Braunschweigs Corona-Ampel zeigt, wann wieder Verbote nötig sind

Braunschweig.  Ab 90 Neu-Infektionen pro Woche ist wieder mit Beschränkungen zu rechnen. Das Ziel: eine Überlastung von Kliniken und Gesundheitsamt verhindern.

In Braunschweig sind aktuell 27 Menschen an Covid-19 erkrankt.

In Braunschweig sind aktuell 27 Menschen an Covid-19 erkrankt.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Die aktuellen Corona-Zahlen sorgen überall für Aufatmen: In Braunschweig gibt es zwar nach wie vor neue Infektionen, aber seit rund vier Wochen hat sich der Anstieg sehr verlangsamt. Zur Zeit sind 27 Braunschweiger nachweislich mit dem Virus infiziert, insgesamt wurden bislang 326 Infektionen registriert.

Für die Krankenhäuser und das Gesundheitsamt ist die Lage zurzeit gut beherrschbar. Aber ab wann wird es eng und kritisch, falls es eine zweite Welle gibt? Wann schafft es das Gesundheitsamt nicht mehr, die Kontaktpersonen von Infizierten zu ermitteln? Wann reichen die Betten und Beatmungsplätze in den Krankenhäusern nicht mehr aus, Corona-Patienten angemessen zu versorgen?

Mit dieser Frage hat sich der Krisenstab der Stadt jetzt befasst. Hintergrund ist die Ansage des Bundes, dass ab 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern innerhalb von sieben Tagen wieder härtere, lokale Beschränkungen ergriffen werden müssen. Auf Braunschweig umgerechnet wären das 125 Neuinfektionen. Einen solchen Zuwachs hat es in Braunschweig bisher nicht gegeben. Der höchste Anstieg der Neuinfektionen innerhalb von sieben Tagen lag im März bei 99 (das entspricht 39,6 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner).

Eine Ampel zeigt den Handlungsbedarf

Wird also die vom Bund geforderte Grenze einfach für Braunschweig übernommen? Nein. Die Stadt will schon etwas früher ansetzen, wie die Verwaltung dem Rat am Dienstag mitgeteilt hat. Ein Ampelsystem soll die Vorgehensweise verdeutlichen.

Grün: Bei unter 90 Neuinfektionen pro Woche sind keine einschränkenden Maßnahmen nötig – Lockerungen können weiter umgesetzt werden.

Gelb: Bei 90 bis 125 Neuinfektionen pro Woche müssen Gegenmaßnahmen überlegt und mit der Politik vorbereitet werden. „Schnelle Entscheidungen sind notwendig“, so die Stadtverwaltung. „Einzelmaßnahmen können gegebenenfalls vorab per Allgemeinverfügung geregelt werden.“

Rot: Bei mehr als 125 Neuinfektionen pro Woche besteht aus Sicht des Krisenstabs dringender Handlungsbedarf. Gegenmaßnahmen sind sofort umzusetzen, heißt es hierzu.

Die genannten Zahlen gelten der Verwaltung zufolge „nur“ für die allgemeine Bevölkerung, also für stadtweite Infektionen. Das heißt: Auf begrenzte Ausbrüche zum Beispiel in einem Pflegeheim, in einer Schule oder in einem Betrieb wird anders reagiert.

Die Stadt weist darauf hin, dass das weitere Vorgehen stets von der Dynamik des Anstiegs abhängt: „Ist bereits wieder ein exponentieller Anstieg der Neuinfektionen zu erkennen, muss gegebenenfalls auch schon deutlich früher reagiert werden.“ Wenn beispielsweise zehn Prozent der Beatmungskapazitäten (8 Beatmungsbetten) im Städtischen Klinikum für Covid-19-Patienten belegt sind, hätte dies demnach die gleiche Bedeutung wie das Überschreiten des Wertes von 90 Neuinfektionen (gelbe Phase). Gegenmaßnahmen wären umgehend zu überlegen, so die Verwaltung.

