Die Krise als Neustart - Tipps von Psychotherapeut Jan Kalbitzer

Braunschweig.  Die Corona-Krise sei eine außergewöhnliche Chance, sein Leben zu verändern, sagt Jan Kalbitzer. Wie das geht, verrät er in seinem neuen Buch.

Der Autor, Psychiater und Psychotherapeut Jan Kalbitzer (42) ist in Braunschweig aufgewachsen.

Der Autor, Psychiater und Psychotherapeut Jan Kalbitzer (42) ist in Braunschweig aufgewachsen.

Foto: Privat / Archiv

Corona hat unser Leben verändert: Wir sehnen uns nach Dingen, die vor der Krise eine Selbstverständlichkeit waren. Wir fühlen uns verletzlicher. Wir mussten mit Gewohnheiten brechen, unser Leben neu strukturieren. Das birgt auch eine Chance, sagt Dr. Jan Kalbitzer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Sein eBook „Krise als Neustart. Eine Anleitung“ stellt er kommende Woche zusammen mit der Buchhandlung Graff bei Instagram vor. Wir sprachen vorab mit dem 42-Jährigen, der in Braunschweig aufgewachsen ist und nun mit seiner Frau und den beiden Söhnen in Berlin lebt. Er hat an der Charité geforscht und leitet seit einem Jahr die Stressmedizin der Oberberg Kliniken. Bekannt wurde er 2016 mit seinem Buch „Digitale Paranoia – Online bleiben, ohne den Verstand zu verlieren“.

Herr Kalbitzer, Corona hat uns bewusst gemacht, wie angreifbar und fragil das System ist, in dem wir leben und in dem wir uns bisher immer sicher gefühlt haben. Erschüttert Corona unser Urvertrauen?

In wohlhabenden Ländern hat die Corona-Krise sicherlich zu einer Verunsicherung geführt: Wie stabil ist das eigentlich alles, etwa unser ökonomisches System und die Versorgungsketten? Diese Verunsicherung hat sich in Form von Hamsterkäufen Ausdruck verschafft. Die Leute haben beispielsweise angefangen, massig Toilettenpapier zu kaufen. Für uns sind solche Sorgen neu, für viele Menschen in ärmeren Ländern ist das Alltag. Wir nehmen das in Westeuropa vielleicht anders wahr, aber ein Großteil der Weltbevölkerung lebt permanent mit Unabwägbarkeiten und Bedrohungen, etwa durch Krankheiten wie Tuberkulose, verseuchtes Trinkwasser, Kriege und vieles mehr. Man könnte also fragen: Haben wir tatsächlich eine Krise? Das ist eine Frage der Wahrnehmung, die Frage, welche Geschichte wir uns erzählen.

Welche Geschichte wir uns erzählen - wie meinen Sie das?

Damit Menschen sich wohlfühlen, brauchen sie das Gefühl, dass die Welt um sie herum Sinn macht. Unsere Psyche versucht immer, eine Geschichte zu erzählen, warum Dinge passieren, da Unverständlichkeit beängstigend ist. Menschen brauchen diese Geschichten, um das Leben aushalten zu können und handlungsfähig zu sein. Wir Menschen leben ja nicht auf der Grundlage von Fakten. Sonst würden wir ja, weil wir wissen, dass eine gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung gut für uns sind, auch entsprechend handeln. Tun wir aber nicht. Wir erzählen uns also eine Geschichte, die die Fakten ergänzt und uns erklärt, warum wir etwas tun. In der Psychotherapie nennen wir das Narrativ. Die Geschichten, die wir uns erzählen, beeinflussen unser Verhalten sehr stark, lenken es in eine bestimmte Richtung.

Könnten Sie ein Beispiel geben?

Aber ja. Seitdem meine Kinder geboren wurden, bin ich weniger fit, weil ich neben der Arbeit und der Kinderbetreuung weniger Zeit für Sport habe. Jetzt kann ich mir sagen: Ich bin so unfit geworden und werde nie wieder so fit wie früher. Das wäre destruktiv, denn mit dieser Erklärung werde ich mich kaum motivieren können, mehr Sport zu treiben. Wenn ich mir hingegen sage: Ich war lange nicht laufen, aber ich erinnere mich noch, wie gut es sich angefühlt hat, so richtig fit zu sein. Das wäre die bessere Erzählung, um mich zu motivieren.

Corona in Braunschweig- Alle Fakten auf einen Blick

Unsere Gesellschaft spaltet sich zurzeit in die, die die Pandemie fürchten und die, die nach mehr Lockerungen verlangen. Manche leugnen auch die Pandemie und weigern sich, einen Mundschutz zu tragen oder Abstand zu halten. Hat das auch mit der Geschichte zu tun, die sie sich erzählen?

