Flüchtlinge in Braunschweig – Warten auf das Happy End

Braunschweig.  Die Geschichte von Kiki Kahsay könnte eine Integrationsgeschichte wie aus dem Bilderbuch sein – wäre da nicht seine große Sorge um die Familie.

Kiki Kahsay aus Eritrea ist in Braunschweig heimisch geworden, hat unter anderem in der Heinrich-Büssing-Berufsschule viel Unterstützung erfahren. Kikis Familie ist immer noch auf der Flucht: Seine jüngeren Geschwister befinden sich zurzeit in Griechenland, der Vater in der Türkei. Schulpfarrer Edgar Austen hat die Redaktion auf den Fall aufmerksam gemacht.

Kiki Kahsay aus Eritrea ist in Braunschweig heimisch geworden, hat unter anderem in der Heinrich-Büssing-Berufsschule viel Unterstützung erfahren. Kikis Familie ist immer noch auf der Flucht: Seine jüngeren Geschwister befinden sich zurzeit in Griechenland, der Vater in der Türkei. Schulpfarrer Edgar Austen hat die Redaktion auf den Fall aufmerksam gemacht.

Foto: Bernward Comes

Es gibt Geschichten über Flüchtlinge, die lesen sich wie aus einem Bilderbuch: Junge Menschen, die Verfolgung und Armut hinter sich lassen, die es schaffen, sich mit viel Fleiß, engagierter Unterstützung und großem Ehrgeiz in der neuen Heimat ein neues Leben aufzubauen. Integration mit Happy End. Auch die Geschichte von Kiki Kahsay könnte so eine Bilderbuchgeschichte sein. Er kam vor fünf Jahren nach Deutschland, allein. 15 Jahre war er da alt. Unbegleitete Minderjährige, so die offizielle Bezeichnung im Asylverfahren, gelten als besonders schutzwürdig.

Mittlerweile besucht der höfliche junge Mann den 12. Jahrgang des Beruflichen Gymnasiums, will sein Abitur mit dem Schwerpunkt IT machen und Bauingenieur werden. „Wenn man etwas erreichen will, muss man etwas dafür tun. Das ist doch klar“, sagt er. Doch die Geschichte von Kiki Kahsay hat auch eine B-Seite, eine traurige und bedrückende Seite.

Die Familie wurde auf der Flucht getrennt

Was Kiki Kahsay umtreibt, wenn er gerade nicht in der Schule ist oder lernt, ist die Sorge um seine Familie. Für sie ist ein Ende der Flucht noch nicht absehbar. Sein Vater und die jüngeren Geschwister Sara (16) und Mele (18) haben eine lange Odyssee hinter sich, wurden auf der Flucht getrennt. Der Vater befindet sich zurzeit in der Türkei, Schwester und Bruder in Griechenland. Bis November dürfen sie sich noch offiziell in Athen aufhalten. Wie geht es dann weiter? Das wissen sie noch nicht. Sie haben kein Einkommen, müssen aber irgendwie Miete und Lebensmittel zahlen. Was Kiki Kahsay in Deutschland von seinem Geld abzwacken kann, das schickt er ihnen. Doch als Schüler hat er selbst kaum Mittel.

Als die Familie sich vor vielen Jahren in Eritrea auf die Flucht gemacht hatte, war Kiki noch ein Kind, gerade mal zwölf Jahre alt. Sein Vater war beim Militär, hatte dort eine Führungsaufgabe. Als Männer aus seiner Einheit ins Ausland flohen, wurde Kikis Vater verantwortlich gemacht und inhaftiert. „Eines Nachts gelang ihm die Flucht aus dem Gefängnis. Er kam, meine Eltern packten schnell die wichtigsten Sachen zusammen, und wir sind geflohen“, erzählt der 21-Jährige. Doch an der Grenze wurde auf sie geschossen, seine Mutter starb an ihren Verletzungen.

Mit 14 Jahren floh Kiki allein nach Europa

Aus dem kleinen afrikanischen Land am Roten Meer fliehen die Menschen in Scharen: Nach einem Bericht der Deutschen Welle vom Juni kamen im letzten Jahr jeden Monat 6000 Flüchtlinge im Nachbarland Äthiopien an. Das Auswärtige Amt bewertet die Lage in Eritrea kritisch, die Deutsche Welle zitiert: „Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind nicht gewährleistet, das politische System ist repressiv. Es existiert keine freie Presse, die Zivilgesellschaft ist marginalisiert. Die Menschenrechte sind stark eingeschränkt.“

Zurück zu Familie Kahsay: Der Vater und die drei Kinder kamen in einem ägyptischen Flüchtlingscamp unter. „Mein Papa wollte versuchen, weiter nach Israel zu kommen und uns dann nachholen“, berichtet Kiki. Lange hörten die Kinder nichts von ihm, wussten nicht, ob er noch lebt. Irgendwann beschloss Kiki, dass es nun an ihm sei, dem ältesten Sohn, die Verantwortung für die kleineren Geschwister zu übernehmen. „Ich war 14, als ich mich auf den Weg machte“, blickt er zurück. Er floh Richtung Europa, in der Hoffnung auf ein besseres Leben für alle.