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Offen ist, welche konkreten Beschränkungen zu erwarten sind. Die Stadt will sich dabei am Stufenplan der Landesregierung zur Lockerung der Maßnahmen orientieren.

Klinikum hält 268 Betten und 18 Beatmungsplätze frei

Zur Einordnung des Ampelsystems erläutert die Stadtverwaltung noch einige Hintergründe: Im Moment sind die Krankenhäuser vom Land verpflichtet, 20 Prozent ihrer Bettenkapazitäten auf den Normalstationen und 25 Prozent der Beatmungskapazitäten für Covid-19-Patienten freizuhalten. Im Städtischen Klinikum sind dies aktuell 268 Betten auf den Normalstationen und 18 Beatmungsplätze.

„Die bisherigen Erkenntnisse zeigen, dass Patienten in der Regel 10 bis 14 Tage im Krankenhaus behandelt werden müssen, beatmungsnotwendige Patienten zum Großteil auch deutlich länger“, heißt es in der Mitteilung an den Rat. „Während der ersten Infektionswelle wurden auch Patientinnen und Patienten aus dem Umland in den Braunschweiger Kliniken behandelt. Dies wird wahrscheinlich auch bei einer neuen Infektionswelle der Fall sein.“

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Neben der medizinischen Behandlung spielt das Ermitteln aller Kontaktpersonen der erkrankten Personen eine entscheidende Rolle. Der Aufwand dafür kann sehr hoch sein, je nachdem, wie viele Kontakte die Betroffenen haben. Laut der Stadt kamen bislang in Braunschweig durchschnittlich auf jede Infektion rund zehn Kontakte. „Die konkreten Kontaktzahlen bewegten sich von 0 bis 200 Menschen pro infizierter Person. Insgesamt wurden bisher rund 3000 Braunschweiger Bürger kontaktiert, informiert und zum Teil mit schriftlicher Anordnung in Quarantäne gesetzt.“

Mitte März, als es innerhalb einer Woche 99 Neuinfektionen gab, sei das Gesundheitsamt an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit gekommen. Im Zuge der Pandemie ist das Gesundheitsamt um 38 Mitarbeiter auf knapp 150 aufgestockt worden. Allein 35 Mitarbeiter spüren die Kontakte der Braunschweiger Corona-Fälle auf.

AfD-Ratsherr: Corona-Pandemie ist Fehlalarm

Kritik an der Ampel-Strategie der Stadt gab es in der Ratssitzung lediglich von AfD-Ratsherr Frank Weber: „Bei der angeblichen Corona-Pandemie handelt es sich um einen Fehlalarm“, sagte er. Die Verbote der vergangenen Wochen seien völlig übertrieben und in großen Teilen unwirksam. Er verwies auf die zurzeit geringe Zahl der Infizierten.

„Vor diesem Hintergrund bin ich nicht mehr bereit, diese willkürlichen, diktatorischen Einschränkungen der Grundrechte hinzunehmen.“ Statt die Beschränkungen endlich komplett aufzuheben, würden nun schon weitere Beschränkungen vorbereitet, meinte er. „Wird es auch eine Anpassung in die andere Richtung geben?“

Sozialdezernentin Christine Arbogast konterte, dass seine Sichtweise vollkommen an der Sachlage vorbeigehe: „Vielmehr wäre es angebracht, froh zu sein, dass wir es in Braunschweig geschafft haben, nicht solche Situationen zu erleben, wie wir es in der Lombardei, in Spanien, Frankreich und in den USA gesehen haben. Wir haben viel getan, damit hier in den Kliniken nicht entschieden werden muss, wer beatmet werden kann und wer nicht.“

Man müsse weiterhin beobachten, wie sich die Zahlen entwickeln. Und man werde auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse reagieren, so Arbogast. „Nichts zu tun und einfach abzuwarten, dass Menschen sterben, kann nicht der Weg sein.“

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