch die Mitarbeiter, draußen im Regen stehen. Denn drinnen war das Zeremoniell strikt untersagt worden.

„Die Verkleinerung des Parkhauses war der Kardinal-Fehler“

Das zusammen mit dem Kaufhaus errichtete Parkhaus mit seinen 1.000 Stellplätzen, berichtet Unkel, der die Filiale bis 2002 führte, sollte mal die Gewähr dafür sein, dass stets genug Kunden den Weg ins Kaufhaus finden. Als später ECE, im Zusammenhang mit dem Bau der Schlossarkaden, Teile dieses Parkhauses übernommen hätte, sei das der logische Anfang vom Ende gewesen. Das habe Galeria schnell zu spüren bekommen.

Unkel sollte Recht behalten.

Wie es nun weitergehen wird mit dem Hortenhaus und seiner unverwechselbaren Eiermann-Fassade? Der Blick der Architekten und Stadtplaner richtet sich nach vorn. Niemand mag sich so recht vorstellen, dass der Klotz, der 1974 vor das Magniviertel gestellt wurde, stehen bleiben wird. Das „Hortenhaus“ habe sich überlebt, als Kaufhaus ausgedient. Ein Umbau zum Wohn-, Büro- und Einzelhandelsgebäude? Das, sagen Experten, käme bei dem Aufwand fast einem Neubau gleich.

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