Nostalgie in Notzeiten: Braunschweig hat wieder ein Autokino

Braunschweig.  Am Mittwoch startet das Programm auf dem Schützenplatz. Auch die VW-Bank will mit dem Filmfest ein Kino-Wochenende unter freiem Himmel bieten.

Die große Leinwand für das Autokino auf dem Schützenplatz steht. Am Mittwoch ist Eröffnung. Veranstalter ist das Astor Filmtheater.

Die große Leinwand für das Autokino auf dem Schützenplatz steht. Am Mittwoch ist Eröffnung. Veranstalter ist das Astor Filmtheater.

Foto: Bernward Comes / Braunschweiger Zeitung

Aus der Not geboren: Das Autokino ist zurück. Gemeinsam Filme schauen und doch im Schutz des eigenen Wagens bleiben. Ein kleiner Lichtblick im brachliegenden Veranstaltungsleben der Stadt in der Corona-Krise. Für das veranstaltende Astor Filmtheater keine finanzielle Rettung aus existenzieller Bedrohung, aber die Chance, das Kino in den Köpfen zu bewahren. Wenn am Mittwochabend auf dem Schützenplatz die freiluftige Großbildleinwand an den Start geht, ist die Abendvorstellung mit dem „Joker“ bereits seit Tagen ausverkauft. Die Sehnsucht ist groß nach Abwechslung und Ablenkung. Geplant ist dort eine Mischung aus Klassikern, aktuellen Kinohits sowie Kinder- und Familienfilmen.

Nun hat auch die Kooperation aus VW-Bank und Filmfest verkündet, das Autokinoprojekt der vergangenen beiden Jahre fortzusetzen. Am Wochenende 28. bis 30. August sollen auf dem Parkplatz der Bank an der Gifhorner Straße erneut Filme unter freiem Himmel und auf motorisierten Plätzen gezeigt werden. Stefan Voges, Sprecher von VW Financial Services, erklärt auf Anfrage unserer Zeitung: „Wir stehen ganz klar zu unserem Engagement als Hauptsponsor des Braunschweiger Filmfestes und ebenso zum Format des Autokinos. Wer hätte gedacht, dass die Kombination Auto und Kino ein solches Comeback erlebt.“

Filmfestsprecher Frank Terhorst erinnert sich gern an die beiden ungewöhnlichen Wochenenden auf dem Parkplatz: „Wir hatten in beiden Jahren Superglück mit dem Wetter, Parade-Sonnenuntergänge hinter der Leinwand, so dass die Stimmung auch etwas von Ferienlager bis Urlaub hatte. Alle waren sehr entspannt, erstaunlich geduldig. Das Publikum war sehr gemischt, deutlich anders als beim Festival, was sicher an den eher mainstreamigen Filmen lag. Der Reiz lag bei der ersten Ausgabe darin, etwas anzubieten, an das sich viele noch erinnern konnten, das es aber seit vielen Jahren in Braunschweig nicht mehr gegeben hatte.“

Für das Festival sei es auch eine Chance, abseits vom Novembertermin auf sich aufmerksam zu machen und Menschen anzusprechen, die sonst nicht zum Stammpublikum zählten. Das sei bislang hervorragend gelungen.

Die Geschichtsschreibung notiert das Jahr 1933 als Geburtsstunde des Autokinos. Premiere in New Jersey. Die besondere Atmosphäre machte das Erlebnis, und das Autokino boomte. Liebespärchen fanden im prüden Amerika auf den Rückbänken den perfekten Rückzugsort zum Kuscheln und Knutschen und rebellierten damit auch gegen die Prüderie der Erwachsenenwelt. In Deutschland gab es das erste Autokino erst 1960 in Gravenbruch nahe Frankfurt am Main. Doch mit der steigenden Popularität von Fernsehen und Heimvideos verlosch das Interesse dann auch recht schnell wieder.

In der jüngsten Vergangenheit gab es in Deutschland kaum 20 Anbieter für das nostalgische Drive-in-Vergnügen; mit Corona kommen jedoch immer mehr sogenannte „Popup-Autokinos“ auf, meist wie auch in Braunschweig von örtlichen Kinobetreibern initiiert. Bis Mitte April hatten Betreiber im ganzen Land rund 120 Anträge auf Zuteilung von UKW-Frequenzen für die Tonübertragung gestellt.

In Braunschweig gab es immer wieder Versuche, Autokino zu etablieren. Der filmverrückte Henry Musch aus Sassnitz/Rügen wagte es 2005 auf dem Schützenplatz. Der damals 30-Jährige hatte schon Erfahrung in Rostock, Berlin, Magdeburg und in Prora auf Rügen gesammelt. Für ihn gab es damals viele gute Gründe, ins Autokino zu fahren: „Man kann die Lautstärke selbst bestimmen und auch, wer neben einem sitzt. Außerdem kann man rauchen und reden, ohne dass es jemanden stört. Oft kommen auch junge Familien, und wenn die Kinder müde werden, legen sie sich einfach auf den Rücksitzen zum Schlafen“, erklärte er damals.

Die Gelegenheit ließen sich 2005 auch Manfred Placzek und Gleichgesinnte nicht entgehen. Seit 15 Jahren organisiert Placzek den Porsche Klassik-Stammtisch Braunschweig, der auch die Geschichte und Tradition des VW Käfer und seiner Ableger pflegt. Zur Deutschlandpremiere von „Herbie fully loaded – Ein toller Käfer startet durch“ konnte Placzek Henry Musch überreden, den Film als Sonder-Vorstellung auf dem Schützenplatz zu bringen. Placzek: „Für mich ist Autokino Kult. Eine echte Verflechtung von alter Technik und historischen Autos. Möglicherweise ist es auch die zukünftige Form zu möglichen Oldtimer-Treffen?“ Nach zwei Sommern war 2006 dann doch Schluss auf dem Schützenplatz. Zu wenig Nachfrage. Auch in Stöckheim gab es zeitweise ein Autokino. Anfang der 1980er Jahre fand es offenbar sein Ende. Die Quellen sind spärlich. Wer sich erinnern kann oder gar Fotos hat, melde sich bitte mit dem Stichwort „Autokino Stöckheim“ unter redaktion.braunschweig@bzv.de

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