Manche Menschen können es nicht gut aushalten, wenn sie etwas tun sollen, dessen Sinn sie nicht verstehen. Das macht ihnen Angst. Die einschränkenden Maßnahmen empfinden sie als eine Bedrohung. Und so erfinden sie ihre ganz eigene Geschichte - so entsteht etwas, was wir Verschwörungstheorie nennen. Sie entwickeln ihre alternative Realität, weil sie sich dadurch stärker fühlen, sicherer. Versucht man, sie mit Fakten davon zu überzeugen, dass die Pandemie eine Bedrohung ist, wird man sie nicht umstimmen können. Im Gegenteil, sie würden das als Demütigung empfinden. Vielmehr müsste es darum gehen, die Selbstsicherheit dieser Menschen zu stärken, damit sie das aushalten. Es braucht mehr Menschen, etwa Politiker, die eine Geschichte erzählen, die diesen Menschen das Gefühl gibt: Das, was wir hier machen, ergibt Sinn.

Zurück zum Thema Ihres Buches: Wie kann man die Krise als Chance nutzen?

Im Kern geht es darum, dass wir hinterfragen müssen, was wir uns erzählen. Wenn wir das Gefühl haben, wir hätten eine große Krise, ist das eine gute Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie wir unser Leben wahrnehmen und wie wir es leben wollen. Was wollen wir verändern, um mehr Zufriedenheit zu erreichen? Die Corona-Krise kann man sich dafür wirklich gut nutzbar machen. Das Besondere dieser Krise ist, dass sie die Gewohnheiten fast aller Menschen massiv aufgebrochen hat – das ist eine außergewöhnliche Chance für Veränderung. Das große Problem, wenn wir unser Leben ändern wollen, ist ja, dass wir Gewohnheitsmenschen sind. Es wäre ja auch viel zu anstrengend, ständig alles neu zu reflektieren und zu ändern. Aus diesen Gewohnheiten kommt man nicht so schnell raus. Die Corona-Krise hilft uns dabei.

In Corona-Zeiten mussten viele ihr Verhalten zumindest vorübergehend umstellen und haben gemerkt, dass manches durchaus positiv ist: Sie kochen vielleicht mehr selbst, verbringen mehr Zeit mit ihrer Familie oder entschleunigen, weil sie weniger Freizeitstress haben. Wie kann man dafür sorgen, dass einem solche positiven Effekte nach der Krise erhalten bleiben?

Dass unsere alten Gewohnheiten durch Corona aufgebrochen wurden, ist eine Chance, neue Gewohnheiten zu entwickeln. Das Wichtigste ist, sich frühzeitig zu hinterfragen und zu schauen, welche Verhaltensänderungen einem wirklich wichtig sind aufgrund der Werte, die man hat. Dann muss man prüfen, mit welchem Erzählmuster man diese Verhaltensänderung am besten erreicht. Damit sollte man möglichst früh anfangen, damit sich das neue Verhalten in der Zeit der Krise einschleifen, also zur Gewohnheit werden kann.

Wie kann das gelingen - in Ihrem Buch gibt es ja viele Übungen und Praxisbeispiele?!

Man sollte sich fragen: Wo im Alltag kann ich durch kleine Veränderungen eine große Verbesserung bewirken - man sollte sich also nicht zu viel auf einmal vornehmen. Beispiel: Eltern nehmen sich gerne vor, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Aufgrund von Job, Haushalt und Essenszubereitung aber kommen sie oft nicht dazu. Nun könnte man versuchen, beides zu verbinden: Mit den Kindern gemeinsam zu kochen und gemeinsam den Tisch zu decken, kann für alle eine schöne Zeit sein. Man muss sich also nicht unbedingt Zeit freischaufeln, um Lego zu bauen oder im Kinderzimmer zu spielen, sondern kann das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. So kann man versuchen, mit kleinen Veränderungen eine neue Gewohnheit zu schaffen, die das Leben leichter und entspannter macht.

Kann man sich in Corona-Zeiten auch schlechte Gewohnheiten antrainieren?

Natürlich. Das ist eine Gefahr. Es kann auch passieren, dass wir eher schaurige Gewohnheiten entwickeln, beispielsweise uns noch weniger bewegen und noch mehr zu Hause sitzen, noch mehr online bestellen statt die lokalen Läden zu unterstützen oder uns noch weniger um die Gemeinschaften um uns herum kümmern.

Man kann also festhalten: Eine solche Krise kann das Leben verändern - ob positiv oder negativ, können wir selbst steuern. Wissen wir manches vielleicht auch besser zu schätzen, was uns vor Corona selbstverständlich war?

Mit Sicherheit wissen wir menschliche Kontakte viel mehr zu schätzen, ob es nun das Kaffeetrinken mit der guten Freundin oder das Gespräch mit einem Arbeitskollegen ist. Wir bemerken manchmal ja erst, wie wichtig uns Dinge sind, wenn sie uns fehlen.

Lesung und Buch:

- Die Buchhandlung Graff veranstaltet eine Lesung als Livestream bei Instagram: Am Mittwoch, 10. Juni, stellt Jan Kalbitzer sein eBook „Krise als Neustart. Eine Anleitung“ vor. Beginn um 19 Uhr. Direkt im Anschluss ab 19.30 Uhr kann per Zoom-Videokonferenz mit dem Autor diskutiert werden. Mehr dazu in Kürze auf dem Instagram-Account von Graff

- Das eBook „Krise als Neustart. Eine Anleitung“ von Dr. Jan Kalbitzer ist im Blessing-Verlag erschienen. Der Download kostet 2,99 Euro. ISBN: 978-3-641-27130-5

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