Wie kam die Ausbildungswerkstatt Braunschweig durch die Pandemie?

Braunschweig.  Der Verein und das Jobcenter berichten, welche Lehren sie aus der Pandemie ziehen. Die digitale Kompetenz sei enorm gestiegen.

Katrin Miehe-Scholz (links, Jobcenter), Alan Brodkorb und Andrea Zauner (beide Ausbildungswerkstatt) in einem der Unterrichtsräume.

Katrin Miehe-Scholz (links, Jobcenter), Alan Brodkorb und Andrea Zauner (beide Ausbildungswerkstatt) in einem der Unterrichtsräume.

Foto: STACHURA / JS

Die Corona-Pandemie erschütterte und erschüttert Braunschweig. Eine neue Normalität hat eingesetzt. Sehnlichst wünschen sich viele die Vor-Corona-Zeiten zurück. Fragt man bei Ausbildungswerkstatt und Jobcenter nach, dann heißt es dort: Diese Zeiten kommen nie wieder zurück.

Die Ausbildungswerkstatt ist eine Institution in Braunschweig. In der ehemaligen Rollei-Ausbildungswerkstatt an der Salzdahlumer Straße sorgt der gemeinnützige Verein seit 35 Jahren dafür, dass rund 400 Jugendliche und junge Erwachsene fit für den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt werden. Die Organisation gleicht einer Schule. „Bis am 17. März die Anordnung kam, dass alle Vereine ihre Tätigkeit einzustellen haben. Anders als Schulen mussten wir Kurzarbeit anmelden und unsere Reserven angreifen, um überhaupt das Kurzarbeitergeld vorfinanzieren zu können“, erinnert sich Geschäftsführer Alan Brodkorb.

Lob für Disziplin der Jugendlichen

Keine Schule zu sein, hieße aber auch: „Wir mussten weder Stadt noch Land fragen, wenn es um Gebäude oder Personal geht. Entlassungen kamen ohnehin nicht infrage, weil die Arbeitslosigkeit steigt. Es wird also eher mehr Personal als weniger benötigt.“ Der Geschäftsführer beschreibt die folgenden zwei Monate als Arbeit auf zwei Ebenen: „Einerseits haben wir den Kontakt zu den Jugendlichen gehalten. Zuerst per Telefon. Mitarbeiter haben abgelegte Handys gespendet, um später auch per Video miteinander sprechen zu können. Es wurden sogar Lehr-Videos an den Maschinen unserer Werkstatt gedreht.“ Die Mühe habe sich gelohnt: „Die Zahl der Abbrecher hat sich verringert.“

Gleichzeitig wurde der Neustart im Mai vorbereitet. Auf eigene Faust musste der Verein Unmengen an Desinfektionsmittel besorgen. Mitarbeiter nähten Masken. Ein Hygienekonzept wurde erstellt. „Wir wussten aber nicht, was auf uns zukommt. Jugendliche wurden in der Pandemie vergessen. Unsere Jugendlichen stehen im Ruf, besonders schwierig zu sein. Darum waren wir sogar darauf vorbereitet, Maskenpflicht und Abstandsregeln durchzusetzen. Absolut überflüssig. Wir wurden von einer großartigen Disziplin überrascht.“

Neue Medien werden entdeckt

Seither läuft der sogenannte Hybrid-Unterricht. Die Hälfte der Jugendlichen kommt in die Ausbildungswerkstatt, die andere Hälfte wird per Video unterrichtet. Die Unterrichtseinheiten wechseln sich ab. Brodkorb sagt dazu: „Die digitale Kompetenz bei den Jugendlichen und den Mitarbeitern hat schlagartig zugenommen. Neue Medien wurden entdeckt. Ich wüsste nicht, warum man das rückgängig machen sollte.“

Jobcenter in Selbstisolation

Ähnlich verhalte sich dies bei allen Bildungsträgern Braunschweigs, so Katrin Miehe-Scholz vom Jobcenter. Sie leitet dort den Bereich Markt und Integration. „Wir können niemanden zu Bildungsträgern schicken, wenn es dort nicht sicher ist.“ Das gelte auch für das Jobcenter selbst. „Schließlich sind wir dafür verantwortlich, dass Hartz-IV-Empfänger pünktlich ihr Geld bekommen und Kurzarbeiter aufstockende Leistungen.“ Über Monate habe sich das Jobcenter darum in Selbstisolation befunden, um jedes Risiko auszuschließen.

Erst jetzt wird es wieder erste persönliche Gespräche mit Leistungsempfängern geben. Dazu wurde umgebaut, berichtet Miehe-Scholz: „Ein ganzes Stockwerk des Toblerone-Hochhauses ist ausschließlich für Beratungsgespräche reserviert. Das werden wir nicht mehr ändern.“ Und zur neuen Realität werde auch gehören, „dass das Homeoffice-Angebot beibehalten wird. Wir haben so viele Hürden praktisch unbemerkt überwunden, um zum Beispiel strengen Datenschutz gewährleisten zu können. Die Kollegen haben so hohe Kompetenzen erworben, das werfen wir nicht wieder über Bord.“

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