Später erfuhren sie: Der Vater war an der Grenze zu Israel aufgegriffen und inhaftiert worden. Deshalb konnte er sich über Wochen nicht bei seinen Kindern melden. Als er endlich ein Lebenszeichen geben konnte, war Kiki schon unterwegs: Seine Flucht führte ihn durch den Sudan und Libyen, dann mit Hilfe von Schleusern über das Mittelmeer.

Familiennachzug wurde nach dem 18. Geburtstag abgelehnt

In Deutschland lief für ihn erstmal alles gut, er wähnte sich fast am Ziel: Er kam bei einer netten und hilfsbereiten Pflegefamilie in Cremlingen unter, besuchte die Realschule, lernte Deutsch und wechselte später auf die Heinrich-Büssing-Berufsschule. Kurz nach einem 17. Geburtstag erhielt er eine Aufenthaltserlaubnis. Er stellte einen Antrag auf Familienzusammenführung, reichte fristgerecht die geforderten genetischen Nachweise in der Botschaft ein – und übte sich in Geduld. Seine Familie befand sich zu dieser Zeit im Sudan.

Über Monate tat sich nichts. Erst nach seinem 18. Geburtstag kam der Bescheid: Antrag auf Familienzusammenführung abgelehnt – mit Verweis auf Kikis Volljährigkeit. Die Einreise der nachziehenden Personen muss erfolgt sein, solange die Person noch minderjährig ist. Kiki Kahsay hatte das nicht gewusst. Er fiel aus allen Wolken – das Wiedersehen mit seiner Familie, nach der er sich so sehnt, rückte in weite Ferne. Ein Widerspruch blieb erfolglos. „Das war schrecklich für mich“, sagt er.

Eigentlich hatte Kiki Kahsay ja alles richtig gemacht. Er ist bitter enttäuscht. Die Sorge um die Liebsten überschattet sein Leben. Uwe Salzmann von der Flüchtlingshilfe Refugium sagt: „Die Familie ist ihres Rechtes beraubt worden. Kiki ist kein Einzelfall. Es ist ein Fall von ganz vielen. Aber es ist wichtig, auf diese Fälle aufmerksam zu machen.“ Rechtlich, sagt er, sei gegen die Ablehnung kaum etwas machbar. Der Anspruch auf Familiennachzug erlischt mit Erreichen der Volljährigkeit, so ist es bislang gängige Praxis in Deutschland. Salzmann hofft: „Vielleicht gelingt über den Weg in die Öffentlichkeit etwas. Vielleicht kann die Stadt etwas für Kikis Familie tun, zum Beispiel sich dafür einsetzen, dass die Geschwister mit in das Kontingent aufgenommen werden, wenn die Stadt minderjährige Flüchtlinge aus Griechenland aufnimmt.“

Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs macht Hoffnung

Kiki Kahsay weiß nicht, wie es weitergehen soll. Die Hoffnung seiner Familie ruht auf ihm. Das ist eine schwere Bürde. Seine Geschwister sind in Europa – so nah, und doch so fern. Er überlegt, die Schule abzubrechen und sich einen Job zu suchen, um seine Familie finanziell besser unterstützen zu können. Ein Hoffnungsschimmer bleibt ihm:

Der Europäische Gerichtshof hat im April 2018 entschieden, dass unbegleitete Minderjährige, die während des Asylverfahrens volljährig werden, ihr Recht auf Familiennachzug behalten. „Das Urteil, welches in einem niederländischen Fall erging, stellt auch die bisherige deutsche Praxis und Rechtsprechung infrage“, heißt es auf der Internetseite vom Informationsverbund Asyl und Migration. Das Fazit dort: „Es spricht viel dafür, dass sich auch die deutsche Praxis und Rechtsprechung nach dieser Entscheidung ändern muss.“ Doch sicher ist das nicht – und es kann dauern.

In unserer Serie „Fünf Jahre – Wir schaffen das“ beleuchten wir, wie es in Braunschweig um die Integration steht. Was hat sich aufgrund der Flüchtlinge verändert? Was läuft gut, wo hakt es?

Alle schon veröffentlichten Folgen der Serie finden Sie hier.

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