Dem Krankenhaus in Braunschweig gehen die Patienten aus

Braunschweig.  Der Ärztliche Direktor des Braunschweiger Klinikums hofft auf eine langsame Rückkehr der Krankenhäuser in die Normalität.

Derzeit kommen weniger Patienten in die Notaufnahmen der Krankenhäuser.

Derzeit kommen weniger Patienten in die Notaufnahmen der Krankenhäuser.

Foto: Hauke-Christian Dittrich / dpa

Patienten mit schweren Erkrankungen schieben einen Arztbesuch wochenlang vor sich her. Menschen etwa mit einer fortgeschrittenen Herzschwäche oder einer Magenblutung warten zu lange, bevor sie ins Krankenhaus gehen. Auch das ist eine Auswirkung der Corona-Krise.

„Wir stellen fest, dass viele Behandlungen durch eine Verschleppung dringlicher werden“, mahnt Dr. Thomas Bartkiewicz, Ärztlicher Direktor des Braunschweiger Klinikums, daher die langsame Rückkehr in die Normalität an. „Der Behandlungsdruck steige. „Auch ein Leistenbruch kann zum Notfall werden, wenn er nicht rechtzeitig operiert wird.“

Seit Wochen haben die Krankenhäuser ihren Betrieb heruntergefahren: Alle planbaren, nicht dringlichen Operationen wurden nach politischer Vorgabe vorerst abgesagt und Klinikstrukturen verändert, um Kapazitäten zu Behandlung von Covid-19-Patienten zu schaffen.

Auch die Patienten reagieren auf die Krise: Die Zahlen in der ambulanten wie in der stationären Notfall-Versorgung sind gesunken. Für die Zentrale Notaufnahme des Braunschweiger Klinikums meldet Bartkiewicz einen 40-prozentigen Rückgang der Notfälle – eine Größenordnung, die Dr. Julia Grude, Leiterin der Notaufnahme im Herzogin-Elisabeth-Hospital (HEH), bestätigt. Marienstift-Geschäftsführer Wolfgang Jitschin registriert ebenfalls weniger Notfälle. In der Chirurgie habe sich die Zahl seit Anfang März um rund 30 Prozent verringert.

In der ambulanten Notfallversorgung in der Region hatten sich zwischen Karfreitag und Ostermontag nur 700 Patienten an den Bereitschaftsdienst der niedergelassenen Kassenärzte gewandt. Im Vorjahr waren es an den vier Tagen noch 2500 gewesen.

Die Ärzte beobachten diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen: Einerseits schrecken in diesen Corona-Zeiten offenbar diejenigen vorm (Aus-)Nutzen der Notfallversorgung zurück, die wegen leichterer und nicht dringlicher Malaisen ohnehin besser im medizinischen Regelbetrieb aufgehoben wären und mitnichten als Notfall-Patienten gelten. Gerade diese „fußläufige“ Klientel hat in der Vergangenheit wesentlich zur Überlastung der Krankenhaus-Notaufnahmen beigetragen.

Andererseits, beschreibt Bartkiewicz die Entwicklung, „sehen wir in der Notaufnahme verstärkt dringliche Fälle, die besser ein bis zwei Wochen früher gekommen wären“.

Die bundesweite Beobachtung, dass in Krankenhäusern seit der Corona-Krise weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle behandelt werden, teilen auch die Ärzte im Braunschweiger Klinikum.

Corona in Braunschweig- Alle Fakten auf einen Blick

Über die Gründe kann Bartkiewicz bislang indes nur mutmaßen. Eine mögliche Erklärung sei, dass sich durch die weitgehende Stilllegung des öffentlichen Lebens auch andere Infektionskrankheiten wie die Grippe zurückgedrängt worden seien. Dies wiederum könnte das Risiko gemindert haben, infolge einer Entzündung im Körper einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden. Kommen üblicherweise täglich im Schnitt 110 Patienten in die Zentrale Notaufnahme des Klinikums an der Salzdahlumer Straße, waren es in den vergangenen Wochen rund 50. Nach und nach kämen wieder mehr. Eine Ursache vermutet der Ärztliche Direktor im steigenden Behandlungsdruck.

Eine wachsende Zahl schwer erkrankter Notfall-Patienten fällt auch Dr. Julia Grude im HEH auf. Wer aktuell in die Krankenhaus-Notaufnahme komme, habe in der Regel ein ernsthaftes Problem.

Für andere sei „die Leidenstoleranz gefühlt größer geworden“. Mit der Folge steigender Risiken. Beispiel Bandscheibenvorfall: Halte der Druck auf eine Nervenwurzel bei einem unbehandelten Vorfall zu lange an, bestehe die Gefahr irreversibler Taubheitsgefühle oder Lähmungen.

Vor allem betagte Patienten, weiß Grude aus Gesprächen in der Notaufnahme, überlegten zweimal, bevor sie zum Arzt gingen. Zum einen aus Eigenschutz, zum anderen, um das Gesundheitssystem nicht zu belasten.

„Wir müssen jetzt das Vertrauen wiedergewinnen, dass Krankenhäuser sichere Orte sind“, sagt Dr. Thomas Bartkiewicz mit Blick auf Covid 19. „Es ist wichtig, zur Normalität zurückzukehren, das aber mit einem wachsamen Auge auf die Entwicklung der Pandemie.“ Die Kapazitäten zur Behandlung von Corona-Patienten müssten weiter vorgehalten werden.

In der Notaufnahme des Marienstifts macht Wolfgang Jitschin dagegen keine erhöhte Zahl von Patienten aus, die „zu spät“ kämen. „Den Patienten ist auf jeden Fall zu raten, bei Beschwerden den Hausarzt aufzusuchen, welcher feststellt, ob eine Behandlung im Krankenhaus erforderlich ist und dann gegebenenfalls ins Krankenhaus einweist. Wenn eine Behandlung notwendig ist, ist sie das unabhängig von der Corona-Pandemie.“

In den Krankenhäusern werden Corona- wie auch Verdachtsfälle räumlich und personell von den übrigen Patienten getrennt. „Niemand muss befürchten“, betont Jitschin, „sich im Krankenhaus mit Corona anzustecken.“

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (5)